Wann bricht er auseinander?

„Es bewegt sich da oben mehr als gedacht“ - Felsspalt am Hochvogel wird genau überwacht

Am Hochvogel droht der gesamte südliche Gipfelbereich „wegzukippen“. Der gewaltige Spalt in dem Hauptdomit-Massiv wird immer tiefer und breiter.

Am Hochvogel droht der gesamte südliche Gipfelbereich „wegzukippen“. Der gewaltige Spalt in dem Hauptdomit-Massiv wird immer tiefer und breiter.

Bild: Michael Munkler

Am Hochvogel droht der gesamte südliche Gipfelbereich „wegzukippen“. Der gewaltige Spalt in dem Hauptdomit-Massiv wird immer tiefer und breiter.

Bild: Michael Munkler

Das Planungsbüro "Teamwerk" aus Burgberg betreut das Messsystem, mit dem kleinste Veränderungen am Hochvogel aufgezeichnet werden. Wann bricht er auseinander?
29.06.2022 | Stand: 07:37 Uhr

Stefan Spiessl zeigt auf das Display seines Handys: Darauf zu sehen ist eine Linie mit unterschiedlich starken Ausschlägen und Schwankungen nach unten und oben. Sozusagen der Herzschlag des 2594 Meter hohen Hochvogels in den Bad Hindelanger Bergen. Alle fünf Sekunden werden Messdaten über den berüchtigten Felsspalt am Hochvogel gesendet 7200 in einer Stunde, im Winter wie Sommer ganzjährig. Es geht um Veränderungen im Inneren des Berges und die Frage, ob der Spalt sich weiter öffnet.

Spiessl arbeitet als Projektleiter bei Teamwerk und ist unter anderem am Hochvogel-Forschungsprojekt der Technischen Universität München (TU) beteiligt. Teamwerk, seit Kurzem mit Firmensitz in Burgberg, ist eine Tochter des Schweizer Ingenieurbüros Sicurent, spezialisiert auf die Überwachung von geomechanischen Vorgängen wie Hangverschiebungen oder Bergstürzen. Auch Bauwerke, Staumauern oder Bahngleise werden überwacht. Kleinste Veränderungen und Verschiebungen können Katastrophen auslösen, deswegen arbeiten Ingenieure und Wissenschaftler an der Optimierung von Frühwarnsystemen. So wie am Hochvogel.

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Die Teamwerker haben zwei Sensoren an der Ost- und Südseite des Hochvogels angebracht, die rund um die Uhr messen. Die Daten werden online den Wissenschaftlern um den Geologen Professor Michael Krautblatter von der TU München geschickt und dort ausgewertet. Und Spiessl kann die Messungen auch auf seinem Handy verfolgen.

Alle Satellitensysteme werden genutzt

„Die Software für das System haben wir entwickelt“, sagt Sicurent-Firmenchef Heinrich Seger im Gespräch mit unserer Zeitung. Dabei nutze man alle vier Satellitensysteme, die es gibt: Das europäische, das russische, das chinesische und das US-amerikanische. „Wir sind weltweit die einzigen, die ein solches Monitoring anbieten“, sagt Seger. Es gehe beispielsweise auch um minimale Veränderungen von Hochhäusern oder Brücken und die Entwicklung von Frühwarnsystemen – wie am Hochvogel.

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Dabei hatte es an dem Oberallgäuer Berg beim Beginn der wissenschaftlichen Arbeiten vor vier Jahren durchaus Probleme gegeben „Wir hatten da oben keinen Strom, kein Internet und gar nichts“, erinnert sich Spiessl. Eine Richtfunkantenne, Solarmodule und Energiespeicher mussten hinauf transportiert und installiert werden, damit die Messinstrumente rund um die Uhr arbeiten und Ergebnisse senden können. Und das bei extremen klimatischen Bedingungen in dieser Höhe.

Schon 270 Felsabstürze

Inzwischen gibt es Auswertungen der Messungen. „Es bewegt sich da oben mehr als gedacht“, sagt Sicurent-Chef Seger. Allein im ersten Jahr nach Installation des Frühwarnsystems wurden 270 zumeist kleinere Felsabbrüche in der gewaltigen Südflanke des Bergs registriert. Aber auch „kühlschrankgroße Teile“ donnerten die Wand hinunter, berichtet Spiessl und warnt eindringlich vor einer Begehung des Bäumenheimer Wegs, eines Klettersteigs durch die Südseite von Hinterhornbach (Tirol) aus. Offiziell gesperrt ist der Weg bereits seit September 2014. Von Norden kann der Hochvogel über den Normalweg weiter gefahrlos bestiegen werden.

Steht ein ganz großer Felssturz am Hochvogel mit bis zu 260.000 Kubikmetern Felsmasse unmittelbar bevor? Zumindest der sich jährlich um mehrere Zentimeter weiter öffnende Spalt im Hauptdolomit-Gipfelaufbau deutet darauf hin. Inzwischen ist er etwa 50 Meter tief und der südliche Gipfelbereich wird vermutlich irgendwann in Richtung Hornbachtal „wegkippen“. Eine Gefahr, dass Siedlungen im Talbereich in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, bestehe nach Ansicht von Experten nicht. Wissenschaftler Krautblatter will demnächst bei einem Besuch im Allgäu über die neuesten Forschungsergebnisse am Hochvogel informieren.

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