Ostallgäu

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Podiumsdiskussion Landratskandidaten

Podiumsdiskussion Landratskandidaten

Bild: Mathias Wild

Podiumsdiskussion Landratskandidaten

Bild: Mathias Wild

„In einem Tag schafft man das schon“, sagte Günter Räder (Bündnis 90’/Grüne) scherzhaft. Die Frage zu seiner Antwort lautete: Wie lange braucht man mit öffentlichen Verkehrsmitteln vom Norden des Landkreises, der Gemeinde Lamerdingen, nach Hohenschwangau im Süden? Gestellt wurde sie den Ostallgäuer Landratskandidaten beim Wahlforum unserer Zeitung in der Bayerischen Musikakademie in Marktoberdorf.

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Von von alexandra decker
12.02.2020 | Stand: 16:00 Uhr

Ganz so lange, wie Räder scherzte, dauert die Fahrt aber nicht. Die anderen Kandidaten, Ilona Deckwerth (SPD), Matthias Fack (Freie Wähler) und Maria Rita Zinnecker (CSU), lagen mit ihren Schätzungen von zwei Stunden deutlich näher an den tatsächlichen zweieinhalb Stunden. Ein gutes Zeugnis für den Öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) im Ostallgäu ist aber auch diese Zahl nicht, denn mit dem Auto schafft man die Strecke in etwa einer Stunde. Der ÖPNV war daher eines der Themen, die sich die moderierendenAZ-Redakteure Karin Hehl, Dirk Ambrosch und Dominik Riedle herausgesucht hatten, um den Kandidaten auf den Zahn zu fühlen:

Räder gab zu, er würde für die Strecke durch den Landkreis das Auto nehmen. „Für abgelegene Orte wird das Auto weiter nötig sein.“ Fack steigt ebenfalls in seinen Pkw, weil ihm alleine die Vorplanung für die 75 Kilometer lange Strecke (bis Buchloe fährt nur ein Anrufsammeltaxi) zu aufwendig ist. Deckwerth würde mit dem Auto zum Buchloer Bahnhof fahren und mit dem Zug weiter, denn ab da habe man ein gute, barrierefreie Verbindung. Zinnecker gibt zu bedenken, dass der Tourismus-Verkehr im Sommer den Vorsprung des Autos reduziere.

Eine Rolle bei der ÖPNV-Diskussion spielte auch das im Oberallgäu geplante 100-Euro-Ticket. Es handelt sich dabei um eine 12-Monats-Karte für 100 Euro, mit der alle Bus- und Bahnverbindungen genutzt werden könnten. Eine Idee auch fürs Ostallgäu? „Damit will man mehr Erwachsene in den ÖPNV bringen“, sagte Räder. Es vereinfache das System. Ein solches Ticket reicht laut Deckwerth nicht, man brauche auch eine bessere Taktung, müsse Linien ergänzen, und es müsse normal werden, den ÖPNV zu benutzen. Zumal, sagt Zinnecker, für ein 100-Euro-Ticket noch Absprachen mit der Bahn nötig seien. Darüberhinaus werde im Ostallgäu bereits einiges getan, zum Beispiel die Fahrgastoffensive, bei der Schüler umsonst fahren und es Rabatte für Auszubildende und Senioren gibt. Für Fack ist ein leichterer Zugang zu Rufbussen und Anrufsammeltaxis ein wichtiger Punkt, damit was vorwärts geht.

Der Strukturwandel in der Landwirtschaft setzt laut Deckwerth einerseits Arbeitskräfte frei. Andererseits werden welche gebraucht, beispielsweise bei AGCO/Fendt, wo die Mitarbeiterzahl steige. Solche Betriebe seien wichtig für die Region, weil die Leute dort gut verdienen und sich auch das Leben vor Ort leisten können. Viele Landwirte sind unter anderem durch Artenschutzdebatten verunsichert, sagte Fack. Ihnen müsse man neue Sicherheit geben. Direktvermarktung ist für ihn eine Möglichkeit einen Schulterschluss zwischen Bauern und Gastronomie herzustellen. „Das Verbraucherverhalten muss sich ändern“, sagt Fack. Um das zu erreichen, will er darüber aufklären, was hinter Billigpreisen steckt. Insgesamt kann der Landkreis für Landwirte aber nicht gar so viel machen. „80 Prozent sind EU gesteuert, der Rest von Bund und Land“, sagte Zinnecker. Vor Ort setzt sie auf gute Beratungsangebote. Geht es nach Räder müssen die Bauern umdenken. Um auf dem Weltmarkt mitzuhalten, müssen sie ständig wachsen. Dabei sei das Ostallgäu prädestiniert für den Biomilchmarkt. „Da läuft auch wieder was“, betonte er. Deckwerth räumt ein, wenig über Landwirtschaft zu wissen, will aber die Regionalvermarktung ausbauen und versuchte schon als Lehrerin, Wertschätzung für die Bauern zu gewinnen, indem sie mit ihren Schülern Höfe besuchte.

Bei der Digitalisierung waren sich die Kandidaten weitgehend einig: Der Ausbau von Mobilfunknetzen und Datenleitungen ist dringend nötig und vor allem Aufgabe der Kommunen. Das Projekt stagniert aber vor allem aufgrund fehlender Firmen, die den Ausbau umsetzen.

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Um Fachkräfte in die Region zu holen, müssen sich diese laut Deckwerth das Leben hier leisten können. Ergo: Bezahlbarer Wohnraum müsse her. „Wir sind eine attraktive Region, in die viele junge Leute nach dem Studium zurückkommen, besonders, wenn sie über ehrenamtliches Engagement in Vereinen an ihre Heimat gebunden sind“, sagte Zinnecker. Die Work-Life-Balance spiele zudem eine wachsende Rolle, neben Wohnraum und Infrastruktur. Auch Fack streicht das Ehrenamt heraus, um Junge in der Region zu halten. Es dürfe nicht noch mehr reguliert werden. Auch kleinere Betriebe würden attraktiver für Azubis, wenn sie diesen beispielsweise Auslandsaustausche ermöglichen.

Gibt es zu viele Touristen im Landkreis und wie kann man Urlauberströme steuern? Einig waren sich die Kandidaten, dass der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor ist und der Norden sowie die Mitte des Landkreises im Gegensatz zum Süden mehr Gäste vertragen. Ziel ist insgesamt „ein nachhaltiger Qualitätstourismus“, sagte Zinnecker. Gerade im Füssener Raum muss der Tourismus laut Fack gelenkt werden, zumal er weiter wachse. Zurückbauen sei nicht möglich, außer man schaffe Schloss Neuschwanstein ab. Für den Norden sieht er etwa im Radtourismus Potenzial. Für Deckwerth lassen sich Besucherströme unter anderem durch die Wandertriologie, die den ganzen Landkreis einschließt, lenken.

Auch das Festspielhaus (FSH) in Füssen spielt für sie dabei eine Rolle, da es durch Angebote übers ganze Jahr Besucherströme entzerre. Deshalb gelte es „zu schauen, wie Landkreis und Stadt es unterstützen können“. Direkt durch Fördermittel sei das nicht möglich, aber durch kulturelle Angebote des Landkreises dort. „Betriebskosten können wir nicht übernehmen, aber sämtliche Verbindungen in Gang setzen, um das Festspielhaus zu erhalten“, sagte Zinnecker. Fack nannte die Verkehrssituation rund um das FSH verbesserungswürdig. „Das Programm muss man breit aufstellen“, betonte er. Für Räder ist es zunächst Sache des privaten Investors. Wenn er es nicht hinkriege, müsse man weiterschauen.

Wie es nach dem Fund des historisch bedeutsamen Primatenskeletts Udo weitergehen könnte, war eine weitere Frage. Zinnecker plant eine Wanderausstellung. 450 000 Euro seien zudem im Staatshaushalt vorgesehen, um die Grabungen voranzutreiben und für eine Machbarkeitsstudie für ein Besucherzentrum. Auch Fack setzte auf eine Ausstellung und Information vor Ort. Deckwerth schlug unter anderem vor den Namensgeber des Fundes, Udo Lindenberg, zum Konzert einzuladen und Udo selbst als Maskottchen für den Gesundheitstourismus zu machen, da er den aufrechten Gang begründet habe und somit gut zum Beispiel zu Gesundheits- und Wanderangeboten passen.

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