Marktoberdorf

„Wie viel Tourismus verträgt das Allgäu?“

Kreistag Noch Segen oder schon Fluch? Erregte Debatte über Besuchermassen, Wachstum und wer von den Gästen profitiert
##alternative##
Von Dirk Ambrosch
13.05.2019 | Stand: 16:27 Uhr

Im Ostallgäuer Kreistag haben sich die Mitglieder eine erregte und erhitzte Debatte geliefert über die Auswirkungen des Tourismus für die Region. Im Kern ging es um die Frage: Sind die Grenzen des Wachstums bereits erreicht? Hubert Endhardt (Grüne) und Roland Brunhuber (ÖDP) sehen für den Süden des Landkreises bereits Folgen des Massentourismus und kritisierten den Übertourismus. Dagegen warnten Uschi Lax (CSU) und Paul Iacob (SPD) davor, den Tourismus zu verteufeln. Die Region und die Einheimischen profitierten davon.

Die beiden Geschäftsführer Klaus Fischer und Bernhard Joachim hatten zunächst dargelegt, wie die Allgäu GmbH (Zusammenschluss aus Kreisen und Städten und damit offizielle Dachorganisation) mit ihrem Budget von 4,8 Millionen Euro die Marke und den Standort Allgäu sowie den Tourismus in der Region fördert. Es war die Rede von touristischen Leitprodukten, digitalem Marketing oder der Markenvision 2020 für das Allgäu. Gegen Ende der rund 45-minütigen Präsentation sagte Bernhard: „Das große Ziel und der Auftrag der Allgäu GmbH ist es, neue Gäste ins Allgäu zu holen und sie zu Stammgästen zu machen.“

Für das vergangene Jahr verzeichnete der Tourismusverband Allgäu/Bayerisch-Schwaben wieder einmal eine Rekordbilanz: Erstmals kamen über sechs Millionen Gäste in die Region. Auf das Allgäu bezogen macht der Tourismus zwar weniger als 15 Prozent der gesamten Wertschöpfung aus, aber diese 15 Prozent bedeuten immerhin 3,1 Milliarden Euro Umsatz im Jahr. Doch ist die Region auch ein Industriestandort mit vielen Hightech-Betrieben. Auf den Vortrag folgten jede Menge Wortmeldungen und eine durchaus kontroverse Aussprache.

Während Alois Kling (CSU) noch Lob verteilte an die Allgäu GmbH („geniale Einrichtung, für die wir bayernweit bewundert und beneidet werden“), bekam die Diskussion mit der Wortmeldung von Hubert Endhardt (Grüne) einen neuen Dreh. Endhart erkannte zwar durchaus die „gute Arbeit“ der Allgäu GmbH an, fragte aber zugleich: „Sind die Grenzen des Wachstums nicht bereits erreicht – oder gar überschritten? Und wie viel Tourismus verträgt das Allgäu überhaupt?“ Aus Gesprächen mit Einheimischen wisse er, dass manche die Stadt Füssen mittlerweile an Wochenenden meiden. Man werde dort quasi „niedergewalzt“ von den Menschenmassen. „Die negativen Erscheinungen des Tourismus’ sind auch bei uns angekommen“. Endhardt warb für einen „sanften, nachhaltigen Tourismus“. Auch Roland Brunhuber (ÖDP) kritisierte den „Overtourism“ im Süden des Landkreises. Dort gebe es so viele Tagestouristen, dass dies nicht mehr zu verkraften sei.

Füssens Bürgermeister Paul Iacob (SPD) reagierte aufgebracht. „Ich verbitte mir solche Ausdrücke!“, sagte Iacob in Richtung Endhardt. „In Füssen wird niemand niedergewalzt!“ Man müsse im Hinterkopf behalten, wie stark das Allgäu vom Tourismus profitiere. „Wenn diese Region nicht den Tourismus hätte, würde hier immer noch Flachs angebaut“, rief Iacob den Kreistagsmitgliedern zu. Es sei die Maxime der Allgäu GmbH, die Qualität des Tourismus stets verbessern zu wollen. Negativäußerungen über den Tourismus wirkten sich da kontraproduktiv aus. Auch Uschi Lax (CSU) warnte davor, „den Tourismus zu verteufeln“. Die Einheimischen profitierten schließlich von der touristischen Infrastruktur.

Lesen Sie auch
##alternative##
Ansturm auf die Allgäuer Alpen

Staus, Wildparker und Hotspots: Lassen sich Bergtouristen wirklich lenken?

Landrätin Maria Rita Zinnecker sprach von „Spannungsfeldern“ im Tourismus. Sie sagte, es gebe im Ostallgäu durchaus noch Kommunen, die sich mehr Gäste wünschten. Allgäu-GmbH-Geschäftsführer Fischer räumte ein, man müsse für „einige Hotspots“ Konzepte entwickeln, um die Touristenströme zu lenken. „Das Wichtigste für die Gäste im Allgäu ist die Natur. Und die müssen wir erhalten“, sagte Fischer.