Metallindustrie

100 Jahre Plansee: Von Berlin über Reutte in die Welt

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Zur Unternehmensphilosophie von Plansee gehören ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn, Ausflüge, Familienbesuchstage und das 1947 gegründete Werksorchester.

Bild: Plansee Group

Zur Unternehmensphilosophie von Plansee gehören ein ausgeprägter Gemeinschaftssinn, Ausflüge, Familienbesuchstage und das 1947 gegründete Werksorchester.

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1921 gründete Dr. Paul Schwarzkopf das Metallwerk Plansee. Das Unternehmen versorgt bis heute die Region mit Arbeit, Ausbildung und Kultur.
19.06.2021 | Stand: 18:00 Uhr

Am Anfang waren die Glühbirne – und viel Energie aus Wasserkraft. Dr. Paul Schwarzkopf, Pionier der Pulvermetallurgie und Mitbegründer der „Deutschen Glühfadenfabrik“ in Berlin hatte ein Verfahren zur industriellen Produktion von gewendelten Glühfäden aus Wolfram entwickelt. Weil in Berlin die Energiekosten so hoch waren wie die Nachfrage nach elektrischen Lichtern, folgte Schwarzkopf einer Zeitungsannonce über günstigen Strom aus dem 1903 gebauten Wasserkraftwerk am Plansee. Am 21. Juni 1921 reist Schwarzkopf erstmals nach Reutte und bereits drei Tage später wurde der Vertrag zur Gründung der Metallwerk Plansee GmbH notariell besiegelt, die er gemeinsam mit seinem Finanzpartner Richart Kurtz gründete.

Festakt wird digital gefeiert

Mit Blick auf die historische Ankunft Schwarzkopfs im Außerfern feiert die heutige Plansee Group jetzt ihr 100-jähriges Bestehen. Wegen der Corona-Pandemie passiert das am Jubiläumstag, Montag, 21. Juni, in einem digitalen Festakt mit Grußworten und musikalischer Untermalung, der in verschiedenen Unternehmensbereichen der Plansee Group zu sehen sein und anschließend auf deren Youtube-Kanal übertragen wird. Dabei werden auch eine reich bebilderte Publikation über das Unternehmen und der Film „Zwei in ihrem Element“ vorgestellt“. Er zeigt die fiktive Geschichte zweier junger Menschen mit Bezug zur Plansee Group.

Liebe zu Land und Leuten

Nicht allein der Verstand und der günstige Strompreis hatten ihn 1921 nach Reutte gezogen, bekannte Schwarzkopf, sondern auch das Herz: Die herrliche Berglandschaft hatte es ihm ebenso angetan, wie die dortige Bevölkerung. Die Liebe zu Tirol war in dem gebürtigen Prager bereits bei seiner Offiziersausbildung in Wattens entbrannt. Im ersten Weltkrieg kämpfte er für Österreich in Südtirol. Nun, wenige Jahre nach Kriegsende, setzte er seinen Wunsch, seinen Wohnsitz und seine Tätigkeit nach Tirol zu verlegen, um. Dafür nahm er auch schlechte Verkehrsverbindungen und den Facharbeitermangel in Kauf. 1922 startete im Metallwerk Plansee mit 15 Mitarbeitern die industrielle Fertigung von Produkten aus Molybdän und Wolfram.

Großauftrag von Henry Ford

Neben der Fadenproduktion für Glühlampen kamen bald weitere Komponenten für andere Anwendungsbereiche hinzu. 1925 platzierte Autopionier Henry Ford den ersten Großauftrag über Kontaktplättchen aus Wolfram. Auch Anoden für Röntgengeräte gehörten zu den ersten Produkten des jungen Unternehmens. Früh erkannte Schwarzkopf das Potenzial der Werkstoffe Molybdän und Wolfram: „Unsere Metalle treiben Maschinen an, bringen Licht in unsere Häuser, übertragen Wort und Bild über große Entfernungen und leisten tausend andere nützliche und wichtige Dienste“, sagte Schwarzkopf.

13.000 Mitarbeiter weltweit

Heute beschäftigt die Plansee Group weltweit mehr als 13. 000 Mitarbeiter und macht mit mehr als 75 .000 Produkten das Leben sicher, fortschrittlich, mobil und digital. Komponenten für Energieübertragung und Medizintechnik hat sie ebenso im Angebot wie Unterhaltungselektronik, die Halbleiterfertigung, Produkte für die Baubranche sowie den Straßen-, Schienen- und Luftverkehr. Komponenten von Plansee stecken in vielen Produkten des täglichen Bedarfs wie Smartphones, Tablets und Computern, in Hightechgeräten wie Computertomografen, aber auch in Luxusgütern wie hochwertigen Chronografen. Mit Firmenbeteiligungen, dem Ausbau an Betriebsstätten und Anlagen wird die Plansee Group, deren Herz nach wie vor in Reutte schlägt, zukunftssicher gestaltet. Dafür steht die Inhaberfamilie mit dem Enkel des Firmengründers und Vorsitzenden im Aufsichtsrat Michael Schwarzkopf.

Dr. Paul Schwarzkopf
Dr. Paul Schwarzkopf
Bild: Plansee Group

Flucht vor den Nazis

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Plansee Group

Nach der Krise haben die Reuttener Metaller Zukunft im Visier

So ungebrochen wie es die Entwicklung über drei Generationen nahelegt, war die Geschichte des unternehmens, das bis heute im Besitz der Gründerfamilie steht, allerdings nicht. Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen und Österreich dem Deutschen Reich einverleibten, floh Paul Schwarzkopf, der nach den Nürnberger Rassegesetzen als Jude galt, über Zürich in die USA. Er entging so im Gegensatz zu vielen seiner Verwandten der Ermordung in nationalsozialistischen Vernichtungslagern, wurde jedoch enteignet. Als er 1947 nach zehn Jahren nach Tirol zurückkehrte, empfing ihn zwar die neu gegründete Werksmusik Plansee feierlich. Mit der jungen zweiten österreichischen Republik musste er aber fünf Jahre ringen, bis sie ihm sein Unternehmen zurückgab, zu dessen Verwalter sie ihn berufen hatte.

Sozial engagiert

Schwarzkopf versorgte seine Mitarbeiter mit Wohnungen, eröffnete 1955 einen Werkskindergarten, beherbergte auf seinem Werksgelände das 1952 gegründete Realgymnasium Reutte und lud im gleichen Jahr zum ersten Plansee-Seminar. Bis heute treffen sich bei Plansee regelmäßig Forscher, Entwickler und Anwender von Hartmetallen aus aller Welt zum Austausch, mittlerweile im vierjährigen Rhythmus. Nur wegen der Coronapandemie wird es in diesem Jahr kein Plansee-Seminar geben. Von der Nähe zur Forschung profitiert auch die Ausbildung, unter anderem im vergangenes Jahr gegründeten Ausbildungszentrum für bis zu 240 junge Fachkräfte in spe.

Doch nicht nur wirtschaftlich, durch Forschung und in der Ausbildung profitiert die Region vom Engagement der Familie, sondern auch kulturell: Walter und Hilde Schwarzkopf, Sohn und Schwiegertochter des Firmengründers, luden im Jahr 1975 zum ersten Plansee-Konzert. Bis heute erfreut sich die Reihe großer Beliebtheit, die hochkarätige Künstler aus aller Welt in den Walter-Schwarzkopf-Saal im gleichnamigen Sozialgebäude auf dem Werksgelände holt. Und auch die Plansee Werksmusik gibt noch immer regelmäßig Konzerte.

„Das Wesen von Plansee liegt in der Fähigkeit zur Metamorphose“, sagt der heutige Vorstand der Plansee Group, Wolfgang Köck. „Seit 100 Jahren bauen wir unseren Kunden immer wieder Brücken in neue Anwendungswelten und dabei verwandeln wir uns mit.“ Im Zuge der Digitalisierung „liegen die neuen Herausforderungen darin, Teil hochkomplexer, weltweiter Wertschöpfungsketten zu werden und jedes Produkt zum genau definierten Zeitpunkt in der richtigen Menge, Qualität und in einer bestimmten Region zu produzieren und zu liefern“, ergänzt Vorstandssprecher Karlheinz Wex. Produktion, Vertrieb, Logistikabläufe und alle administrativen Bereiche werden dafür laufend optimiert.

Die Planseegroup heute

  • Mehr als 13 000 Mitarbeiter beschäftigt die Plansee Group nach eigenen Angaben heute weltweit. Davon arbeiten 3500 an den Produktionsstandorten in der Region Außerfern/Allgäu, darunter der in Lechbruck am See.
  • Bis heute werden hauptsächlich die Werkstoffe Molybdän und Wolfram verarbeitet, aber auch andere hochschmelzende Metalle wie Tantal, Niob und Chrom sowie deren Legierungen und Verbundwerkstoffe. Zu den Absatzmärkten gehören die Unterhaltungselektronik die Automobilindustrie, der Maschinenbau, die Bauindustrie, die Energietechnik, die Medizintechnik, die Halbleiterindustrie und die Luft- und Raumfahrt.
  • Tochterunternehmen Ceratizit, an dem Plansee seit März die Mehrheit hält und das Werkzeuge aus Hartmetall produziert, hat gerade im Süden von Leubas bei Kempten eine neue Vertriebszentrale errichtet.
  • In der Unternehmenszentrale in Reutte decken mehr als 1000 Mitarbeiter die gesamte Produktionskette von der Pulverherstellung bis zur Bearbeitung einbaufähiger Endprodukte ab.
  • Um sich die Versorgung mit Rohstoffen zu sichern, unternimmt Plansee nicht nur große Anstrengungen beim Recycling, sondern setzt auch auf Beteiligungen und Übernahmen von Förderern. So wurde 2008 Global Tungsten & Powders mit Stammsitz in den USA, ein führender Hersteller von Wolframpulver, in die Plansee Group eingegliedert.
  • Verabschiedet hat sich Plansee unterdessen 2011 vom Unternehmensbereich Sinterformteile. Die Unternehmenstochter Sinterstahl in Füssen wurde zum Kern der neuen PMG-Gruppe, einem weltweit agierenden Zulieferer der Automobilindustrie.

(Quellen: Plansee Group, AZ-Archiv, wikipedia.de)