Tradition im Allgäu

Alphornblasen: Vor der Bergkulisse im Sonnenlicht geht der Klang des Alphorns unter die Haut

Jörg Pöschl ist leidenschaftlicher Alphornspieler und bietet in seinem Hotel in Ofterschwang auch Kurse an.

Jörg Pöschl ist leidenschaftlicher Alphornspieler und bietet in seinem Hotel in Ofterschwang auch Kurse an.

Bild: Franziska Müller

Jörg Pöschl ist leidenschaftlicher Alphornspieler und bietet in seinem Hotel in Ofterschwang auch Kurse an.

Bild: Franziska Müller

In Ofterschwang bietet Jörg Pöschl Alphorn-Kurse an. Unsere Reporterin hat es ausprobiert - und sagt: "Der Klang des Alphorns geht unter die Haut".
04.06.2021 | Stand: 07:09 Uhr

Ofterschwang. Es ist ein Panorama wie auf einer Urlaubspostkarte. Saftig grüne Frühlingswiesen, am Horizont weißen Schneegipfel der Allgäuer Berge und über allem ein blauer Wolkenhimmel im Sonnenlicht. Kuhglocken sind zu hören. Zwischen dem Zwitschern der Vögel wehen warme, fast beruhigende, vibrierende Klänge durch die Landschaft. Es sind die Töne eines Alphorns, welches vor der Bergkulisse herausragt.

Dahinter steht in Lederhose, Edelweißhosenträger, gestrickten Strümpfen und Haferlschuhen: Jörg Pöschl. Er schätzt die Tradition in seiner Heimat sehr. Das Musikinstrument hat es dem Wirt seines gleichnamigen Hotels, "Landhotel Alphorn", in Ofterschwang angetan. "Es ist einfach meine Große Leidenschaft und etwas ganz Besonderes für mich. Mit dem Spielen fühle ich mich frei", sagt der 53-jährige Hotelier.

Das Musikinstrument hat es dem Wirt seines gleichnamigen Hotels, "Landhotel Alphorn", angetan.
Das Musikinstrument hat es dem Wirt seines gleichnamigen Hotels, "Landhotel Alphorn", angetan.
Bild: Franziska Müller

Jörg Pöschl hat eine eigene Alphornschule in seinem Hotel

Der Wirt möchte etwas von seiner Faszination weitergeben und bietet deswegen seit 24 Jahren in seinem Hotel Alphornkurse an. Nicht nur Hotelgäste dürfen das traditionelle Instrument testen, sondern alle, die daran interessiert sind. „In meinem Hotel ist das eine Mischung aus etwas Neuem lernen und Urlaub“, sagt Pöschl.

Morgens wird Alphornblasen geübt , mittags rufen die Berge zum Wandern. Am Abend steht Geselligkeit auf dem Programm und nebenher gibt es noch ein Alphorn-Konzert vom Wirt. Bisher war für Pöschl jeder Kurs etwas Besonderes und bei den Hotelgästen käme das auch sehr gut an: "Es bilden sich Gemeinschaften mit viel Teamgeist – der Wille besser zu werden, die Liebe zum gleichen Hobby und vor allem der Spaß kommt nie zu kurz."

Das Alphornspielen ist eine Familientradition: Jörg Pöschl mit seinem Sohn und seiner Frau Jana.
Das Alphornspielen ist eine Familientradition: Jörg Pöschl mit seinem Sohn und seiner Frau Jana.
Bild: Franziska Müller

Mein erstes Blasen ins Alphorn

Auch ich möchte einmal gerne in das Alphorn blasen. Gleich am Anfang bekomme ich von Jörg eine wichtige Lektion auf den Weg: Es geht nicht darum, mit dem Alphorn Musik zu machen, sondern Alphornmusik zu machen und dabei ist das Notenlesen zweitranig. Es sei eine Mischung aus Brauchtumsplfege und Wissen um die Tradition des Alphorns. "Es ist kein Hexenwerk einen Ton rauszubekommen, aber richtig zu spielen schon", sagt Jörg.

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Ehrlich gesagt bin ich jetzt schon ein bisschen nervös, wie es sich anhören wird und ob ich überhaupt einen Ton rausbekomme. "Probier es einfach mal aus", sagt Pöschl zu mir und drückt mir das Alphorn in die Hand. Das Alphorn ist gar nicht schwer, es liegt gut in meinen Händen. Ich halte es gut fest und presse meine Lippen an das Mundstück. Ein bisschen angespannt bin ich schon. Kommt da wohl gleich ein Ton raus? Die Abendsonne brutzelt mir auf das Gesicht. Bei fast 30 Grad läuft mir schon die eine oder andere Schweißperle über das Gesicht.

Ich hole einmal tief Luft, meine Lunge füllt sich bis zum Anschlag und ich puste so fest es geht in das Horn. Ein Ton kommt zwar aus dem Alphorn, aber wo die Atmung nicht stimmt, verzittert dieser wie ein Elefant, der nicht richtig Luft durch seinen Rüssel bekommt. Das war wohl nichts, aber wenigstens war überhaupt was zu hören.

Jörg Pöschl erklärt, auf was es beim Alphohrnspielen ankommt.
Jörg Pöschl erklärt, auf was es beim Alphohrnspielen ankommt.
Bild: Franziska Müller

Danach gibt es Tipps vom Profi: Die Atmung ist entscheidend beim Alphornblasen

Das Wichtigste beim Alphornblasen ist die richtige Atmung. Da das Alphorn über keine Klappen, Grifflöcher oder Ventile verfügt, sind für die Spieltechnik allein die Lippen und der Atem des Bläsers entscheidend. Es komme nämlich gerade auf den kraftlosen Ansatz an. "Wenn du es gleich nocheinmal probierst, musst du ganz tief in den Bauch atmen. Wenn du falsch atmest, bekommst du keinen sauberen Ton raus", sagt Pöschl lachend.

Wichtig sei auch die Lippen richtig zusammenzupressen. Ich solle mir das so vorstellen, als ob ich einen Luftballon aufblase. "Aber da muss man sich nichts denken, auch wenn es beim nächsten Mal noch nicht richtig klappt. Es braucht einfach Zeit", sagt Pöschl. Auch er habe sich damals langsam an das Instrument herangetastet. "Wenn du gut spielen willst, ist es wirklich zeitintensiv. Ich habe sehr viel geübt", sagt der Wirt.

Auch der Kleinste der Familie ist von dem Alphorn fasziniert.
Auch der Kleinste der Familie ist von dem Alphorn fasziniert.
Bild: Franziska Müller

Wie im Alphorn Töne erzeugt werden und was beim Alphornblasen eigentlich passiert

Die Atmungsluft (Ausatmung) wird mittels Zwerchfelldruck aus der Lunge ins Instrument geblasen. Durch Vibration der Lippen wird die vorbeiströmende Luft in Schwingung versetzt. Die im Innern des Alphorns liegende Luft wird dadurch erregt. Einem physikalischen Gesetz folgend schwingt die Luft im Alphorn in Wellen, die eine ganz bestimmte Wellenlänge aufweisen. Diese Wellenlänge ist immer ein ganzzahliger Teil der Alphornlänge.

"Lass die Lippen langsam vibrieren, dann erzeugst du lange Wellen. Es entsteht ein tiefer Ton. Schwingst du deine Lippen schnell, erzeugst du hohe Töne. Bläst du ins Horn hinein ohne die Lippen vibrieren zu lassen, entsteht ein Geräusch in so einer undefinierbaren Tonhöhe wie vorher", sagt Pöschl. Wichtig sei auch, sich breitbeinig, gerade hinzustellen und die Brust rauszustrecken. " So bekommst du besser Luft", sagt Pöschl.

Es war nicht leicht, einen Ton aus dem Musikinstrument zu bekommen.
Es war nicht leicht, einen Ton aus dem Musikinstrument zu bekommen.
Bild: Jörg Pöschl

Die Geschichte über das Alphorn

Bevor ich das zweite Mal ins Alphorn blase, erzählt mir Jörg etwas über das Instrument. Obwohl ich Oberallgäuerin bin, ist für mich ganz neu, dass die deutschen Alphörner in F gestimmt und 3,78 Meter lang sind. Schweizer Alphörner sind dagen 20 Zentimeter kürzer und sind anders gestimmt. "Jedes Alphorn hat eine andere Stimme", sagt Pöschl zu mir.

Mit dem Alphorn können sogar 16 Naturtöne geblasen werden, die in Abhänigkeit von Lippenspannung und Luftstrom entstehen. Aus Bergfichte gearbeitet, in F gestimmt, ist das Alphorn zu einem Botschafter des Allgäus geworden und hat eine weite Verbreitung erfahren." Mit Gemüt gespielt hat es nichts von seiner Authentizität verloren."

Mit dem Alphorn Botschaften übermitteln

Früher wurde das Horn auch als Kommunikationsmittel genutzt. Die Hirten und Bergler tauschten sich damit von Alpe zu Alpe aus und warnten sich beispielsweise vor Gefahren. Daraus haben sich Tonfolgen und sogenannte Alphornrufe entwickelt, die über Jahrzehnte, ja Jahrhunderte weitergegeben wurden und zum traditionellen Liedgut geworden sind.

Wie alt das Alphorn in seiner ursprünglichen Form ist, könne niemand sicher sagen. „Sicher ist, dass es bei uns schon vor über 400 Jahren eingesetzt worden ist. Dies beweist das 1568 gemalte Altarbild einer Kapelle bei Oberstdorf, auf dessen Hintergrund ein Alphornspieler zu sehen ist", sagt Pöschl. Benutzt wurde es damals, um in den Bergen über weite Distanzen Botschaften zu übermitteln oder das Vieh zu sammeln und zu beruhigen.

Wie kam Pöschl zum Alphornblasen?

Vor fast 25 Jahren hat Pöschl auf einer Alpe in Grasgehren das Alphornblasen zum ersten Mal ausprobiert. Vor rund zwölf Jahren hat er in der Schweiz einen Schweizer Kursleiterschein gemacht. "Das war für mich damals schon eine kleine Sensation - als einziger Allgäuer unter den Eidgenossen zu blasen." Er habe da seine große Leidenschaft entdeckt.

"Dann engagierte ich damals extra einen Alphornlehrer und bot Kurse in meinem Hotel an." Mit dem Traditionsinstrument der Hirten verbindet Pöschl viel: "Alphornspielen ist für mich Wellness. Wenn ich draußen spiele und einen frischen Atemzug hole, komme ich zur Ruhe."

Was zeichnet das Alphorn aus?

Das Besondere am Alphorn ist nach Pöschls Auffassung der urwüchsige Klang. „Es hat nur Naturtöne und klingt sehr rein.“ Etwa 100 Alphornbläsergruppen mit mehr als 400 Musikern halten diese Tradition im Allgäu aufrecht. So erklingen die aus Fichtenholz gefertigten Instrumente im Sommer bei Bergmessen, Alpfeiern oder Volksfesten.

Jedes Jahr im August kommen die Bläser zu einem großen Treffen zusammen, das von Einheimischen und Touristen gerne besucht wird. Auf eines legen die Bläser bei ihren Auftritten besonderen Wert. „Gespielt wird immer in heimischer Allgäuer Tracht. Das gehört einfach dazu", sagt Pöschl.

Wie war das erste Mal Alphornspielen für mich?

Was sich gleich herrausstellte, dass das Alphorn kein Musikinstrument ist, das man einfach 'so nebenbei' erlernen kann. Es erfordert viel Zeit, Hingabe und Geduld. Auf Anhieb bekommt man nicht so leicht einen schönen Ton heraus. Deswegen werde ich wohl erst mal lieber Jörg zu hören.

Wenn er dagegen spielt, hat das eine beruhigende, fast meditierende Wirkung auf mich. Vor der Bergkulisse im Sonnenlicht geht der Klang des Alphorns unter die Haut. Ich fühle mich fast ein Stück näher mit der Heimat verbunden.