Egal ob Berlin, Hamburg, Köln, Frankfurt, Stuttgart, München oder Kempten, Memmingen und Kaufbeuren – wer die „Mord und Totschlag“-Abteilungen der Buchhandlungen aufsucht, stößt unweigerlich auf Allgäu-Krimis. Allen voran – oft als Blickfang drapiert – sind die Kluftinger-Romane des Allgäuer Autoren-Duos Volker Klüpfel und Michael Kobr. Zehn Mal haben sie ihren kauzigen Kommissar Kluftinger ermitteln lassen, und ein Ende ist nicht in Sicht, wie die beiden unlängst durchblicken ließen. Dagegen hat Jürgen Seibold seine Allgäu-Krimi-Reihe nach sieben Büchern abgeschlossen.
Im letzten Band „Volltreffer“ bekommt es der aus Niedersachsen stammende Kemptener Kommissar Eike Hansen noch einmal mit einem skurrilen Mordfall zu tun: Der alte Eigenbrötler Roth wird tot in einem Toilettenhäuschen in der Nähe der Burgruine Hohenfreyberg bei Pfronten gefunden. In seiner Stirn steckt der Bolzen einer Armbrust. Auf Hansen und sein Team wartet viel Arbeit, und obendrein steckt der Kommissar in komplizierten Hochzeitsvorbereitungen.
Er hätte schon noch ein paar Geschichten für Hansen auf Lager gehabt, sagt Jürgen Seibold, der in Leutenbach bei Waiblingen zuhause ist. Aber sein Verlag, Piper aus München, hatte dem 59-Jährigen eine neue, überregional angelegte Krimi-Reihe angeboten. Der erste Band um die Pharmazeutin und Expertin für Heil- und Giftpflanzen, Maja Ursinus, ist bereits erschienen („Schwarzer Nachtschatten“), weitere Bücher sollen folgen. Mit „Schneewittchen und die sieben Särge“ brachte Seibold 2019 zudem einen humorvollen Krimi um einen Buchhändler und Ex-Geheimagenten heraus (ebenfalls bei Piper).
Dass Seibold beim Piper-Verlag landete, daran war übrigens Kluftinger schuld. Als Klüpfel und Kobr Piper signalisierten, zu einem anderen Verlag wechseln zu wollen, suchten die Verantwortlichen Autoren, die die Allgäu-Krimi-Lücke füllen sollten, erzählt Seibold. 2013 ließ er dann seinen Kommissar Eike Hansen erstmals ermitteln, was eine Piper-Kollegin freilich auf die Palme brachte. Nicola Förg, deren 2002 veröffentlichter Roman „Schussfahrt“ als erster Allgäu-Krimi gilt, fand es nicht lustig, dass der neue Kommissar in Lechbruck, also vor ihrer Haustür in Prem, ermittelte. Gebietsschutz gebe es in der Literatur eben nicht, sagt Seibold. Jahr für Jahr ließ er einen weiteren Allgäu-Krimi mit wechselnden Schauplätzen folgen. Die Gesamtauflage der sieben Bücher liegt bei 180 000.
Jürgen Seibold kennt das Allgäu. Seine Eltern hatten jahrzehntelang eine Ferienwohnung in Weißensee bei Füssen, sagt er. Für seine Romane recherchierte er stets vor Ort. Ein Regional-Krimi lebe ja nicht nur von Spannung, sondern auch von der jeweiligen Natur, Kultur und Sprache. So manchen Allgäuer Satz und Ausdruck ließ er sich von Einheimischen „absegnen“. Manchmal durfte er seine Recherchen sogar an Stammtischen machen.
Der Reiz seiner Allgäu-Krimis liegt in der Person des Eike Hansen, den der gebürtige Stuttgarter Seibold als Gegenstück zum behäbigen Kässpatzen-Liebhaber Kluftinger konzipierte. Sein Ermittler aus Niedersachsen ist sportlich und mag Matjes. Der Chef der Kemptener Kripo glaubt, das Allgäu zu kennen, weil er dort viele Urlaube verbrachte. Doch weit gefehlt. Er muss noch viel lernen – auch von seinen Allgäuer Kollegen.
Der Blick von außen auf das Allgäu sorgt beim Lesen immer wieder für Heiterkeit, und das ist beabsichtigt. Denn bierernst will Jürgen Seibold seine Krimis nicht verstanden wissen. Er spielt viel mit Allgäu-Klischees, und es gibt viel zu schmunzeln. „Running Gags“ sind die aussichtslosen Scharmützel, die Eike Hansen in seiner Wohnung am Forggensee mit dem Kater Ignaz liefert. Folgerichtig hat der selbstbewusste Allgäuer Stubentiger im siebten Fall quasi das letzte Wort – und das ausgerechnet auf der Hochzeit des Kommissars mit der Gerichtsmedizinerin Resi ...