Nicht mehr wiederzuerkennen sei das Land, seit Schwarz-Rot regiere. Mit dieser Diagnose überraschten zuletzt sowohl Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) als auch der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU) die Öffentlichkeit. Das sollte Aufbruchstimmung signalisieren. Die aktuellen Zahlen des Meinungsforschungsinstituts Forsa sprechen allerdings eine andere Sprache. Um jeweils zwei Millionen Stimmen im Vergleich zur Bundestagswahl am 23. Februar 2025 würde die Wählerschaft von Union (26 Prozent) und SPD (13) schrumpfen, wenn am kommenden Sonntag Wahltag wäre.
Die AfD hingegen könnte sich über 25 Prozent freuen – mithin eine Million Stimmen mehr als im Februar. Das anhaltende Hoch der Rechtsaußenpartei ist auch durch eine „West-Wanderung“ der Partei zu erklären, wie Forsa-Geschäftsführer Manfred Güllner analysiert: „Der AfD gelingt es nach der Bundestagswahl, zusätzlich zu ihrem angestammten Potenzial im Osten der Republik neue Anhänger im Westen zu gewinnen“, sagt Güllner. Zwar seien die Frauen und Männer, die in der Umfrage angegeben haben, AfD wählen zu wollen, von der politischen Kompetenz der Partei nicht in dem Maße überzeugt wie ihre Stammwähler. Doch Güllner geht davon aus, dass „diese Zuwanderer sich schnell radikalisieren“, sprich am Ende dieses Prozesses mit den politischen Vorstellungen der AfD weitestgehend übereinstimmen werden. Genau diese Erfahrung habe man in der Vergangenheit im Osten gemacht.
Fast die Hälfte der AfD-Zuwanderer nach der Bundestagswahl kommen von der Union
Woher kommen diese eine Million Bürgerinnen und Bürger, die sich nach Forsa-Daten seit der Bundestagswahl der AfD zugewendet haben? Die Antwort auf diese Frage wird der Union Kopfzerbrechen bereiten: Knapp die Hälfte davon, exakt 44 Prozent, haben im Februar 2025 noch CDU oder CSU gewählt. Immerhin 30 Prozent kommen aus dem Reservoir der Nichtwähler, die restlichen 26 Prozent machten ihr Kreuz bei anderen Parteien.
Forsa hat die Gruppe der AfD-„Zuwanderer“ genauer unter die Lupe genommen und sie der Gruppe der Stammwähler gegenübergestellt. Unter den „Zuwanderern“ ist der Anteil der Westdeutschen deutlich größer als unter den Stammwählern. Auffällig ist auch, dass unter den neuen Anhängern der AfD mehr Menschen sind, die der katholischen oder evangelischen Kirche angehören. Ein klarer Hinweis darauf, dass die AfD ihr Potenzial in den alten Bundesländern seit der letzten Bundestagswahl weiter vergrößern konnte.
AfD-Stammwähler und neue Anhänger eint das geringe Vertrauen in etablierte Parteien
Für Forsa-Chef Güllner liegt mit Blick auf die aktuellen Zahlen auf der Hand, dass die Anhänger der AfD – Stammwähler wie Zuwanderer – wenig Vertrauen zu den etablierten Parteien und zum Kanzler haben. Sowohl Union als auch SPD leiden demnach an einer schwindenden Bindekraft.
CDU und CSU sind mit Einbußen unter früheren Wählern der politischen Mitte und des rechten Randes konfrontiert. Sie tun sich schwerer bei Frauen als bei Männern und binden inzwischen eher Rentner als Erwerbstätige. Die ohnehin in den letzten Jahren schon empfindlich geschrumpfte SPD verliert nach der Bundestagswahl noch mehr ihrer früheren Wähler aus der gesellschaftlichen und politischen Mitte.
Die Linke träumt von einer Mehrheit links von der Union
Neben der AfD konnte sich die Linke bei der Bundestagswahl 2025 mit 8,8 Prozent als Wahlsieger feiern. Und der Aufwärtstrend bleibt ungebrochen: Aktuell liegt die Partei laut Forsa bei zwölf Prozent. Das hat den Bundesgeschäftsführer der Partei, Janis Ehling, zu der Aussage verleitet, dass es wieder eine Mehrheit links der CDU – also mit Grünen (zwölf Prozent) und SPD – geben müsse. In Sicht ist diese Mehrheit allerdings nicht. Ein solches Dreierbündnis läge aktuell bei 37 Prozent.
Um kommentieren zu können, müssen Sie angemeldet sein.
Registrieren sie sichSie haben ein Konto? Hier anmelden