Corona-App gestartet

Überblick: Bundesregierung setzt bei Corona-Warn-App auf breite Verwendung

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) setzt auf eine breite freiwillige Nutzung der neuen Warn-App gegen das neuartige Coronavirus.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) setzt auf eine breite freiwillige Nutzung der neuen Warn-App gegen das neuartige Coronavirus.

Bild: Hannibal Hanschke/Reuters Pool/dpa

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) setzt auf eine breite freiwillige Nutzung der neuen Warn-App gegen das neuartige Coronavirus.

Bild: Hannibal Hanschke/Reuters Pool/dpa

Künftig sollen die Bundesbürger auch ihr Handy einsetzen können, um die Corona-Epidemie einzudämmen. Die Regierung baut darauf, dass viele mitmachen.
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dpa
16.06.2020 | Stand: 12:17 Uhr

Im Kampf gegen das Coronavirus ist nach wochenlangen Vorbereitungen die staatliche Warn-App zum freiwilligen Verwenden für alle Bürger gestartet. "Sie herunterzuladen und zu nutzen, ist ein kleiner Schritt für jeden von uns, aber ein großer Schritt für die Pandemiebekämpfung", sagte Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) am Dienstag in Berlin. Sie sei nach den Vorbereitungen nicht die erste Corona-App weltweit, sie sei aber die beste. Die Bürger könnten sich auf hohe Standards beim Datenschutz verlassen. Die Ärzte unterstützen die Anwendung. Die Opposition forderte erneut ein ergänzendes Gesetz.

Die App kommt nach Worten von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) passend zur jetzigen Phase weiterer Corona-Lockerungen. Sie sei "kein Freifahrtschein, aber ein wichtiges weiteres Werkzeug in der Pandemie". Etwa auf Demonstrationen, in Bussen und Bahnen gebe es nun zunehmend "anonyme Nähe" zu anderen Menschen. Die App ermögliche dann Meldungen an Personen, die darüber sonst nie hätten informiert werden können. Spahn verwies auch auf die Urlaubszeit, wenn sich Deutsche im Ausland und bei Ferien im Inland träfen oder von Reisen zurückkommen.

 

Nachverfolgen von Infektionen erleichtern

Die App soll das Nachverfolgen von Infektionen erleichtern. Dafür kann sie messen, ob sich Handynutzer über eine längere Zeit näher als etwa zwei Meter gekommen sind. Ist ein Nutzer positiv getestet worden und hat dies in der App geteilt, meldet sie anderen Anwendern, dass sie sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben. Dann kann man sich auch ohne Symptome auf Kassenkosten testen lassen. Kontaktdaten werden nicht zentral gespeichert, sondern nur auf den Smartphones. Die App-Entwicklung lief über die Deutsche Telekom und den Softwarekonzern SAP, die Kosten liegen bei 20 Millionen Euro.

 

Spahn: Kontaktpersonen schneller warnen

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Corona-Pandemie

Masken sollen bei angespannter Lage innen Pflicht werden

Spahn betonte, die App ersetze nicht vernünftiges Verhalten. Es bleibe wichtig, Abstand zu halten und teils Alltagsmasken zu tragen. Die App könne helfen, Kontaktpersonen schneller zu warnen - dabei sei jede Stunde ein Gewinn. Ärztepräsident Klaus Reinhardt sagte der Deutschen Presse-Agentur: "Das ist ein sehr sinnvolles Instrument." Die App sorge auf einfache Weise dafür, Infektionsketten zu erkennen. Sie wirke natürlich nur dann, wenn man möglichst viele Menschen fürs Mitmachen gewinne. "Sie würde noch besser wirken, wenn man das System grenzüberschreitend in Europa gangbar machen könnte."

 

Bei Google und Apple erhältlich

Nutzer konnten die App seit der Nacht zu Dienstag auf Smartphones herunterladen. Im App-Store von Google war sie bereits um kurz nach 2.00 Uhr morgens verfügbar, bei Apple dauerte es etwas länger. Nutzer klagten in sozialen Medien über Verzögerungen bei der Verfügbarkeit sowie über Probleme beim Herunterladen. In weniger als einer Stunde schienen die Startschwierigkeiten dann überwunden.

 

>> Zum Herunterladen: Die Corona-Warnapp im Google Playstore <<

>> Zum Herunterladen: Die Corona-Warnapp im Apple-Store <<

 

Telekom-Chef: Alles made in Germany

Telekom-Chef Timotheus Höttges sagte, an dem Projekt sei alles "Made in Germany", auch die Server seien in Deutschland. Die Digitalisierung betreffe nicht nur das Nachverfolgen von Infektionsketten, sondern auch Testzentren und Labore. "Wir gehen davon aus, dass gegenüber dem analogen Prozess bis zu vier Tage gewonnen werden können." Bis zu 20 Prozent der großen Testkapazitäten seien inzwischen digitalisiert.

 

Seehofer: Hoher Datenschutz

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) sagte, die App erfülle auch "höchste Ansprüche, was den Datenschutz angeht". Justizministerin Christine Lambrecht (SPD) betonte das Prinzip der "doppelten Freiwilligkeit". Man entscheide selbst, ob man die Anwendung auf dem Smartphone installiere - und dann auch, ob man bei einem positiven Test dies der App mitteile. "Die Freiwilligkeit ist eine der wesentlichen Voraussetzungen dafür, dass diese App angenommen wird." Eine gesetzliche Regelung brauche es nicht.

>> Alle aktuellen Entwicklungen zur Corona-Lage im Allgäu laufend in unserem News-Blog <<

 

RKI-Präsident: Ergänzung für die Arbeit der Gesundheitsämter

Der Präsident des Robert-Koch-Instituts, Lothar Wieler, erklärte, die App solle eine Ergänzung für die Arbeit der Gesundheitsämter beim Nachverfolgen von Infektionsketten sein. So könnten zusätzliche "Risikobegegnungen" identifiziert werden. In die Risikobewertung flössen unter anderem Dauer und Nähe der Begegnung ein.

 

 Grüne wollen Einsatz per Gesetz regeln

Auch nach dem Start dringen die Grünen darauf, den Einsatz der App per Gesetz zu regeln. "Wir hoffen, dass Millionen von Menschen die App jetzt runterladen", sagte Fraktionsvize Konstantin von Notz. "Aber wir glauben, wenn man ein so relevantes Ding ausrollt, dass man dann die rechtlichen Fragen in einem Gesetz geklärt haben muss."

 

Bundesdatenschutzbeauftragter sieht Nachholbedarf

Der Bundesdatenschutzbeauftragte Ulrich Kelber sieht auch noch Nachbesserungsbedarf bei der deutschen Corona-Warn-App. "Aus Sicht des Datenschutzes sehe ich keinen Grund, der gegen eine Installation spricht. Aber es gibt noch Schwachstellen." Vor allem stört sich Kelber an einem Verfahren, bei dem Nutzer eine TAN von einer Telefon-Hotline bekommt, um ein positives Testergebnis in der App einzutragen. Grundsätzlich soll das ohne Telefon-Hotline gehen.

 

>> Lesen Sie auch: Neue Corona-Warn-App zum Herunterladen: Das müssen Sie jetzt wissen <<

 

Norwegische Corona-App wegen Datenschutzbedenken vorerst gestoppt

Während in Deutschland die neue Corona-Warn-App an den Start gegangen ist, liegt ihr vor Monaten eingeführtes Pendant in Norwegen aus Datenschutzgründen vorerst auf Eis. Die norwegische Tracing-App "Smittestopp" sollte nach Angaben des nationalen Gesundheitsinstituts (FHI) ab Dienstag keine Daten mehr einsammeln. Personendaten, die zentral gespeichert wurden, werden so bald wie möglich gelöscht. Zuvor hatte die norwegische Datenschutzbehörde angekündigt, die Verarbeitung der von der App eingesammelten persönlichen Daten vorübergehend verbieten zu wollen, wie das Gesundheitsinstitut bereits am Montag mitgeteilt hatte. FHI-Direktorin Camilla Stoltenberg warnte, dass nun wertvolle Zeit zur Entwicklung und zum Testen der App verloren gehe und sich die Corona-Verbreitung in Norwegen darüber hinaus schlechter verfolgen lasse. Bis zum kommenden Dienstag will ihre Behörde nun auf die Ankündigung der Datenschützer reagieren.

 

Bereits Mitte April eingeführt

Norwegen hatte Mitte April eine freiwillige Corona-Warn-App testweise in einzelnen Kommunen eingeführt. Dabei ging es darum, Norweger per Smartphone frühzeitig zu warnen, wenn sie in der Nähe eines anderen App-Nutzers gewesen sind, bei dem das Coronavirus nachgewiesen wurde. In Sachen Datenschutz gab es mehrmals Kritik an der App: Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International zählte sie in einer am Dienstag veröffentlichten Untersuchung von elf Tracing-Apps zu den den drei weltweit gefährlichsten für die Privatsphäre der Nutzer - neben denjenigen in Bahrain und Kuwait. "Smittestopp" wurde nach Angaben der Gesundheitsbehörde bis Anfang Juni bereits 1,6 Millionen Mal heruntergeladen und hatte bis dahin fast 600 000 aktive Nutzer. Diese bat Stoltenberg, die App weiter auf ihren Smartphones zu behalten, damit sie reaktiviert werden könne, sobald man eine Lösung mit den Datenschützern gefunden habe.