Heimatkunde

Warum Dialekt, Tracht und Heimat zusammengehören

Dr. Klaus Wolf ist überzeugter Trachtenträger und ein Fan der Wittelsbacher. Auch Prinzregent Luitpold (auf dem Bild im Hintergrund) war häufig in Tracht zu sehen.

Dr. Klaus Wolf ist überzeugter Trachtenträger und ein Fan der Wittelsbacher. Auch Prinzregent Luitpold (auf dem Bild im Hintergrund) war häufig in Tracht zu sehen.

Bild: Klaus Wankmiller

Dr. Klaus Wolf ist überzeugter Trachtenträger und ein Fan der Wittelsbacher. Auch Prinzregent Luitpold (auf dem Bild im Hintergrund) war häufig in Tracht zu sehen.

Bild: Klaus Wankmiller

Professor Klaus Wolf klärt im Museum der Stadt Füssen die Frage, ob es eine Allgäuer Literaturgeschichte gibt. Den Rahmen bildet eine Sonderausstellung.
18.11.2021 | Stand: 18:00 Uhr

Auf Einladung des Allgäuer Heimatwerks ging der an der Universität Augsburg lehrende Professor Dr. Klaus Wolf im Museum der Stadt Füssen begleitend zur Sonderausstellung „Sehnsucht nach Heimat – Trachtenkultur im Füssener Land“ der Frage nach, ob es eine Allgäuer Literaturgeschichte gibt. In seinen hochinteressanten Vortrag stellte der Referent zunächst verschiedene Ansätze der regionalen Literaturgeschichte vor. Bemerkenswert ist in seinen Augen die Renaissance der Dialekte, die eine Antwort auf die Globalisierung ist. Interessant war gerade der Schülerwettbewerb „Mundart wertvoll“, zu dessen Siegern ein Arabisch-Allgäuer Kochbuch zählte. Mundart ist gerade auch im Kabarett der Gegenwart auszumachen. Wolfs Fazit: „Heimat und Mundart gehören zusammen.“

Wichtig für die bayerische Literaturgeschichte

In der bayerischen Literaturgeschichte nimmt das Allgäu einen großen Stellenwert ein. So finden sich bereits historische Predigten in der Volkssprache. 1947 wurde das Füssener Land zum Schauplatz für ein Treffen der „Gruppe 47“ am Bannwaldsee. In jüngster Zeit sind Romane, Erzählungen und Krimis aus dem Allgäu beliebt – jedoch ist hier nur wenig in Mundart verfasst. Anders ist dies in der Lyrik und in der Dramatik, wo man häufiger Texte der Sprache der Region findet, wie zum Beispiel die „Schwäbische Schöpfung“ von Sebastian Sailer. Ludwig Ganghofer war durch seine Zeit in Kaufbeuren eher schwäbisch als bayerisch geprägt und auch das Oberammergauer Passionsspiel hat Augsburger Wurzeln. Nahezu unerforscht sind die „Memminger Meistersinger“ und das „Füssener Passionsspiel“, das 2022 nach Jahrhunderten des Vergessens wieder aufgeführt werden soll.

Viele regionale Spracheinfärbungen

Erschwerend kommt hinzu, dass es in Bayerisch-Schwaben eine besondere Vielfalt von regionalen Spracheinfärbungen gibt. Einen homogenen Allgäuer Dialekt gibt es nicht. Oft wird bereits im Nachbarort ganz anders gesprochen. Dennoch lassen sich zwei große Dialektlandschaften ausmachen: das Niederalemannisch (vor allem im Oberstdorfer Raum) und das Ostschwäbisch, das auch in Füssen gesprochen wird. Wolf, der selbst eine bayerische Literaturgeschichte herausgegeben hat, stellte fest, dass „ursprünglich das Alemannisch vom Bayerischen nicht zu unterscheiden war.“ Erst im Hochmittelalter um das 12. Jahrhundert hat sich das Alemannisch abgesondert.

Nicht immer als Allgäuer gefühlt

Problematisch ist auch die Frage, was zum Allgäu gehört beziehungsweise gehörte. Heute umfasst das Allgäu nicht nur das Ober- und das Ostallgäu, sondern auch das Unterallgäu, das Westallgäu und das Württembergische Allgäu. Das war nicht immer so. Die Region Allgäu hat sich verändert. „Früher sahen sich die Kemptener als Angehörige der Stiftsstadt oder der freien Reichsstadt, jedenfalls nicht als Allgäuer“, so der Literaturwissenschaftler. Die Allgäuer Identität bildete sich erst im 19. Jahrhundert und wurde durch die von den Wittelsbachern geförderte Trachtenbewegung begünstigt. Damals wurde vor allem die Tracht aus Oberbayern importiert, weil die zweit- und drittgeborenen Bauernsöhne ihre Heimat verließen, um im Allgäu in der Käse- und Textilproduktion zu arbeiten. In den letzten Jahren wurde die ursprüngliche Allgäuer Tracht rekonstruiert. Richard Hartmann vom Allgäuer Heimatwerk hat vor zwei Jahre die historische Füssener Tracht vorgestellt, die natürlich städtisch geprägt ist. Bis zum 18. Jahrhundert gab es keine regionale Tracht, sondern nur die Gewandung der Handwerker.

Digitaler Literaturatlas ist in Arbeit

Gleiches gilt auch für die Mundart: „Erst die Bildung einer Hochsprache brachte den Dialekt als Konkurrenz hervor“, schlussfolgerte Wolf, selbst überzeugter Trachtenträger: „Mundartdichtung ist kleinräumiger als die Hochsprache.“ Derzeit wird ein digitaler Literaturatlas (DIGILABS) erstellt, bei dem Autoren, Orte, Werke, aber auch Gedenkstätten und literarische Wanderwege eingestellt werden. „Das wird die Literaturgeschichte der Zukunft sein“ lautet das Resümee von Wolf.

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