Interview mit AG Barrierefreies Kleinwalsertal

Leiterin: „Alle profitieren von einem barrierefreien Kleinwalsertal“

KW Barrierefrei

Klaus Ritsch, Renate Liebl, Manfred Nocker und Monika Rief (von links) stießen bei ihrer Rollstuhl-Tour durch Riezlern auf zahlreiche Hindernisse.

Bild: Helene Fritz

Klaus Ritsch, Renate Liebl, Manfred Nocker und Monika Rief (von links) stießen bei ihrer Rollstuhl-Tour durch Riezlern auf zahlreiche Hindernisse.

Bild: Helene Fritz

Eine neue Arbeitsgemeinschaft will im Kleinwalsertal Hindernisse abbauen. Monika Rief erklärt im Interview, worum es geht und was als Nächstes geplant ist
##alternative##
Von Veronika Krull
24.09.2021 | Stand: 11:30 Uhr

Im April wurde eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Thema „Barrierefreies Kleinwalsertal“ gegründet. Die Leitung hat Monika Rief übernommen. Die gelernte Erzieherin ist seit 2008 in der Lebenshilfe tätig und leitet die Werkstätte sowie das „Gemeinschaftliche Wohnen“ der Lebenshilfe Kleinwalsertal. Mit ihr sprach Veronika Krull über die neue Gruppe.

Was verstehen Sie unter Barrierefreiheit?

Monika Rief: Definition im Bundesbehindertengleichstellungsgesetz: „Barrierefrei sind Gebäude, Anlagen, technische Gebrauchsgegenstände bzw. andere gestaltete Lebensräume dann, wenn sie für Menschen mit Behinderungen in der allgemein üblichen Weise, ohne besondere Erschwernis und grundsätzlich ohne fremde Hilfe zugänglich und nutzbar sind.“ … so sehen wir das auch.

Wer profitiert von einem barrierefreien Tal?

Rief: Alle. Es profitieren die gesamte Bevölkerung und die Gäste des Tales – alle, die einen Kinderwagen, Rollator, Rollstuhl, Krücken, Einkaufswagen, Rollkoffer, Sackkarren benutzen, sind froh, wenn sie keine physischen Barrieren bewältigen müssen. Informationen in leichter Sprache sind für alle besser verständlich. Piktogramme verstehen auch Menschen, die nicht deutsch sprechen. Taktile Hinweise beeinflussen auch das Verhalten sehender Menschen.

Lesen Sie auch
##alternative##
Inklusion

Im Skate- und Bikepark Füssen wird Inklusion groß geschrieben

Mit welchen Themen haben Sie sich schon beschäftigt?

Rief: Wir haben im April 21 begonnen, uns mit den physischen Barrieren zu beschäftigen – zuerst mit dem Parkplatzangebot für mobilitätseingeschränkte Personen sowie den öffentlichen Toilettenanlagen. Ganz wichtig war uns die Kontaktaufnahme mit der Post AG bezüglich eines barrierefreien Zuganges zum Postamt Riezlern. Der Istzustand der Ausstattung der Kirchen sowie der Friedhöfe wurde erhoben.

Sie haben auch praktische Erfahrungen gesammelt?

Rief: Uns ist es wichtig, selbst Erfahrungen zu sammeln. Unsere Mitglieder Klaus Ritsch und Manfred Nocker haben uns in die Fahrtechnik des Rollstuhls eingewiesen und dann ging es „auf Tour“ durch Riezlern. Schnell sind wir an Grenzen gestoßen: Randsteine, Pflastersteine lassen Vorderräder verhaken, loser Kies auf dem Friedhof lässt den Rollstuhl einsinken und der Rollator bleibt stecken. Wer bemerkt als Fußgänger das Gefälle des Gehsteigs? Mit dem Rollstuhl und dem Rollator muss aktiv dagegen gesteuert werden, das kostet Kraft. Das Überqueren der Straße ist ein Abenteuer und zum Überwinden des Randsteines braucht es akrobatische Fähigkeiten. Ist ein Geschäft oder Lokal erreicht, behindern oft Stufen den Zugang. Obwohl ich schon viele Jahre im Rollstuhl-Schieben fit bin, war diese Erfahrung noch einmal ganz was anderes. Es hat die gesamte Arbeitsgruppe in ihrem Vorhaben bestärkt – hier muss sich vieles ändern.

Haben Sie bereits erste Barrieren abbauen können?

Rief: Es gibt erste Erfolge unserer noch jungen Arge: Es wurden sechs neue Parkplätze für mobilitätseingeschränkte Personen geschaffen – beim Feneberg, Schulzentrum, Gemeindeplatz, Sozialzentrum, Walserhaus und bei der Kirche Mittelberg. Der Parkplatz in Mittelberg „Kraftpost“ wurde versetzt. Die Adaptierung der öffentlichen WCs ist in Planung. Die Post AG hat einen barrierefreien Zugang des Postamtes Riezlern zugesagt. Zwei Betriebe – Hypobank Riezlern und M-Preis Mittelberg – haben ihren Parkplatz für mobilitätseingeschränkte Personen sichtbarer beschildert.

Welches Thema steht als Nächstes auf der Tagesordnung?

Rief: Wir wollen durch Öffentlichkeitsarbeit eine Sensibilisierung für das Thema „Barrierefreiheit“ schaffen. Wir möchten Selbsterfahrungsmöglichkeiten anbieten, um einen neuen Blickwinkel zu ermöglichen. Wir planen eine Zusammenarbeit mit anderen Gemeinden und Initiativen. Einfach wunderbar wäre es, einige Spazierwege so barrierefrei wie möglich auf der Talachse zu schaffen. Ebenso den Besuch der Friedhöfe für Menschen zu ermöglichen, die auf Gehhilfen oder den Rollstuhl angewiesen sind. Und dann gibt es noch so viele andere Barrieren … wir wollen einen Schritt, eine Barriere nach der anderen bearbeiten. Unsere Arge ist sich bewusst, dass wir die nächsten Jahre damit beschäftigt sind, Barrieren zu erkennen und im besten Fall zu entfernen. Wir freuen uns über Verstärkung, Menschen, denen vielleicht ein Thema besonders wichtig ist, in dem sie Experten sind, weil sie täglich damit konfrontiert sind.

Lesen Sie dazu auch:

Verbände: Es fehlt im Allgäu an barrierefreiem und bezahlbarem Wohnraum