Innovation aus dem Allgäu

Dachser gründet Digital-Plattform: "Ein Wissensspeicher, den alle anzapfen dürfen"

dachser

Ab 2022 will der Logistikdienstleister Dachser nur noch Grünstrom nutzen. Auch die Zahl der eigenen Photovoltaikanlagen soll erheblich steigen.

Bild: Dachser SE

Ab 2022 will der Logistikdienstleister Dachser nur noch Grünstrom nutzen. Auch die Zahl der eigenen Photovoltaikanlagen soll erheblich steigen.

Bild: Dachser SE

Firma Dachser aus Kempten kreiert offenen, universalen Speicher für Standards und Know-how. Was den Konzern dazu bringt und warum er auch auf Grünstrom setzt.
06.11.2021 | Stand: 11:30 Uhr

Gründung einer Stiftung und Grünstrom-Initiative: Der Logistikriese Dachser mit Sitz in Kempten macht in seiner Branche von sich reden. Wir sprachen mit Vorstandsmitglied Stefan Hohm (Chief Development Officer).

Eine europäische Open-Source-Plattform für Logistik – das klingt sehr abstrakt. Was ist darunter zu verstehen?

Stefan Hohm: Unser Ziel ist es, eine digitale Plattform für Wissen, Algorithmen, Soft- und Hardwarekomponenten zu schaffen. Sie soll frei zugänglich sein für alle Unternehmen, die sich beteiligen wollen. Wir kreieren also einen offenen, universalen Speicher.

Wer steckt dahinter und was versprechen sich die Gründer davon?

Hohm: Die Stiftung wurde von drei wesentlichen Playern der europäischen Stückgut-Logistik gegründet: DB Schenker, Rhenus und Dachser. Außerdem ist der Hafenlogistiker Duisport dabei. Uns allen geht es darum, der Logistikbranche mehr Potenzial zu verleihen. Die neue Plattform soll es möglichst vielen Unternehmen ermöglichen, aus einheitlichen Anwendungsstandards zu schöpfen und diese mit individuellen Anforderungen zu verknüpfen und anzureichern. So entsteht ein umspannendes Netzwerk, das auf identischen Werten und Abläufen fußt.

Lesen Sie auch
##alternative##
Digitalisierung

"Live.Art Digital": Kaufbeuren will den Alltag smarter machen

Wie kann der einzelne Spediteur von diesem Netzwerk profitieren?

Hohm: Da geht es beispielsweise um den elektronischen Frachtbrief. Den braucht jeder, aber es fehlen europäische Standards. Dasselbe gilt für Palettenscheine, die obligaten Begleitpapiere zur Identifikation und Verfolgung von Paletten. Oder nehmen Sie die Fahrer-App, die heute fast jeder Berufskraftfahrer nutzt. Mancher ist da mit 20 oder 30 Apps unterwegs, wenn er für verschiedene Auftraggeber fährt. Das wollen wir deutlich vereinfachen.

Auch andere Firmen profitieren

Andere Firmen profitieren von der Open-Source-Lösung – müssen sie dafür einen Beitrag leisten?

Hohm: Es stimmt, andere erhalten einen Benefit. Es gibt aber auch einen Return of Invest, indem beteiligte Firmen sich aktiv in die Community einbringen, unsere Ideen weitertragen und diese so zum „De-facto-Standard“ werden lassen.

Die vier Logistiker hätten auch eine Kooperation eingehen können. Weshalb die Stiftung?

Hohm: Der Vorteil einer Stiftung als Rechtsform ist: Der Gedanke dahinter ist dauerhaft manifestiert und für die Allgemeinheit zugänglich. Der Zweck einer Stiftung kann auch nicht durch eine „feindliche Übernahme“ verändert werden.

Was hat Dachser von diesem Schritt?

Hohm: Dachser hat schon früh über die eigene Marke hinaus gedacht und mit Innovationen die Branche vorangebracht. Denken Sie an die Wechselbrücke, die einen deutlich schnelleren Ladungswechsel ermöglicht. Oder an den weltweit gültigen NVE-Barcode, der mit einem Scan Informationen mit dem Packstück verknüpft. Jetzt war die Zeit reif für die Gründung der Stiftung. (Lesen Sie auch: Die Dachser-Wechselbrücke: Eine Dachser-Innovation wird 50)

Positive Rückmeldungen aus der Branche

Wie fielen die Rückmeldungen in der Branche aus?

Hohm: Die waren sehr positiv, sei es von Mittelständlern oder großen Playern. Wir sind überzeugt, dass viele unseren Weg einheitlicher Standards auf Open-Source-Basis mitgehen und dadurch weiterentwickeln werden. Schon jetzt sind auch IT-Unternehmen oder Forschungseinrichtungen wie das Fraunhofer-Institut in Dortmund beteiligt. Diese übergreifende Vernetzung ist die große Stärke der Stiftung und ihres Trägervereins. Schließlich geht es uns auch darum, Ansporn für die Entwicklung weiterer digitaler Lösungen in der Versorgungskette zu sein, etwa im Bereich von Energiespeichern oder Künstlicher Intelligenz. Da kommt man nur gemeinsam voran.

Vorstandsmitglied Stefan Hohm (Chief Development Officer).
Vorstandsmitglied Stefan Hohm (Chief Development Officer).
Bild: Dachser SE

Bremst die neue Plattform nicht eigene Entwicklungen aus?

Hohm: Nein, das hat keinen Einfluss auf unsere eigenen Zielsetzungen. Dachser wird gerade im Bereich der IT weiterhin individuelle Lösungsstrategien entwickeln und sich insbesondere dadurch Wettbewerbsvorteile sichern.

Wie geht es nun weiter?

Hohm: Die nächsten Monate werden für die Zukunft der Plattform entscheidend sein. Es geht nun darum, eine Agenda mit den wichtigen Themen zu entwickeln. Ziel ist es, den Speicher bis Mitte 2022 mit den ersten sinnvollen Anwendungen zu befüllen.

Vorbild beim Klimaschutz

Dachser ist auch bei einem anderen Thema Schrittmacher: Ab 2022 will das Unternehmen nur noch regenerativ erzeugten Strom nutzen. Warum?

Hohm: Grünstrom ist eine der Hauptvoraussetzungen, um langfristig weltweit Klimaneutralität zu erreichen. Wir haben hier als großes Unternehmen eine Mitverantwortung – darum versuchen wir, konsequent und schnell zu handeln.

Was bedeutet das konkret?

Hohm: Das beginnt bei den Elektrofahrzeugen, die wir bei Kurzstrecken oder auf der letzten Meile in europäischen Metropolregionen einsetzen. Leider ist die Elektroflotte, die wir eigentlich bräuchten, auf Sicht nicht verfügbar. Und im Fernverkehr ab 500 Kilometern geht die Entwicklung vor allem in Richtung Wasserstoff-Technologie. Ein wichtiger Schritt ist auch die Senkung des Energieverbrauchs an unseren Standorten, etwa durch LED-Beleuchtung.

Welche Rolle spielt die Photovoltaik an den Dachser-Standorten?

Hohm: Wir werden unsere eigenen Dächer konsequent mit PV-Anlagen ausstatten. Ziel ist es, in drei bis vier Jahren die Leistung von 5000 auf 20 000 Kilowatt-Peak hochzufahren.

Seit 1992 bei Dachser:

  • Stefan Hohm leitet das Vorstandsressort IT & Development. Der 49-jährige Chief Development Officer war zuvor unter anderem für die Forschungs- und Entwicklungsarbeit bei Dachser verantwortlich. Er gehört seit 1992 zu dem Kemptener Logistikdienstleister.
  • Dachser beschäftigt weltweit an 387 Standorten rund 30 800 Mitarbeiter. Das Unternehmen bewegte 2020 über 78 Millionen Sendungen mit einem Gewicht von 39,8 Millionen Tonnen und erwirtschaftete einen konsolidierten Netto-Umsatz von etwa 5,6 Milliarden Euro.

Lesen Sie auch: