Bergwandern im Allgäu

"Feierabendrunde" & Co.: Worauf man bei Tourentipps aus dem Internet achten sollte

Auf der sicheren Seite? Viele Bergportale bieten die Tipps samt Karte zum Download aufs Smartphone an. Doch die Tour sollte man bereits daheim gut auschecken.

Auf der sicheren Seite? Viele Bergportale bieten die Tipps samt Karte zum Download aufs Smartphone an. Doch die Tour sollte man bereits daheim gut auschecken.

Bild: Mark Bihler

Auf der sicheren Seite? Viele Bergportale bieten die Tipps samt Karte zum Download aufs Smartphone an. Doch die Tour sollte man bereits daheim gut auschecken.

Bild: Mark Bihler

Die Rettungsaktion von 99 Schülern am Heuberggrat zeigte was passieren kann, wenn Tourentipps aus dem Netz falsch gelesen werden. Worauf man aufpassen sollte.
25.06.2022 | Stand: 07:01 Uhr

Wohl kaum eine Rettungsaktion hat die Diskussion um Tourentipps im Internet so angeheizt, wie die Bergung von 99 Schülern und acht Lehrern vom Heuberggrat. Ein Tourentipp aus dem Internet hatte die Gruppe auf die Idee zu der Gratwanderung gebracht - die in einer selten dagewesenen Rettungsaktion endete. Hernach stand der Autor des Tipps am Pranger - zu Unrecht wie viele Experten und auch der Alpenverein klarstellten. Sind Tourentipps nun aussagekräftig, oder nicht? Wie immer bei Informationen aus dem Internet, sollte man vor allem eines: kritisch bleiben.

Tourentipps im Internet: Sind Bergportale die sichere Nummer?

Zahlreiche Portale buhlen im Netz um die Bergwanderer. Mit Apps kann man die Touren aufs Smartphone runterladen. Dann hat man die Karten und Beschreibungen auch dabei, wenn in den Bergen im Funkloch steckt. Allerdings verlangen viele Portale mittlerweile eine Gebühr für die App - oder gleich einen jährliches Abo. Umfangreich ist das Angebot von Outdooractive, eine Premium-Mitgliedschaft ist aber vergleichsweise teuer. Auch über die App des Alpenvereins kommt man an Tourentipps. Vorteil etablierter Anbieter: Sie haben ein Team, das die Tourenbeiträge überprüft. Die gängigsten Tipps stammen von erfahrenen Autoren. Weil die Tipps auch weniger versierte Bergwanderer ansprechen sollen, finden sich auch Vorschläge mit überschaubarer Schwierigkeit.

Auf dem Normalweg auf den Gimpel: Ein Absturz wäre in diesem Bereich (Schwierigkeit 1 bis 2) fatal.
Auf dem Normalweg auf den Gimpel: Ein Absturz wäre in diesem Bereich (Schwierigkeit 1 bis 2) fatal.
Bild: Mark Bihler

Aufpassen sollten Anfänger bei "Hikr". Das unabhängige Portal ist vor allem ein Forum für versierte Bergsportler und Kletterer. Die Tourentipps sind dort zwar grundsätzlich mit korrekten Angaben zum Schwierigkeitsgrad versehen. Doch der persönliche Text des Autors kann Neulinge schon mal in die Irre führen. Denn für einen Bergerfahrenen stellt der Schwierigkeitsgrad UIAA 1 kaum eine Herausforderung dar. Anfänger sollten hier aber bereits ans Seil.

So überprüft man einen Tourentipp aus dem Internet

Hat man auf einem Portal oder auch einem persönlichen Blog einen Tourentipp gefunden, sollte man die Infos gegenchecken. Gibt es weitere Tipps von anderen Autoren, die mit der Beschreibung übereinstimmen? Ist im Netz ein Video zu finden, auf dem man sich die Tour ansehen kann? Hat der Autor aussagekräftige Fotos beigefügt? Über die Google-Suche kommt man in den meisten Fällen an viele Infos.

Wichtig beim Bildmaterial: Viele Videos sind mit einer Helm- oder Körperkamera aufgenommen. Durch die wackeligen Aufnahmen und die Weitwinkeloptik können leichtere Kletterpassagen unter umständen gefährlicher wirken als sie sind. Gut zu sehen ist aber ob der Fels brüchig oder fest ist - oder ob Eisentritte und Sicherungshaken vorhanden sind. Fotos wirken dagegen gerne mal harmloser als die Realität. Am besten nach viel unterschiedlichem Bildmaterial zur geplanten Tour suchen und vergleichen.

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Letztlich bleibt noch der Autor: Handelt es sich um einen erfahrenen Alpinisten, der viele Touren beschrieben und bewertet hat? Bei persönlichen Blogs kann ein Blick aufs Tourenangebot hilfreich sein. Finden sich auf der Seite hauptsächlich einfache Wandertouren, dann liegt die Vermutung nahe, dass man wohl kaum auf eine anspruchsvolle Kraxelei stößt.

Bergwanderskala und Kletterskala: Was die Angaben bedeuten

Das wichtigste Indiz, ob eine Tour schwierig ist oder einfacher ist, bleiben die Angaben zur Schwierigkeit. Die Berg- und Alpinwanderskala hat sechs Stufen - von T1 (leichtes Wandern) bis T6 (schwieriges Alpinwandern). Dabei sollte der Ausdruck "Wandern" nicht auf die leichte Schulter genommen werden. Denn T6 wird mit "meist weglos, häufig sehr exponiert und heikles Schrofengelände" beschrieben. Bereits ab T3 kann es Passagen mit Absturzgefahr geben und man braucht schon am die Hände. Anfänger sollen sich also erst einmal mit T1 oder T2 begnügen.

Der Schlussanstieg auf die Gehrenspitze: Dieser Bereich liegt im Schwierigkeitsgrad 1+.
Der Schlussanstieg auf die Gehrenspitze: Dieser Bereich liegt im Schwierigkeitsgrad 1+.
Bild: Mark Bihler

Die Bergwanderskala überlappt sich mit der Kletterskala. Bei T6 ist man auf der Kletterskala bereits im Schwierigkeitsgrad UIAA 2 unterwegs. UIAA 1 ist die einfachste Form der Felskletterei. Das heißt, dass man sich nicht mehr ausschließlich Gehgelände bewegt. Anfänger müssen bereits am Seil gesichert werden. Bei UIAA 2 braucht man bereits eine gundlegende Klettertechnik: Bei den Griffkombinationen sollten immer drei Punkte des Körpers festen Halt haben - also beispielsweise zwei Beine und ein Arm.

Tourentipps aus dem Netz: Die Sache mit dem Wetter

Unerfahrene Bergwanderer sollten bedenken, dass die meisten Tourenbeschreibungen im Netz bei gutem Wetter entstanden sind. Umgekehrt: Nässe kann eine einfache Tour extrem riskant werden lassen. Steile Grashänge verwandeln sich bei Nässe in Rutschbahnen, auch auf Fels hat man dann deutlich weniger Grip. Auch die Jahreszeit hat einen Einfluss: Saftiges Gras bietet im steilen Gelände im Sommer mehr Halt - ist es im Herbst mürbe und ausgetrockenet, dann wird es rutschig. Bei der Auswahl der Tour also immer an das Wetter des gestrigen Tages denken, nordseitig kann sich Nässe länger halten. Selbstverständlich sollte man nur loslaufen, wenn der Wetterbericht passt.

Bevor es auf Bergtour geht: Welcher Typ bin ich?

Hat man sich online viele Infos eingeholt, bleibt die Frage der Selbsteinschätzung. Ist man nicht schwindelfrei sollte man schmale Grate und ausgesetzte Passagen meiden. Sportlichere können sich besonders auf längeren Touren mehr zumuten als wenig trainierte Bergwanderer. Denn mit schwindender Kondition lässt auch die Konzentration nach. Gefährlich vor allem wenn sich Schlüsselstellen erst kurz vor dem Gipfel offenbaren. Apropos Schlüsselstelle: die ist auschlaggebend, ob man auf eine Tour gehen kann oder nicht. Merkt man vor Ort, dass es zu anspruchsvoll wird: umdrehen. Zudem sollte man Zeitangaben richtig einschätzen. Ist man eher unfit, dann am besten mehr Zeit einplanen. Trailrunner schaffen dagegen eine Tour gerne mal in der Hälfte der angegebenen Zeit.

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