Bluttransfusionen im Dunkeln einer Autorückbank?

Doping-Plädoyers: Fünfeinhalb Jahre Haft für Mark S. gefordert

Der Angeklagte Mark S. (Zweiter von rechts vorne) steht beim Beginn des Prozess gegen ihn wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittel- und Dopinggesetz mit seinen Anwälten Juri Goldstein (links) und Alexander Dann (rechts) zusammen.

Der Angeklagte Mark S. (Zweiter von rechts vorne) steht beim Beginn des Prozess gegen ihn wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittel- und Dopinggesetz mit seinen Anwälten Juri Goldstein (links) und Alexander Dann (rechts) zusammen.

Bild: Peter Kneffel, dpa

Der Angeklagte Mark S. (Zweiter von rechts vorne) steht beim Beginn des Prozess gegen ihn wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittel- und Dopinggesetz mit seinen Anwälten Juri Goldstein (links) und Alexander Dann (rechts) zusammen.

Bild: Peter Kneffel, dpa

Die Staatsanwaltschaft fordert für den Arzt eine Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren, auch wegen "Menschenversuchs". Die Verteidiger wollen ihn frei bekommen.
Der Angeklagte Mark S. (Zweiter von rechts vorne) steht beim Beginn des Prozess gegen ihn wegen des Verdachts des Verstoßes gegen das Arzneimittel- und Dopinggesetz mit seinen Anwälten Juri Goldstein (links) und Alexander Dann (rechts) zusammen.
dpa
08.01.2021 | Stand: 17:02 Uhr

Update, Freitag, 17 Uhr: Der Doping-Mediziner Mark S. möchte nach dem Prozess in München und einer möglichen weiteren Haftstrafe wieder in seine reguläre Praxis nach Erfurt zurückkehren. Das sagte der 42-Jährige nach den Plädoyers am Freitag in seinen letzten Ausführungen, bevor das Gericht in der nächsten Woche ein Urteil fällt. Viele Hundert Patienten in seiner Praxis, die auch in seinem Wohnviertel liege, vermissten ihn, wie er erzählte. "Ich hoffe, dass ich irgendwann wieder zurückkommen kann", sagte Mark S. in einer emotionalen Rede.

Ob sein Wunsch in Erfüllung geht, hängt davon ab, wie lange er noch im Gefängnis bleiben muss und vor allem, ob die Strafkammer danach ein Berufsverbot ausspricht. Die Staatsanwaltschaft fordert fünfeinhalb Jahre Haft, die Verteidigung will rund drei Jahre und ihren Mandanten damit schon bald freibekommen. Mark S. sitzt seit einer Razzia im Februar in Untersuchungshaft in München.

Neben seinem regulären Job als Hausarzt hatte er jahrelang an etlichen Sportlern Blutdoping betrieben. "Ich bin falsch abgebogen und selber schuld", meinte er am Freitag und bat seine vier Mitangeklagten um Entschuldigung, dass er sie mit reingezogen habe.

Mark S. im Schlussplädoyer unterschiedlich charakterisiert

Fürsorglicher Arzt und Systemopfer oder fahrlässiger Doper und skrupelloser Manipulator: Am vorletzten Verhandlungstag des Dopingverfahrens gegen Mark S. ist der 42-Jährige in den Schlussplädoyers noch einmal völlig unterschiedlich charakterisiert worden. Der Staatsanwalt sieht den Erfurter als jahrelangen Doping-Organisator, der mit dem Betrug Geld verdienen wollte, seinen Berufseid "vollends in die Tonne" trat und auch wegen gefährlicher Körperverletzung zu einer Haft von fünfeinhalb Jahren verurteilt gehört.

Blutdoping an mehreren Winter- und Radsportlern

Die Anwälte des Mediziners dagegen wollen ihren Mandanten schon bald frei haben, am besten gleich nach der Urteilsverkündung am nächsten Freitag. Der Haftbefehl sei auszusetzen, forderten die Verteidiger.

Einig waren sich Anklage und Verteidigung am Freitag nur, dass Mark S. jahrelang an mehreren Winter- und Radsportlerin Blutdoping betrieb und in den letzten Jahren seines Handelns bis zur Razzia der "Operation Aderlass" im Februar 2019 auch vier Helfer involvierte.

Bluttransfusionen im Dunkeln einer Autorückbank?

Mark S. beteuerte in dem Verfahren mehrfach, als Sportfan und Arzt stets daran interessiert gewesen zu sein, Athleten mit hohen medizinischen Standards und größtmöglicher Sorgfalt zu behandeln. Das zweifelte Oberstaatsanwalt Kai Gräber in seinem Schlussvortrag stark an und erinnerte unter anderem an Bluttransfusionen teils im Dunkeln einer Autorückbank unter dem schwachen Schein eines Handylichts.

Vor allem über eine Episode aus dem Herbst 2017 gingen am Freitag die Bewertungen weit auseinander: Mark S. hatte einer österreichischen Mountainbikerin damals ein Präparat gespritzt, das sich später als Forschungschemikalie herausstellte. Staatsanwalt Gräber sprach von einem "Menschenversuch", er will eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung und ein fünfjähriges Berufsverbot gegen den Arzt.

Die Verteidiger von Mark S. meinen, dass ihr Mandant in der Causa dagegen gar nicht zu bestrafen ist. Sie argumentierten, dass der Arzt aus Versehen ein falsches Präparat injizierte, also fahrlässige Körperverletzung in Betracht komme. Weil die Mountainbikerin ihn deshalb aber nicht anzeigte, sei er in dem Punkt freizusprechen.

Mark S. hofft auf Strafmilderung

Mark S. hofft auf Strafmilderung, etwa weil er seit der Verhaftung kooperativ mit den Ermittlern gewesen sei, weil er im Laufe des Verfahrens Reue gezeigt habe, weil er jüngst einen Spezialkühlschrank zur Corona-Impfung freigegeben habe und weil er in der Öffentlichkeit bereits massiv vorverurteilt sei. Zudem habe er deutlich gemacht, dass die anderen vier Angeklagten keine gleichwertigen Mittäter sondern lediglich Helfer gewesen seien, sagte seine Anwälte.

Neben solchen spezifischen Angaben wurde Verteidiger Juri Goldstein auch grundsätzlich, etwa mit der Behauptung, Doping gehöre fest zum Spitzensport. "Alles nur spekulativ, alles Schall und Rauch!", erwiderte Staatsanwalt Gräber energisch. "Wo sind denn die Namen? Wo sind die Ärzte? Ich habe hier nur Mutmaßungen und Spekulationen gehört, kein einziger Name ist auf den Tisch gekommen."

Verteidiger plädieren auf maximal zwei Jahre Haft für Mitangeklagten

Für den mitangeklagten Dirk Q. beantragte der Staatsanwalt eine Strafe von zweieinhalb Jahren - durch die bereits abgesessene fast zweijährige Untersuchungshaft müsse Q. aber nicht in das Gefängnis zurück. Die Verteidiger plädierten auf maximal zwei Jahre Haft.

Für die anderen Komplizen wurden von der Staatsanwaltschaft Bewährungsstrafen beantragt: zwei Jahre bei der Krankenschwester Diana S., eineinhalb Jahre bei dem Notfallsanitäter Sven M. und ein Jahr bei Ansgard S., dem Vater des hauptangeklagten Arztes.

(Autor: Manuel Schwarz)

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