Kaufbeuren vor 75 Jahren

Als die Panzer anrollten, hisste Amtmann Seibold die weiße Fahne

Sergeant Fred Hoxey, Angehöriger der 55th Fighter Group, vor dem Schild der Militärregierung am Haupteingang des Kaufbeurer Rathauses im Sommer 1945.

Sergeant Fred Hoxey, Angehöriger der 55th Fighter Group, vor dem Schild der Militärregierung am Haupteingang des Kaufbeurer Rathauses im Sommer 1945.

Bild: Stadtarchiv Kaufbeuren

Sergeant Fred Hoxey, Angehöriger der 55th Fighter Group, vor dem Schild der Militärregierung am Haupteingang des Kaufbeurer Rathauses im Sommer 1945.

Bild: Stadtarchiv Kaufbeuren

Am 27. April 1945 marschierten die Amerikaner in Kaufbeuren ein. Wie die Stadt vor der sinnlosen Zerstörung bewahrt wurde.
08.05.2020 | Stand: 07:37 Uhr

Vor 75 Jahren, am 8. Mai 1945, endete mit der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht der Zweite Weltkrieg in Europa. Die Ereignisse an diesem Tag in Kaufbeuren lassen sich schwer rekonstruieren – die Quellenlage ist marginal, Zeitzeugen kaum noch vorhanden. Ein Artikel der Osterausgabe des „Allgäuer“ vom April 1955 gibt Aufschluss darüber, was sich zehn Jahre zuvor ereignete.

Es ist ein Zeitzeugenbericht des damaligen Bürgermeisters Karl Deinhardt, der die Ereignisse aus seiner Sicht erzählt. Deinhardt war als Oberst der erste Kommandeur am Fliegerhorst, wurde Mitte des Krieges als Generalleutnant in den Ruhestand versetzt und hatte seinen Wohnort nach dem Ausscheiden aus der Luftwaffe in Kaufbeuren. Nach dem Tod seines Vorgängers Hans Wildung (1943) übernahm Deinhardt kommissarisch die Amtsgeschäfte im Januar 1944.

Die Stadt war von den alliierten Bombenangriffen, anders als Augsburg, München oder Kempten, weitgehend verschont geblieben, sieht man von dem einzigen Abwurf am damaligen Stadtrand ab, bei dem ein Haus zerstört und ein Ehepaar getötet wurde. Mitte April war die Situation der Kaufbeurer Bevölkerung dennoch angespannt. Dem Anrücken der Amerikaner sah man mit gemischten Gefühlen entgegen, niemand wusste, was einen erwarten würde.

Gefahr durch den Fliegerhorst

Die Nähe des Fliegerhorstes stellte dabei eine Bedrohung dar. Das dortige Kampfbataillon hätte eine Beschießung der Stadt hervorrufen können – und damit schwerste Opfer unter der Zivilbevölkerung. Zudem hätte eine Bombardierung der wenige Kilometer nördlich von Kaufbeuren liegenden Dynamit AG verheerende Auswirkungen gehabt.

Am 25. April hatte die 103. US-Infanterie-Division den Donauübergang westlich von Ulm eingenommen und stand einen Tag später in Mindelheim. Von dort aus war das 410. Infanterieregiment auf die Einnahme Kaufbeurens am 27. April angesetzt worden. Auf der deutschen Gegenseite war die Befehlslage unklar, es gab keine geschlossenen Kampfverbände mehr. Zudem besaßen die alliierten Kampfflugzeuge die absolute Luftherrschaft. Die Einnahme Kaufbeurens schien ein Kinderspiel zu sein. Trotzdem bereiteten Bürgermeister Deinhardt und der Kreisleiter der NSDAP in Marktoberdorf noch die Verteidigung der Ortschaften vor. Es wurde Sperren angelegt, um sie vor der Zerstörung zu bewahren. Man überlegte zunächst auch, Brücken und Bahnobjekte zu sprengen, erkannte dann aber, dass dies sinnlos gewesen wäre.

Lesen Sie auch
##alternative##
Menschenrechte

Mexiko: Angehörige von Verschleppten kritisieren Ermittler

Schon Tage vor dem 27. April 1945 war die Bevölkerung Kaufbeurens beunruhigt: Seit Anfang April gab es ständig Fliegeralarme, die Gerüchteküche über den Frontverlauf und das Vorrücken der Amerikaner und Franzosen kochte. Ab dem 22. April kam es zu Hamsterkäufen, denn das Ernährungsamt hatte alle Waren zum Kauf ohne Marken freigegeben. Am Vormittag des 27. April war das Depot der ersten Gebirgsdivision an der Füssener Straße freigegeben worden und die Kaufbeurer Bürger zogen dort hinaus, um etwas Brauchbares zu ergattern. Die Betriebe arbeiteten noch und selbst am Gymnasium wurde noch bis 9.30 Uhr unterrichtet. Deinhardt hatte seinen Posten dauerhaft im Rathaus bezogen und stand in Kontakt mit der Kreisleitung der NSDAP.

Ereignisse überschlugen sich

Am frühen Morgen des 27. April, gegen 3.30 Uhr, teilte ihm die Kreisleitung mit, dass die US-Truppen Mindelheim eingenommen hätten. Stadtführung, Vertreter von Partei und Wehrmacht waren sich, entgegen dem „Nero-Befehl“ der Berliner NS-Führung einig, Kaufbeuren nicht zu verteidigen. Daher sah man von der Einberufung des Volkssturmes ab. Um nicht von den Panzerspitzen der US-Streitkräfte überrollt zu werden, setzte sich das Kampfbataillon des Fliegerhorstes frühmorgens Richtung Südwesten ab.

Deinhardt wusste um die geschwächten deutschen Streitkräfte und nahm die Mitteilung um 9 Uhr, dass sich zwei Bataillone aus dem Raum Schongau auf den Weg nach Kaufbeuren befänden, um die Stadt zu verteidigen, nicht ernst. Gegen Mittag bewegten sich die US-Truppen auf die Stadt zu. Auf der Höhe von Pforzen fächerte das Bataillon US-Infanterie-Regiments auf: Ein Teil bewegte sich mit Unterstützung von gepanzerten Kräften über die Mindelheimer Straße, ein weiterer fuhr über Leinau und Petersruh, der dritte Teil ging unter Umgehung der Dynamit Nobel AG (ohne diese zu wahrzunehmen) über Obergermaringen auf die Stadt zu. Gegen 13.30 Uhr standen die US-Truppen am Nord- und Ostrand der Stadt Kaufbeuren. Begleitet wurden sie von tieffliegenden amerikanischen Jagdbombern, die immer wieder MG-Salven abgaben.

Weiße Fahne gehisst

Deinhardt hatte alle Bediensteten des Rathauses mit Ausnahme der Polizei nach Hause geschickt und beobachtete aus dem oberen Stockwerk das Herannahen der Panzer, die sich wie ein endloser Wurm auf die Stadt zu bewegten. Als die Panzer über den Ringweg und das Rosental in die Innenstadt einbogen, hisste Amtmann Seibold die weiße Fahne.

Der als Dolmetscher bestellte Professor Gessenharter trat vom Rathaus mit einem weißen Taschentuch winkend, den amerikanischen Infanteristen entgegen und versicherte ihnen auf Englisch, dass sich im Rathaus keine Soldaten befänden. Zwischenzeitlich war Deinhardt von einem weiteren Dolmetscher über die Ankunft der Amerikaner informiert worden und traf im Rathausfoyer auf Major Blummer und seinen Adjutanten, der Deutsch sprach.

Der Bürgermeister übergab ihnen in diesem Moment die Stadt. Um jede Kommunikation nach außen zu verhindern, trennten die Besatzer alle Telefonleitungen. Die Verhandlungen über die Übergabe der Stadt im Bürgermeisterbüro zogen sich bis 21.30 Uhr hin. Die Amerikaner wunderten sich, dass die Stadt nicht verteidigt worden war. Am späten Abend war die kampflose Einnahme Kaufbeurens abgeschlossen – und der Krieg für die Kaufbeurer beendet. Bürgerhäuser für die Besatzer wurden beschlagnahmt, der Fliegerhorst wurde zum Kriegsgefangenenlager umfunktioniert und es wurde eine Militärregierung eingerichtet.

Probleme nicht endgültig gelöst

Die Probleme waren damit aber nicht gelöst. Neben den Kriegsgefangenen galt es auch die vielen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge aus der Region unterzubringen, mit Lebensmitteln und medizinisch zu versorgen. Der Krieg mit seiner physischen Gewalt war für die meisten Kaufbeurer beendet – doch nicht für alle: In der Heil- und Pflegeanstalt wurde noch bis zum 2. Juli das Euthanasieprogramm fortgesetzt.