Serie: "Hilfe gegen Missbrauch im Allgäu"

Häusliche Gewalt im Allgäu: Wie hat sich die Lage während der Corona-Krise entwickelt?

Gerade während des Lockdowns wurde die Stimmung in vielen Allgäuer Familien gereizter - häufig zulasten der Kinder.

Gerade während des Lockdowns wurde die Stimmung in vielen Allgäuer Familien gereizter - häufig zulasten der Kinder.

Bild: Jan-Philipp Strobel, dpa (Symbolbild)

Gerade während des Lockdowns wurde die Stimmung in vielen Allgäuer Familien gereizter - häufig zulasten der Kinder.

Bild: Jan-Philipp Strobel, dpa (Symbolbild)

Auch in der Schwangerenberatung geht es manchmal um Fälle von häuslicher Gewalt. Die Corona-Krise hat die Lage verschärft.
17.08.2021 | Stand: 07:22 Uhr

Häusliche Gewalt, vor allem gegen Kinder, hat während der Corona-Pandemie zugenommen. Wo die häusliche Situation ohnehin angespannt war, sorgten die Lockdowns, in denen Familien mehr Zeit daheim verbrachten, für zusätzliche Spannungen. Viele Menschen im Allgäu engagieren sich tatkräftig, um Missbrauch zu verhindern und den Opfern beizustehen. Ihre Arbeit ist nun bedeutsamer denn je. In einer Serie stellen wir dieses Engagement vor - und wir möchten für das Thema sensibilisieren. Wir wollen zeigen, wie wichtig es ist, nicht wegzuschauen, sondern Hilfe zu holen, wenn andere Menschen zu Opfern von Gewalt werden. Auch an der Schwangerenberatung geht das Thema nicht spurlos vorbei.

„Viele haben sich gerade im ersten Lockdown alleingelassen gefühlt. Das führte auch zu psychischen Problemen“, sagt Mirjam Schäffler. Die Diplom-Sozialpädagogin ist die Leiterin der Schwangerenberatung Donum Vitae in Kaufbeuren. Gerade die ohnehin herausfordernde Situation werdender Eltern wurde durch die Monate der häuslichen Isolation nochmals verschärft – im schlimmsten Fall entlud sich dieser Druck in Gewalt.

Dabei sei es vor allem psychische Gewalt, nicht physische, die sie und ihre Kolleginnen in den Beratungsgesprächen mitbekommen, sagt Schäffler. Sie betont aber: Dabei handle es sich um Einzelfälle. Dass es durch die Lockdowns ein „massives Problem der häuslichen Gewalt bei jungen Eltern gebe“, könne sie glücklicherweise nicht bestätigen. „Vielleicht liegt das an unserer ländlichen Umgebung und in Großstädten sieht es anders aus.“

"Glaube schon, dass bei einigen Frauen häusliche Gewalt im Hintergrund steht"

Fälle von „verbaler Gewalt“ hat auch Helena Winter, stellvertretende Leiterin der Schwangerenberatung in Memmingen, in Beratungsgesprächen schon mitbekommen. Zwar ist die Schwangerenberatung keine direkte Anlaufstelle bei häuslicher Gewalt, in den Gesprächen kommen diese Fälle jedoch teilweise ans Licht. „Ich glaube schon, dass einige Frauen zu uns kommen, bei denen häusliche Gewalt im Hintergrund steht“, sagt Helena Winter. In der Regel suchten die Betroffenen jedoch wegen anderer Themen die Berater auf, sagt Winter. Deshalb sei es bei einem solchen Verdacht wichtig, den Menschen ein Gesprächsangebot zu machen und ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich den Beratern anvertrauen können.

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Gründe, dass sich gerade für junge Familien und werdende Eltern die Situation in der ersten Lockdown-Phase verschlechterte, gibt es viele. Mirjam Schäffler sagt etwa: „Dass die Kindergärten zu waren, hat ohnehin schon für eine schwierige Situation gesorgt. Wenn dann noch ein Baby oder eine Schwangerschaft dazukamen, kamen die Eltern überhaupt nicht mehr zur Ruhe.“ Ein weiterer Faktor, den viele unterschätzten, ist laut der Kaufbeurer Sozialpädagogin, dass gerade im ersten Lockdown keine Babysitter zu den Familien kommen konnten, um den Eltern eine Auszeit zu ermöglichen. (Auch ein Oberallgäuer Verein verzeichnet einen Anstieg von Fällen.)

Das bestätigt Helena Winter von der Memminger Beratungsstelle: „Die Eltern waren einer Dauerbelastung ausgesetzt, hatten keinen Rückzugsort. Es ist selbsterklärend, dass dann Probleme auftreten - meistens zulasten der Kinder.“ Gerade bei Schwangeren komme auch gesundheitliche Angst vor dem Virus dazu, ergänzt Schäffler. Sorgen bereite auch die Frage, ob und wie der Vater überhaupt bei der Geburt dabei sein kann.

Umso dankbarer seien die Eltern gewesen, dass sie in den Beratungsgesprächen von ihren Sorgen erzählen konnten - „und einfach mal den Frust rauslassen konnten“, sagt Mirjam Schäffler. Ohne Geburtsvorbereitungskurse fehlte den jungen Eltern zudem der Kontakt zu anderen Vätern und Müttern, die in der gleichen Situation waren. „Dieser Austausch unter den Eltern ist aber sehr hilfreich. So merken sie: Das ist nicht nur bei mir so“, sagt Mirjam Schäffler.

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