Wallfahrt

Keine Angst vor Tod und Teufel

Wieskurat

Monsignore Gottfried Fellner vor der Figur des Gegeißelten Heilands. Eine Million Wallfahrer, aber auch Kunstfreunde zieht sie jedes Jahr in die Kirche, die die UNESCO zum Weltkulturerbe zählt.

Bild: Klaus Wankmiller

Monsignore Gottfried Fellner vor der Figur des Gegeißelten Heilands. Eine Million Wallfahrer, aber auch Kunstfreunde zieht sie jedes Jahr in die Kirche, die die UNESCO zum Weltkulturerbe zählt.

Bild: Klaus Wankmiller

Seit neun Jahren ist Monsignore Gottfried Fellner Kurat an der Wieskirche bei Steingaden. Zum Abschied verrät er, was ihn in dieser Zeit besonders bewegt hat.
04.07.2021 | Stand: 18:00 Uhr

Nach neun Jahren geht Wieskurat Monsignore Gottfried Fellner in den Ruhestand. Die Wieskirche lag dem Wallfahrtspfarrer stets am Herzen. In einem Gespräch mit dem Seelsorger wird deutlich, was seine Tätigkeit geprägt hat.

Das Schutzengelfest am 1. Sonntag im September ist ein wichtiges Fest in der Wieskirche. Sie haben vor neun Jahren das Amt des Wieskurators übernommen, nun wird zu diesem Datum Ihr Nachfolger präsentiert. Was bedeutet das Schutzengelfest für Sie persönlich?

Gottfried Fellner: Das Schutzengelfest ist ein hoffnungsvolles Angebot der Gemeinschaft der Glaubenden, der Kirche, dass wir kostbare Begleiter auf dem Pilgerweg unseres Glaubens haben, die uns, nach Auskunft der Bibel, Gott mit auf den Weg schickt. Dabei sollte uns aber auch bewusst werden, dass wir füreinander „Schutzengel“ Gottes sein sollen und können.

Die Wieskirche ist vor allem eine Wallfahrtskirche. Auch heute noch kommen zahlreiche gläubige Menschen täglich dorthin. Welche Gruppen von Wallfahrern sind das vor allem?

Lesen Sie auch
##alternative##
Nachruf

Pfronten trauert um Orgellegende Senzi Reitebuch

Fellner: In normalen Zeiten kommen circa 170 Pilgergruppen im Jahr in die Wies. Die Besucherzahl beläuft sich auf etwa eine Million. Einzelpilger kommen natürlich auch in die Wallfahrtskirche, besonders Fußwallfahrer auf dem Jakobsweg, der an der Wieskirche vorbeiführt und mit einem Stempel bestätigt werden kann.

Die Arbeit in der Seelsorge hat sich in den letzten Jahren sehr verändert. Was waren für Sie die Schwerpunkte in Ihrer Arbeit als Wieskurat?

Fellner: Die Seelsorge an einer Wallfahrtskirche unterscheidet sich von der normalen Gemeindepastoral vor allem dadurch, dass sie Seelsorge an der „Laufkundschaft“ ist. Das heißt, Wallfahrtsmessen, Wortgottesfeiern, Beicht- und Seelsorgegespräche, Segnungen und Weihen, Tauffeiern und Hochzeiten, vor allem von „Jubelpaaren“, katechetische Führungen, musikalische Angebote wie „Musik und Wort in der Wieskirche“ und anderes mehr.

Der Interessenskonflikt zwischen musealem Weltkulturerbe und Glaubensort für Wallfahrer ist nicht leicht zu meistern. Ihnen ist es gelungen, hier eine ausgewogene Balance zwischen beiden Polen herzustellen. Was war Ihnen dabei wichtig?

Fellner: Das Wichtigste in meiner Tätigkeit als Wieskurat war mein Bemühen, den Menschen ein „Stück Himmel“ zu erschließen, in dem es keine Angst vor Tod und Teufel geben darf. Die Wieskirche ist ein ausgesprochener Ort der Barmherzigkeit Gottes, vor allem dargestellt im Bildnis des Gegeißelten Heilands. Und oft habe ich gesagt: „Es gehört Mut dazu, diesem Gegeißelten ins Gesicht zu schauen. Wer es wagt, begreift, dass dieser Gott um die Liebe der Menschen fleht!“ Ein weiteres Bemühen war mir, den Menschen bewusst zu machen – manchmal auch mit Nachdruck –, dass sie sich nicht in einem Museum und einem Kulttempel der UNESCO befinden, sondern in einem Gotteshaus, also auf heiligem Boden stehen. Das wurde nicht immer verstanden. Natürlich gehört die Wieskirche zu einem der genialsten Gottesdiensträume der Weltkunst, zu einem Tourismusmagnet ersten Ranges, zu einem der schönsten Konzertsäle für die Musik. Trotzdem ist und bleibt die Wies ein Gotteshaus!

Das Licht in der Wies – tatsächlich ein besonderes Erlebnis. In vielen Beschreibungen der Kirche wird auf den besonderen Lichteinfall hingewiesen. Tatsächlich kann man diese besondere Stimmung vor allem in den Abendstunden hier erleben. Hatten sie ein besonderes Lichterlebnis in der Wies?

Fellner: Immer wieder ist das Abendlicht auf die Figur des Geißelheilands gefallen. Das gehört für mich zu den ergreifendsten Lichterscheinungen in der Wies. Manchmal werde ich bei der Abendmesse am Ambo vom Licht so geblendet, dass ich nicht weiterlesen kann. Dann sind die „Lichteinfälle Gottes“ angesagt.

Musik gehört als wichtiger Bestandteil zu Ihren Gottesdiensten. Bei den Einführungen zu den Sommerkonzerten legen Sie stets großen Wert auf den Glaubenshintergrund. Mit Begeisterung haben Sie aber auch Volksmusikgruppen eingeladen. Welche besondere Vorliebe von Musik haben Sie?

Fellner: Seit meiner Kindheit gehört Musik zu meinem Leben, besonders die Volksmusik, die mir von meiner Mutter und auch von meinen Großeltern beigebracht wurde. Ich erlernte das Hackbrettspiel und durfte bei den Singwochen mit Wastl Fanderl in Südtirol und bei verschiedenen Volkstanzveranstaltungen des Öfteren dabei sein. Bei klassischen Messen wurde ich immer wieder als Solosänger (Sopran) eingeteilt. Klassische Musik gehört zu mir seit meiner Studienzeit. Für das Geschenk meiner Stimme bin ich sehr dankbar. In der Wies gehört die Musik nicht nur bei den Gottesdiensten zur „Seelennahrung“, sondern auch im reichen Konzertleben, das hier seit langen Jahren hochkarätig gepflegt wird. Dabei war mir immer ein Anliegen, zu Beginn oder am Ende der Konzerte einen geistlichen Impuls, beziehungsweise Segen zu sprechen. Am Anfang meiner Kuraten-Zeit wurde das mit Erstaunen, beziehungsweise mit Skepsis wahrgenommen, so nach dem Motto: „Was hat der bei einem Konzert zu suchen?“ Allmählich aber gehörte es zum Ablauf eines Konzertes mit genehmigter Auswahl des Programms, das sich die Besucher daran erinnern, sie sind nicht nur in einem der schönsten „Konzertsäle“ der Musik, sondern auch in einem Gotteshaus. Verständige, gläubige Dirigenten machten sogar vor dem Konzert eine Kniebeuge vor dem Tabernakel und wünschten sich zum Schluss einen Segen oder das siebenstimmige Geläut der Wieskirche, um noch einen nachhaltigen Ausklang zu erleben.

Während ihrer Zeit als Wieskurator erschienen viele Bücher, die sich mit der besonderen Architektur des Gotteshauses, aber auch mit dem Dominikus-Zimmermann-Jubiläum, dem Erbauer der Kirche, beschäftigen. 2016 haben Sie auch ein Buch über die Wies als Gnadenort herausgegeben. Welche Schwerpunkte haben Sie dabei gesetzt?

Fellner: Es gibt hervorragende Literatur über die Wieskirche, aber es gab noch keinen ausgesprochenen Bildband. Deshalb habe ich mich entschlossen, zusammen mit Professor Emeritus Dr. Hans Pörnbacher und seinen Kindern einen Bildband anlässlich des 250. Todestages von Dominikus Zimmer 2016 herauszugeben. In Winfried Bahnmüller fand ich einen ausgezeichneten Fotografen. In diesem Bildband werden die Kirche und ihre Ausstattung in Wort und Bild vorgestellt. Er sollte zu einer Begegnung mit diesem Weltkulturerbe als Andachtsraum wie als zeitlosem Kunstwerk einladen. Vor allem die Theologie der Wieskirche, nach dem tiefgläubigen Prämonstratenserpater von Steingaden und Ideengeber der Kirche, Magnus Straub, war mir ein Anliegen.

Als emeritierter Seelsorger werden Sie der Wies treu bleiben. Welche Aufgaben werden Sie zukünftig übernehmen?

Fellner: Das hängt davon ab, wie mich mein Nachfolger „einspannen“ will. Ich mache im Erdgeschoss des Prälatenhauses den „Untertan“ und stehe zur Verfügung, wenn ich für Gottesdienste oder Führungen gebraucht werde. Arbeitslos werden wir Ruheständler bei der „Fülle“ der Priester sicher nicht. Außerdem möchte ich als jahrelanger geistlicher Begleiter ins Heilige Land auch in Zukunft Pilgergruppen auf den Spuren Jesu und der Apostel führen. Eine „Glaubensschulung“ von unschätzbarem Wert.

Florian Geis aus Augsburg wird Ihr Nachfolger. Was möchten Sie ihm mit auf den Weg für seine Arbeit geben?

Fellner: Pfarrer Florian Geis wird eine ganz andere Seelsorgesituation in der Wies vorfinden als in einer großen Stadtpfarrei. Ich wünsche ihm, dass er diese neue Herausforderung mit einer „Laufkundschaft“ verinnerlichen kann, und die Wies als pastoralen Schwerpunktort im Pfaffenwinkel begreift. Dazu wünsche ich ihm die Hand am Puls der Zeit und das Ohr am Herzen der Menschen. Für die Verhandlungen mit acht verschiedenen Ansprechpartnern in der Wies wünsche ich ihm ein gutes Gespür, um ja niemanden dabei zu übersehen. Das Wichtigste aber ist, dass er die Menschen, gleich welch religiöser Sozialisation, verstehen und lieben kann und dabei den Wiesheiland im Rücken und im Herzen spürt.