Geflüchteter Nazir in Buchloe

"Ich will einfach leben"

Nazir aus Syrien

Gerne kommt der 17-jährige Nazir zum Billardspielen oder Quatschen mit Freunden ins Buchloer Jugendzentrum. Seit gut sechs Monaten lebt der junge Syrer in der Gennachstadt.

Bild: Karin Hehl

Gerne kommt der 17-jährige Nazir zum Billardspielen oder Quatschen mit Freunden ins Buchloer Jugendzentrum. Seit gut sechs Monaten lebt der junge Syrer in der Gennachstadt.

Bild: Karin Hehl

Seit gut einem halben Jahr lebt der junge Syrer Nazir (17) in Buchloe. Er hat die Hölle von Damaskus hinter sich – und die Zukunft vor sich. „Ich will einfach leben. Ich will mein Leben selbst gestalten", sagt er. Hier erfährst Du alles über seine Pläne.
29.11.2016 | Stand: 14:31 Uhr

Nazir war 15 Jahre alt, als das Haus seiner Familie in Damaskus von Bomben getroffen wurde. Er selbst wurde bei dem Angriff durch Splitter verletzt. Narben über der Oberlippe und am Rücken werden ihn sein Leben lang begleiten.

Wie andere Kinder auch, ging Nazir in Syrien zur Schule, donnerte in seiner Freizeit gerne mit dem Motorrad durch die Gegend („in Syrien brauchst Du dafür keinen Führerschein“) und träumte von einem Job als Motorrad-Mechaniker. Nach dem Angriff aber änderte sich sein Leben schlagartig.

„Mein Vater sagte, wenn du eine Chance haben willst, dann geh’ in die Türkei oder nach Deutschland.“ Nazir folgte dem Rat des Vaters, der in Damaskus eine Baufirma besaß, und machte sich auf den Weg. Er entschied sich für Deutschland. Warum? „Weil hier alles geregelt ist. Im Libanon zum Beispiel müsste ich 13 Stunden am Tag arbeiten und würde im Monat nur 300 Euro verdienen“, meint Nazir.

„Mein Vater sagte, wenn du eine Chance haben willst, dann geh’ in die Türkei oder nach Deutschland.“
Nazir

Gefährliche Flucht

Mit Bus, Boot und zu Fuß begab sich der 15-Jährige also auf die gefährliche Flüchtlingsstrecke über die Türkei, Griechenland und die damals noch offene Balkanroute von Mazedonien über Serbien nach Ungarn. In Österreich griffen ihn Polizisten auf und brachten ihn mit einem Bus nach Ulm, erzählt er. Dort lebte er ein halbes Jahr, anfangs in einer Turnhalle mit 350 anderen Geflüchteten. In der Zwischenzeit hatten sich auch sein Bruder Alaa (26) und die Schwester auf den Weg gemacht und waren in Donauwörth gelandet – für Nazir eine halbwegs beruhigende Nachricht, wusste er doch fortan jemanden aus der Familie ganz in Nähe.

Schließlich kamen alle drei Geschwister nach Buchloe. Der Bruder hat inzwischen die Vormundschaft für Nazir übernommen, beide leben – ebenso wie die Schwester und ein gutes Dutzend anderer Flüchtlinge – in einem Haus. „Manchmal gibt es dort Streit“, erzählt Nazir. Dann könne er zu seiner Betreuerin Doris kommen. Sie habe eigens für ihn ein Zimmer eingerichtet.

Überhaupt: „Doris ist toll“, strahlt der junge Mann. Sie helfe ihm bei vielen Fragen weiter. Inzwischen hat Nazir sogar wieder einen eigenen Ausweis. Der alte liege irgendwo auf dem Boden des Mittelmeeres, nachdem das Gummiboot des Schleppers kurz vor der griechischen Küste gesunken war. Doch das ist lange her.

Lehre als Mechatroniker

Nazir will lieber nach vorne schauen – auch wenn ihn die schlimmen Erlebnisse der Flucht immer wieder einholen. „Es ist schwer zu beschreiben“, sagt er, „ich lache zwar, aber in mir drinnen ist alles schwarz und durcheinander“.

Der 17-Jährige hat gerade eine Lehre als Mechatroniker begonnnen. In Neugablonz hat er eine Stelle gefunden. „Der Chef ist sehr nett und er freut sich, dass ich so schnell bin.“ Nazir grinst. Er scheint stolz zu sein.

Der Einstieg ins Berufsleben fiel ihm leichter, weil er von Anfang an darauf bedacht war, schnell die deutsche Sprache zu lernen. „Ich war in Ulm gleich am ersten Tag bei der Volkshochschule. Dann ging alles ganz schnell.“ Vieles habe er sich auch selbst beigebracht, erzählt Nazir und meint, er sei sehr sprachbegabt, könne deutsch, englisch, etwas französisch, türkisch, ein wenig Farsi und natürlich seine Muttersprache arabisch.

Drei Jahre wird seine Lehre dauern, berichtet er. Nebenbei bekommt er an der Berufsschule vieles von dem mit, was das Zusammenleben in Deutschland künftig leichter machen soll: geschichtliche Hintergründe, deutsche Werte, Rechtslehre oder Kultur.

„Ich habe wirklich Glück“, sagt der 17-Jährige, denn um ihn herum seien „lauter nette Leute“. Buchloe gefällt dem jungen Mann sehr gut: Es ist ruhig hier, das Jugendzentrum ist top. Ich will mein Leben selbst gestalten und das kann ich hier tun.“

Das Leben selbst in die Hand nehmen – dieser Satz ist zum Credo des jungen Mannes geworden. Offenbar weiß er ganz genau, was er will – und vor allem, war er tun muss, um seine Ziele zu erreichen. „Meine Mutter sagt immer: Bleib’ höflich, dann ist es gut.“ Schwer fällt ihm das offenbar nicht. „Ich will lernen und ich mache alles, aber mit dem Kopf.“

Für Nazir ist auch klar: Er möchte seine Zukunft in Deutschland aufbauen. Und wo sieht er sich in zehn Jahren? Nazir lacht: „Dann habe ich einen Beruf gelernt, einen Führerschein und eine Wohnung. Und vielleicht ein eigenes Motorrad.“ Im besten Fall sind dann auch seine Eltern in Deutschland. Denn Mutter und Vater fehlen dem 17-Jährigen sehr. „Erst wenn sie da sind, ist alles wirklich gut.“