Wetter-Vorhersage

Bauern-Regeln im Allgäu: Was sie vorhersagen - und was nicht

Für Landwirte der vergangenen Jahrhunderte hatten Bauernregeln eine große Bedeutung.

Für Landwirte der vergangenen Jahrhunderte hatten Bauernregeln eine große Bedeutung.

Bild: Sina Schuldt, dpa

Für Landwirte der vergangenen Jahrhunderte hatten Bauernregeln eine große Bedeutung.

Bild: Sina Schuldt, dpa

Die Bauern-Regeln: Fast jeder kennt zumindest ein paar davon. Inzwischen haben die uralten Wetter-Regeln aber an Wert verloren. Was Faulheit damit zu tun hat.
31.03.2021 | Stand: 14:45 Uhr

„Mariä Verkündung – also der 27. März – hell und klar, ist ein Segen fürs ganze Jahr“, sagt ein Spruch für den dritten Monat und gar für das gesamte Jahr voraus. Geht es nach den sogenannten Bauernregeln, hat die Saat heuer bereits Schaden genommen, denn: „Märzen-Schnee tut den Saaten weh.“

Der März ist vollgepackt. Und nicht nur ihn, auch alle anderen elf Monate übersähen dutzende Bauern-Regeln. Die teils uralten Reime sollen Landwirten das Wetter vorhersagen, ihnen dabei helfen, wie sich Regen, Schnee, Sonnenschein und Temperaturen auf ihre Ernte auswirken. In der Hobby-Gärtnerei sind die Regeln ebenso längst angekommen.

Bauernregeln geben kaum gesicherte Vorhersagen über das Wetter - mit Ausnahmen

„Die sogenannten Bauernregeln basieren teilweise auf langjährigen Wetterbeobachtungen und haben damit oft einen wahren Kern“, heißt es auf der Internetseite des Deutschen Wetterdienstes. Gesichert sind die Vorhersagen somit aber keinesfalls. Eher gilt, dass „man manchmal daraus einen ersten Trend abschätzen“ kann.

Die Bauern-Regeln basieren aus wissenschaftlicher Sicht in erster Linie auf jährlich wiederkehrenden Wetterphänomenen – auf der Singularität. Prominentes Beispiel hierfür ist die „Siebenschläferregel“: „So wie das Wetter am Siebenschläfer (27. Juni) ist, so wird es sieben Wochen sein“, heißt es. Zwar sind Wettervorhersagen nur etwa für die nächsten zehn Tage präzise. Jedoch ergibt die Datenlage, dass sich das Wetter zwischen Ende Juni und Anfang Juli in Süddeutschland in bis zu 70 Prozent der Fälle bis Anfang August fortsetzt. Die "Siebenschläferregel" hat also durchaus etwas Aussagekraft.

"Schönes Wetter" bedeutet nicht unbedingt Sonnenschein.
"Schönes Wetter" bedeutet nicht unbedingt Sonnenschein.
Bild: Karl-Josef Hildenbrand, dpa (Archivbild)

Auf die Bauern-Regeln vertrauen heutzutage allen voran Landwirte aus älteren Generationen: „Meine Großmutter zum Beispiel, die hat natürlich früher immer die Sprüche rausgehauen“, sagt Elmar Karg, Lindauer Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbands. „Ich persönlich verlasse mich vor allem auf den Wetterbericht, auf das Handy und das Fernsehen."

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Kargs Kollege Josef Bietsch ist 84 Jahre alt. Über 40 Jahre lang war der Hergatzer aus dem Landkreis Lindau als Landwirt tätig. „An bestimmten Regeln habe ich mich schon orientiert“, sagt er. Bietsch glaubt nicht daran, dass die Reime sichere Vorhersagen treffen können. Für Landwirte der vergangenen Jahrhunderte hätten sie aber eine große Bedeutung gehabt: Sie geben dem Arbeitsjahr Struktur, erinnern, wann die Saat unter der Erde liegen muss, um gut wachsen zu können.

Wetter-Vorhersage: Landwirte glaubten früher an Erfahrungswerte - nicht an Physik

Die Landwirte von damals beobachteten das Wetter, ohne Fachwissen über Forschung, beziehungsweise Physik gehabt zu haben. Was zählte, waren Erfahrungswerte. Bietsch glaubt, dass die Regeln deshalb oft auf die Feiertage fallen, „weil die Menschen sich da eine Auszeit gegönnt haben. Es blieb Zeit, auf das Wetter zu schauen.“

Der Meteorologe Joachim Schug aus Sonthofen ist als Wetterexperte bei Meteogroup in der Schweiz tätig. Landwirte sind aus seiner Sicht heutzutage kaum noch auf Bauern-Regeln angewiesen - dank Wetter-Apps und -Vorhersagen im Fernsehen. „Die Landwirte sind deshalb aber auch ein bisschen faul geworden“, scherzt Schug. Denn noch immer liefern Himmel und Natur Anhaltspunkte, wie das Wetter zumindest in den kommenden Tagen ausfällt (Lesen Sie auch: Bilanz: Der Allgäuer Winter war wieder viel zu warm).

Meteorologe Joachim Schug an einer Wetterstation.
Meteorologe Joachim Schug an einer Wetterstation.
Bild: Michael Munkler

„Da wären zum Beispiel Kondensstreifen der Flugzeuge“, sagt der Meteorologe. Von Verschwörungstheoretikern gerne als Krankheiten verbreitende „Chemtrails“ bezeichnet, kündigen sie in Wahrheit einen Wetterumschwung an. Schug erklärt: „Kondensstreifen deuten an, dass die Feuchtigkeit in der Atmosphäre gestiegen ist.“ Sichtbar sind kondensierte Wassertröpfchen. Ein Signal, dass sich Wolken bilden, die für Regenwetter sorgen.

Meteorologe Joachim Schug: Bauern-Regeln sind keine schlechte Sache

Prinzipiell seien Bauern-Regeln keine schlechte Sache, findet Meteorologe Joachim Schug. Doch die fallen je nach Region unterschiedlich aus. In trendigen Büchern und Kalendern für Hobby-Gärtner zum Beispiel werden Bauern-Regeln einfach vermischt. „Eine Regel aus dem Schwarzwald bringt den Menschen am Alpenrand wenig, aber das wissen viele nicht“, bemängelt Schug. Zudem hielten Bauern-Regeln inzwischen als Vorhersagen für „gutes“ oder „schlechtes“ Wetter her. Die Unterscheidung sei aber bei den Landwirten völlig anders als beispielsweise im Tourismus oder bei einem Sommer-Liebhaber. „Schönes Wetter heißt für den Bauern, dass es oft regnet. Trockenes, heißes Wetter können sie nicht gebrauchen“, sagt Schug.

Zumindest für Ostern könnten die Bauern-Regeln in Bezug auf gutes Wetter aber recht behalten: "Wenn’s zu Lichtmess (2. Februar 2021) stürmt und schneit, so ist der Frühling nicht mehr weit. Doch ist’s zu Lichtmess mild und warm, dann friert’s zu Ostern, dass Gott erbarm."

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