Neues Musical

Hundertwasser begeistert Publikum im Festspielhaus Füssen

„Friedensreich Hundertwasser (Felix Martin) zieht seine Amenoki (Leah delos Santos) im Kahn. Mit ihm ständig auf seinem Schiff zu hausen, wird sie jedoch bald leid. Neben den Projektionen im Hintergrund werten Tänzerinnen auch diese Szene optisch auf - hier einmal am Seil.

„Friedensreich Hundertwasser (Felix Martin) zieht seine Amenoki (Leah delos Santos) im Kahn. Mit ihm ständig auf seinem Schiff zu hausen, wird sie jedoch bald leid. Neben den Projektionen im Hintergrund werten Tänzerinnen auch diese Szene optisch auf - hier einmal am Seil.

Bild: Benedikt Siegert

„Friedensreich Hundertwasser (Felix Martin) zieht seine Amenoki (Leah delos Santos) im Kahn. Mit ihm ständig auf seinem Schiff zu hausen, wird sie jedoch bald leid. Neben den Projektionen im Hintergrund werten Tänzerinnen auch diese Szene optisch auf - hier einmal am Seil.

Bild: Benedikt Siegert

Bei der Premiere gibt es viel Applaus. Neben der Musik macht es eine ausgefeilte Choreografie zum Genuss. Und immer geht es um Tod oder Leben.
30.10.2022 | Stand: 18:00 Uhr

Das Meer rauscht. Friedensreich Hundertwasser steht am Steuer seines Schiffs Regentag mit Kurs auf Neuseeland – sein Paradies. „Fahr übers Meer“ setzt sich als erster Ohrwurm fest. Es ist der Auftakt zu „Hundertwasser – Das Musical“ im Festspielhaus Neuschwanstein in Füssen. Es folgt eine fast dreistündige Reise durch die bunte Lebens- und Gedankenwelt des Wiener Künstlers, die schließlich bei Meeresrauschen sanft wieder ausklingen würde – wäre da am Samstag im fast voll besetzten Haus nicht längst der enthusiastische Schlussapplaus des Premierenpublikums aufgebraust.

Kunterbuntes Spekaktel

Es ist ein kunterbuntes Spektakel im besten Hundertwasser’schen Sinn, das vorerst für eine Woche täglich dem Publikum im Musiktheater am Forggensee serviert wird. Ralf Rettberg, der dem Haus bereits das Musical Ludwig² bescherte, hat tief ins Leben des für seine bunten Häuser mit freischwingenden Linien berühmten Künstlers gegriffen und daraus eine Bühnenfigur geformt. Der Komponist Stefan Holoubek, mit dem Rettberg eine lange Freundschaft verbindet, sorgte für die kongeniale musikalische Umsetzung. Vom Cha-Cha-Cha über folkloristische Anklänge aus Asien und Afrika bis zum satten Blues nutzt auch er genussvoll den ganze Farbpalette. Ausgefeilte Tanzeinlagen machen den Genuss auch für die Zuschauenden rund, die bis dahin vielleicht noch nicht so viel vom ständig bewegten Leben Friedensreich Hundertwassers wussten. Im Gegensatz zu seinen Bildmotiven und Häusern hat der Künstler sehr wohl Ecken und Kanten, erfährt man. Nur die gerade Linie gibt es in seinem Leben so wenig wie in seinen Arbeiten, wo er sie regelrecht bekämpfte.

Spirale steht im Zentrum

Die Spirale, die er als Symbol für das Leben dagegensetzt, ist auch das zentrale Motiv des ansonsten dezenten Bühnenaufbaus. Mit einem Steuerrad und einem symbolischen roten Tuch als Segel wird sie beispielsweise zum Schiff. Das passende Zuhause für einen, der immer zu neuen Ufern unterwegs ist. Für Farbe sorgen die Projektionen im Hintergrund der Bühne. Es sind beinahe echte Hundertwasser, denn geschaffen hat sie seine einzige Tochter Heidi Trimmel. Mit der hatte er jedoch keinen Kontakt, wie es auch sonst die Frauen nicht leicht mit ihm hatten. Auf der Bühne tauchen sie vor allem als Allegorien auf. Als fröhliches „Kunterbunt“ zum Beispiel, das Hundertwasser als ständige Inspiration begleitet. Verkörpert wird es von Anna Martens, die nicht nur in dieser Rolle, sondern auch mit attraktiven Choreografien das Stück zum optischen Genuss macht. Leah Delos Santos steht als „Amenoki“ nicht nur sinnbildlich für Hundertwassers Asien und sein schwieriges Verhältnis zu Frauen, sondern überzeugt auch gesanglich solo und im Duett mit Felix Martin, der als Friedensreich Hundertwasser wohl seine Paraderolle gefunden hat. Vom Szenenapplaus des Publikums beflügelt, ist sein Bühnen-Hundertwasser ein sehr lebendiger. Genussvoll, trotzdem jugendfrei, spielt er die Nacktrede aus, in der der Künstler ein Anrecht der Menschen auf die Dritte Haut proklamierte – auf eine lebendige Architektur statt toter Wohnblöcke. Adressatin ist die Wiener Kulturstadträtin, die Stefanie Kock schrill, überdreht und mannstoll auf die Bühne bringt. Mit der Hilfe von Mr. Money, der von Alexander Kerbst verkörperten Allegorie auf den Kommerz, schafft sie es schließlich, Wien ein Hundertwasserhaus zu bescheren.

Ein Pakt mit Mr. Money

Auch Hundertwasser schließt zum Entsetzen seines revolutionären Freundes René Brô einen Pakt mit dem Kommerz – fasziniert von den eleganten Linien des weißen Cadillacs, mit dem Mr. Money auf die Bühne rollt. Wie gut sich Hundertwassers farbenfrohe Arbeiten inklusive goldener (Mozart-) Kugeln mit Kommerz vertragen, wusste der Musicalbesucher da schon, hatte ihn sein Weg doch an einem Stand mit Hundertwasser-Kalendern, -bänden und -Postkarten vorbeigeführt.

Das Leid der Afrikaner

Zu seinen prächtigen Farben hatten den Maler einst Reisen nach Marokko und Tunesien inspiriert, wie ihm die allegorische Afrika eine Form kultureller Aneignung vorhält. Von der Deutsch-Amerikanerin Tamara Wörner verkörpert, besingt sie so eindringlich das Leid der Menschen auf ihrem Kontinent einschließlich der nach Amerika verschleppten, dass Hundertwasser als Antwort einen leidenschaftlichen Anti-Kriegs-Song anstimmt. Unter Krieg und Gewalt hatte schließlich auch seine Familie schwer gelitten. Mehrfach beschwört Isabella Dartmann als Hundertwassers Mama die Namen der vielen Freunde und jüdischen Familienmitglieder, die in der Nazizeit ihr Leben ließen. Längst tot arbeitet sie noch als Geist an einem Bild, das an sie erinnern soll.

Stück läuft vorerst für eine Woche

Ob und wann das Hundertwasser-Musical wieder im Füssener Festspielhaus oder auf einer anderen Bühne zu sehen sein wird, ist derzeit noch offen. Wie alle privaten Theater leidet das in Füssen sehr darunter, dass eine Krise die nächste jagt und zur Angst vor einer Ansteckung mit Corona inzwischen die vor der nächsten Strom- oder Gasrechnung kommt. Gelegenheit zur Ablenkung bietet „Hundertwasser“ in Füssen noch bis zum Sonntag wochentags ab 19.30 Uhr, an Allerheiligen bereits um 16 Uhr und am Sonntag, 6. November, bereits ab 15 Uhr. Informationen und Tickets gibt es hier