Festival in Kempten

Jazz bei Classix: Zum Wundern und Wohlfühlen

Experimentierfreudig: Gitarrist Wolfgang Muthspiel und sein Trio.

Experimentierfreudig: Gitarrist Wolfgang Muthspiel und sein Trio.

Bild: Ralf Lienert

Experimentierfreudig: Gitarrist Wolfgang Muthspiel und sein Trio.

Bild: Ralf Lienert

Der prickelnde Auftritt des Trios von Gitarrist Wolfgang Muthspiel zeigt: Beim Festival Classix in Kempten etabliert sich nun auch der Jazz.
25.09.2020 | Stand: 17:45 Uhr

Nach dem Auftritt von Wolfgang Muthspiels Trio ist es unüberhörbar geworden: Der Jazz hat seinen Platz im Kammermusik-Festival „Classix“ gefunden. Der 55-jährige Wiener Gitarrist, ein Schwergewicht seiner Zunft, brachte eine prickelnd-zeitgenössische Spielart des Genres mit nach Kempten und sprach damit Kopf und Bauch der gut 100 Besucher im ausverkauften Fürstensaal gleichermaßen an. Musik, die irdisch und himmlisch zugleich klingt.

Bei der zweiten Auflage von Classix verwirklicht Benjamin Schmid, der Künstlerische Leiter, seine Ankündigung: Er bringt nicht nur seine Klassikkompetenz ein, sondern macht auch seine zweite Leidenschaft dem Publikum schmackhaft. Der Kemptener Brückenkopf Franz Tröger spielt dabei gerne mit.

Dies verändert das Festival, gibt ihm eine neue Gestalt. Was sich freilich erst nach und nach manifestiert. Lässt man die Konzerte der ersten Tage Revue passieren, kann man sogar einen artistischen Spagat erkennen. Da gab es strenge, fein ziselierte Kammermusik von Beethoven und Penderecki, außerdem beschwingten Gypsy-Jazz, der ja Klassik-Status auf dem weiten Feld des Jazz hat. Und nun das „Muthspiel Chamber Trio“, das mit seinem Namen klassische Anklänge suggerieren mag, aber nichts anderes präsentiert als eine der Gegenwarts-Strömungen des Jazz.

Wie ein ruhiger Fluss strömt die Musik dahin

Wobei das Wort Strömung bestens passt auf die Musik von Wolfgang Muthspiel und seinen beiden Begleitern Mario Rom (Trompete) und Colin Vallon (Klavier). Zwar geben sie mittels des traditionellen Gerüsts von Thema - Improvisation - Thema den Stücken eine gewisse Form. Aber ihre Musik fließt in dieser ungewöhnlichen Besetzung ohne Bass und Schlagwerk durchweg wie ein ruhiger Fluss dahin, mäandert sich durch Klanglandschaften, treibt mal dahin, mal dorthin, wie es den Dreien gerade in den Sinn kommt. Das ist höchste Triokunst im Jazz: Wenn die Musiker gleichberechtigt und kreativ (polyphone) Melodielinien ziehen, einen gemeinsamen Puls oder Rhythmus suchen und finden, wenn sie dies alles mit komplex kräuselnden Harmonien unterlegen, die weit entfernt sind von dem, was man gewöhnlich so hört in der klassischen Klassik und im klassischen Jazz. Schade nur, dass manches untergeht in der nicht ganz geeigneten Akustik des Fürstensaals.

Im Publikum tauchen neue Gesichter auf

Lässt man sich mittreiben in diesem bisweilen experimentellen Strudel, dann taucht man ein in neue Welten, entdeckt unbekannte, bisweilen bizarre Schönheiten. Eine aufregende Fahrt auf dem Fluss. Generell versuchen die Drei, ihre Zuhörer zu überraschen, und sei es auch nur mit einfach-heiteren Melodien oder meditativen Soundflächen. Man kann sich mal wundern, was da zu hören ist, mal einfach nur wohlfühlen und vor sich hinträumen – bis die nächste überraschende Wendung kommt.

Die neue Kontur, die Classix damit erhält , spiegelt sich auch im Publikum. Plötzlich tauchen neue Gesichter auf, eine andere Atmosphäre entsteht. Neugier wird geweckt auf das jeweils andere. Jazz befruchtet die Klassik. Und umgekehrt.