Snowboard

Schuften für den Titel: Wie sich Weltmeisterin Selina Jörg neu erfindet

Training mit der Snowboarderin Selina Joerg in Sonthofen.

Die 104 Stufen hinauf zum Denkmal am Ehrenfriedhof in Sonthofen gehören in diesem Sommer zum Trainingsplan für Selina Jörg. Die 32-jährige Weltklasse-Snowboarderin schuftet für ihre WM-Titelverteidigung 2021.

Bild: Dominik Berchtold

Die 104 Stufen hinauf zum Denkmal am Ehrenfriedhof in Sonthofen gehören in diesem Sommer zum Trainingsplan für Selina Jörg. Die 32-jährige Weltklasse-Snowboarderin schuftet für ihre WM-Titelverteidigung 2021.

Bild: Dominik Berchtold

Snowboard-Weltmeisterin Selina Jörg quält sich für die Mission Titelverteidigung. Die 32-Jährige vom SC Sonthofen erklärt, woraus sie neue Motivation schöpft.

12.06.2020 | Stand: 22:02 Uhr

104 Stufen Hassliebe. „Das ist nicht meine Paradedisziplin, diese Dinger hochzuspringen. Aber es tut gut, weil ich weiß, wofür ich es mache“, sagt Selina Jörg. „Diese Dinger“, das sind die 104 Stufen der Treppe zur Gedenkstätte des Ehrenfriedhofs in Sonthofen – ein natürliches Trainingsgerät, das in diesem Sommer wesentlicher Bestandteil in der Vorbereitung der Weltklasse-Snowboarderin ist. Diese Hassliebe, wie die 32-Jährige ihr ungewöhnliches Intervalltraining bezeichnet, entspringt einer Motivation: Es ist die Mission Titelverteidigung. Die WM 2021 ist Jörgs neue Ziellinie.

Denn in einem Sommer, der wie kein anderer zuvor in der 15-jährigen Profilaufbahn Selina Jörgs von unsicherem Ausgang ist, schuftet die Athletin vom Skiclub Sonthofen, um bereit zu sein, wenn es darauf ankommt. „Der vergangene Winter war äußerst anstrengend, vor allem für den Kopf“, erzählt Jörg mit Blick auf ihre Schwächephase im Januar. „Es hat alles wieder zu rattern begonnen und ich habe eine Weile gebraucht, um den Schlüssel zu finden. Es ist mir ungewohnt schwergefallen, mich wieder herauszuziehen.“ Mit Rang zwei beim Weltcup in Piancavallo fand die Burgbergerin zurück in die Spur, ehe die Saison wegen der Corona-Krise jäh unterbrochen wurde.

Gute Tat während der Corona-Krise

Nach den ersten Verschärfungen Mitte und Ende Februar hielt der Tross noch bei den Weltcups in Korea und Kanada – zum Abschluss standen Rennen in Moskau, Winterberg und Livigno an. „Da war schon klar, dass es im Corona-Hotspot in Europa nicht klappen würde“, erzählt Jörg. Und so musste die Weltmeisterin von 2019 die Saison früher als erwartet abhaken – als Gesamt-Weltcupdritte hinter der überlegenen Ramona Hofmeister (WSV Bischofswiesen) und Julie Zogg aus der Schweiz. Doch die 32-jährige Oberallgäuerin fand zügig Ablenkung – für Kopf, für Beine. Und fürs Gewissen. Mit einem Lastenrad aus dem Fahrradladen ihres Lebensgefährten Martin Weiß verteilte sie Pakete mit Lebensmitteln für den Caritasverband Immenstadt als Botin für Hilfsbedürftige. Einen Monat lang half Jörg aus und kombinierte die gute Tat mit Ausdauereinheiten.

Seit Mitte April befindet sich die siebenfache deutsche Meisterin wieder im geregelten Training – und in einem neuen Abschnitt. „Ich habe etwas gebraucht, neue Ansätze“, sagt sie und ergänzt vielsagend: „In einem bestimmten Alter muss man gewisse Dinge auch verändern, um noch ein Stück besser zu werden.“ Seit diesem Sommer trainiert die Olympia-Silbermedaillengewinnerin von Pyeongchang an der Seite des Snowboardcross-Athleten Paul Berg und dessen Lebensgefährtin Lisette Thöne. Das Paar wohnt in Sonthofen. Thöne hat ihre Karriere als Bob-Anschieberin beendet und soll nun bei Jörg neue Impulse setzen. Intervallläufe, Tempoläufe, Koordinationsübungen – „wir machen ganz viel mit Schnelligkeit, legen viel mehr Wert auf Schnellkraft“, beschreibt die Burgbergerin. Wie bei den 104 Stufen hinauf zum Denkmal in Sonthofen. „Ich spüre, dass ich in der Arbeit mit ihr besonders an meinen Schwächen arbeiten kann, als nur meine ohnehin schon vorhandenen Fähigkeiten zu verbessern“, lobt Jörg.

Selina Jörg: "Mir war wichtig, etwas Großes zu verändern"

Das wiederum ist ihr neuer Fokus – das betont die 32-Jährige seit vielen Jahren Sommer für Sommer: In der Vorbereitung legt sie den Fokus nicht mehr nur alleine darauf, am Ende der Arbeit gut Snowboard zu fahren: „Es geht mir mehr und mehr darum, dass mich das Training erfüllt. Es war mir wichtig – auch für den Kopf – den alten Stiefel umzukrempeln und nun noch einmal etwas Großes zu verändern.“

Und natürlich lässt diese beiläufige Formulierung aufhorchen, wenn Jörg im Herbst ihrer hochdekorierten Karriere „nun noch einmal“ sagt. Das schlägt sich nieder, wenn die amtierende Weltmeisterin über ihr Trainingspensum von neun Einheiten an sechs Tagen pro Woche spricht: „Im Alter muss man auf die Körner schauen – da wird Regeneration immer wichtiger.“ Und das verdeutlicht sich in der unverhohlenen Zielsetzung der Top-Athletin. „2021 ist ein WM-Jahr – 2022 ein Olympia-Jahr. Beide Events finden in China statt, und ich weiß, dass mir der Hang von der Neigung und von der Schneelage her sehr gut liegt. Dafür arbeite ich“, sagt Selina Jörg und ergänzt: „Wären die Orte anders gelegen, hätte ich es mir vielleicht sogar mal überlegt, ob es für mich weitergehen kann.“

Und so trainiert sie gewissenhaft, fokussiert, präzise und mit neuer Motivation – wenn auch ein wenig ins Ungewisse, unsicher, wann der Snowboard-Sport unter gewöhnlichen Bedingungen wieder aufleben kann. „Ich habe keine Rechnungen mehr offen – nicht mit der WM und nicht mit Olympia“, sagt Selina Jörg auf dem Gipfel einer Karriere, in der die 32-Jährige alleine seit 2018 die Vielzahl ihrer Erfolge gefeiert hat. „Ich arbeite für das eine Ziel, bis zum Tag X. Dann will ich bereit sein.“