So erklärt's ein Heimatforscher

Die Sache mit dem Heimatgefühl: „I bi a Allgeier“ – ohne Ost

"I bi a Allgeier", sagt Heimatforscher Bertold Pölcher aus Eisenberg-Zell. Nach seinen Beobachtungen ist das Zusammengehörigkeitsgefühl im Ostallgäu ohnehin nicht sonderlich ausgeprägt.

"I bi a Allgeier", sagt Heimatforscher Bertold Pölcher aus Eisenberg-Zell. Nach seinen Beobachtungen ist das Zusammengehörigkeitsgefühl im Ostallgäu ohnehin nicht sonderlich ausgeprägt.

Bild: Markus Röck

"I bi a Allgeier", sagt Heimatforscher Bertold Pölcher aus Eisenberg-Zell. Nach seinen Beobachtungen ist das Zusammengehörigkeitsgefühl im Ostallgäu ohnehin nicht sonderlich ausgeprägt.

Bild: Markus Röck

Die lange Form des Landkreises Ostallgäu trennt die Menschen nicht nur räumlich voneinander. Auch im Herzen fühlt sich mancher nicht als Ostallgäuer.
29.07.2022 | Stand: 10:22 Uhr

Wo bisch her? Je weiter man von seinem Heimatort entfernt ist, umso vielschichtiger lauten die Antworten auf die Frage: Woher komme ich? In Thailand wird man darauf wohl mit Deutschland antworten. In der Schweiz, Österreich oder Düsseldorf vielleicht mit: Bayern. Spätestens in München oder Augsburg lautet die Antwort wohl: Allgäu oder sogar Ostallgäu. Auch Bertold Pölcher aus Eisenberg-Zell hat viel von der Welt gesehen. Seit ungefähr zehn Jahren hat der Heimatforscher eine Veränderung festgestellt. Der Begriff Allgäu habe sich in den Medien etabliert und sei zur Marke geworden.

Als Schwaben (inoffiziell auch Bayerisch-Schwaben) fühlen sich die meisten Einwohner wohl eher nicht, sondern mehr als Allgäuer (ohne „Ost“). Ist das Ostallgäu also in den vergangenen 50 Jahren seit der Gebietsreform zusammengewachsen? Pölcher hat nach eigenen Angaben die Beobachtung gemacht, dass das Zusammengehörigkeitsgefühl bei den Ostallgäuern wohl nicht so ausgeprägt ist.

Der Landkreis ist ein "politisches Gebilde"

Ein möglicher Grund: Sieht man sich den Landkreis auf der Landkarte an, sei der im Vergleich zu anderen Landkreisen eher ein Unikum. Vom Landkreis in Form von „Kreis“ kann beim Ostallgäu keine Rede sein, vielmehr handele es sich um ein politisches Gebilde, das schmal und lang ist. Die Gemeinden zwischen Nord und Süd sind weit auseinander gezogen, mit der eigenständigen historischen Kreisstadt Kaufbeuren in der Mitte.

„Ich denke, ein Pfrontener hat mit einem Kleinkitzighofer wenige Berührungspunkte“, sagt Pölcher dazu und bekommt dafür Bestätigung aus Nesselwang. „Kaltental und Lamerdingen sagen mir nichts“, sagt Alexander Fischer. Zumindest von Obergünzburg hat der 20-Jährige aber schon einmal gehört. Quasi genau am anderen Ende des Ostallgäus liegt südwestlich in der Region seine Heimat Nesselwang. Diese hat für ihn den deutlich höheren Stellenwert als das Ostallgäu: „So viel bedeutet mir das Ostallgäu persönlich jetzt nicht. Da ist mir Nesselwang wichtiger“, sagt Fischer, der auch im Trachtenverein „Alpspitzler Nesselwang“ die Marktgemeinde repräsentiert. Und wenn ihn jemand von außerhalb fragt, woher er denn käme, lautet seine Antwort im Normalfall nicht Ostallgäu. „Meistens sage ich einfach Allgäu. Das ist den Leuten eher ein Begriff“, sagt der heimatverbundene 20-Jährige.

Im Altlandkreis Füssen dominiert vor allem der Tourismus

Auch die Wahl der Kreisstadt ist im Ostallgäu eher ungewöhnlich. Während in anderen Landkreisen laut Pölcher vor allem darauf geachtet wurde, einen möglichst zentralen, oft historisch bedeutenden Ort als Hauptsitz zu benennen, fiel im Ostallgäu die Wahl bei der Gebietsreform auf Marktoberdorf. Sicherlich funktioniert die Verwaltung des Landkreises auch dort, aber der Haupterwerb in den einzelnen Städten und Gemeinden sei doch sehr verschieden.

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Dominiert im Altlandkreis Füssen vor allem der Tourismus viele Entscheidungen, so seien es im „Unterland“ eher Landwirtschaft und Industrie. Anhand der Autokennzeichen lässt sich seit der erneuten Zulassung der Nummernschilder MOD und FÜS 2013 ein klarer Trend erkennen. Die meisten Fahrzeuginhaber entscheiden sich wieder für eines der beiden regionalen Kennzeichen.

Auch der Dialekt sei im Ostallgäu unterschiedlich und damit ein klares Erkennungsmerkmal, aus welcher Ecke man komme. Aber wie sieht sich der weitgereiste, weltoffene Pölcher selber? Als Zeller, Eisenberger, Ostallgäuer, Deutscher oder Europäer? Antwort: „I bi a Allgeier, denn do bin i drhoim.“

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