Baugewerbe

Kiesabbau im Forggensee ist  mehr als reinfahren, aufladen und rausfahren

Um an das begehrte Forggensee-Kies zu gelangen, müssen zunächst etliche Meter Sedimente abgetragen werden.

Um an das begehrte Forggensee-Kies zu gelangen, müssen zunächst etliche Meter Sedimente abgetragen werden.

Bild: Thomas Scheibel

Um an das begehrte Forggensee-Kies zu gelangen, müssen zunächst etliche Meter Sedimente abgetragen werden.

Bild: Thomas Scheibel

So einfach, wie viele glauben, ist das Forggensee-Kies nicht zu haben. Füssener Bauunternehmer erklärt, was den Abbau erschwert und warum der Baustoff aus dem Stausee trotzdem so begehrt ist
03.08.2020 | Stand: 06:00 Uhr

Reinfahren, aufladen, rausfahren, so stellen sich wohl viele den Kiesabbau aus dem Forggensee mit sehr geringem Aufwand vor. Doch laut Thomas Scheibel, von der gleichnamigen Füssener Baufirma, ist diese Annahme falsch. Das Unternehmen Scheibel holt schon seit etwa 65 Jahren den begehrten Baustoff aus dem Staussee und weiß, er ist dem Gewässer weit schwieriger abzuringen, als die Meisten denken.

Zunächst bedarf es eines komplizierten Planfeststellungsverfahrens, um überhaupt Kies abbauen zu dürfen. „Das kostet weit über 100 000 Euro“, sagt Scheibel. Es müssen Ausgleichsflächen ausgewiesen, Schallschutzgutachten in Auftrag gegeben und Ökobilanzen erstellt werden. Außerdem wird das Vorkommen von Tieren, zum Beispiel Fröschen und Vögeln, unter die Lupe genommen und ein wasserrechtliches Verfahren durchlaufen. Auch eine verkehrsrechtliche Anordnung und ein notariell beurkundetes Überfahrtsrecht sind nötig. Um überhaupt soweit zu kommen, dass der erste Lkw in den See fahren darf, beschäftigt die Firma Scheibel nach eigenen Angaben unzählige Fachbüros und Juristen.

Ist es dann soweit, spielt der Wasserstand des Stausees eine entscheidende Rolle. Der Forggensee nämlich dient zu allererst der Energiegewinnung und dem Hochwasserschutz. Das Zeitfenster für den Kiesabbau beträgt nur wenige Wochen in den Monaten Februar und März. Kommt es zu starken Niederschlägen, wie im Februar dieses Jahres, ist der Wasserpegel schnell zu hoch, um noch mit Lastwagen in den See zu fahren. In den Jahren 2017, 2019 und 2020 zum Beispiel war laut Scheibel gar kein Abbau möglich. 2018 nur für zwei Wochen.

Enormer Zeitdruck

Durch die Kürze der Abbauphase stehen die Arbeiten unter enormem Zeitdruck. Und bevor das Kies auf die Laster geladen werden kann, müssen noch „in wochenlanger Arbeit mehrere Meter Sedimente über dem Kies entfernt werden“, sagt Scheibel. Beim Abbau schließlich müssen diverse Vorgaben erfüllt werden. Es dürfen durch die Bagger zum Beispiel keine sogenannten Fischfallen entstehen, sprich Löcher ohne Abfluss, aus denen Fische nicht mehr herauskommen. Die Maschinen, die im Forggensee eingesetzt werden, dürfen nur mit biologisch abbaubaren Betriebsstoffen und Hydraulikölen betrieben werden. Damit es bei Trockenheit nicht so staubt, müssen Abbauflächen und Wege im See befeuchtet werden. Befestigte Zufahrten sind regelmäßig zu reinigen. Die Lkw müssen bei der Ausfahrt auf die B 16 durch eine Reifenwaschanlage fahren, um den Schmutz auf der Bundesstraße zu reduzieren. Wird diese zu dreckig, muss auch sie gereinigt werden.

Trotz all dieser Auflagen aber ist das Forggensee-Kies sehr begehrt und sein Abbau gilt als sehr schonend, da kein Boden abgetragen werden muss, was für das Grundwasser und aus ökologischer Sicht oft heikel ist. Geht es nach dem Regionalplan Allgäu, soll der Abbau von Bodenschätzen geordnet und schwerpunktmäßig auf ausgewiesene Vorrang- und Vorbehaltsgebiete konzentriert werden.

Knappes Gut im Füssener Land

Diese sind einzelnen Städten und Gemeinden zugeordnet. Neun dieser Vorranggebiete liegen im nördlichen und mittleren Ostallgäu. Allein rund um Marktoberdorf gibt es laut Scheibel fünf Kiesabbaumöglichkeiten. Und diese Flächen können ganzjährig genutzt werden, ohne Wasserstandsprobleme und Sediementablagerungen. Für den Süden des Landkreises hingegen ist nur ein Bereich für den Kiesabbau ausgewiesen – nämlich der Forggensee. Er soll laut Regionalplan dazu beitragen, den Kiesbedarf im südlichen Ostallgäu zu decken und damit andere, empfindliche Landschaftsteile von Kiesgruben freizuhalten. „Zu Deutsch: Es gibt keine anderen Kiesvorkommen bei uns oder diese werden nicht genehmigt“, sagt Scheibel und verweist auf einen gescheiterten Versuch einer anderen Baufirma außerhalb des Forggensees eine Abbauerlaubnis zu erhalten. Damit ist Kies im südlichen Ostallgäu laut Scheibel ein „knappes Gut“ und sicher nicht einfacher zu bekommen, als woanders. Das treffe zum Beispiel eher auf Österreich zu, wo der Lech bei Pinswang einem Kieswerk den Rohstoff quasi direkt vor die Füße spüle.