Immenstadt-Diepolz

Demokrat mit Weitblick

Portrait Carl Hirnbein

Portrait Carl Hirnbein

Bild: Catrin Weh

Portrait Carl Hirnbein

Bild: Catrin Weh

Geschichte Carl Hirnbein war nicht nur Agrarreformer und erfolgreicher Unternehmer, er war auch politisch stark engagiert. Das verdeutlicht die Sonderausstellung „Allgäuer. Freigeist. Käsepionier“ im Bergbauernmuseum in Diepolz
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Von Klaus Schmidt
10.05.2019 | Stand: 16:49 Uhr

Die Grundrechte bilden heute für uns ganz selbstverständlich die Grundlage für den deutschen Rechtsstaat. Doch der Weg dorthin war ein langwieriger und mühsamer. Im Allgäu fand er von Anfang an viele Unterstützer. An einen von ihnen erinnert eine Sonderausstellung, die ab diesem Wochenende im Allgäuer Bergbauernmuseum in Diepolz bei Immenstadt zu sehen ist: Carl Hirnbein.

Der 1807 in Wilhams geborene und 1871 in Weitnau verstorbene weitblickende Mann ist vor allem als Unternehmer, Agrarreformer und Wirtschaftspionier bekannt, der die Käseherstellung im Allgäu revolutionierte. Doch er war auch ein politisch engagierter Mensch, der freiheitliche, liberale Gedanken pflegte.

Dieses politische Engagement bildet einen Schwerpunkt in der Ausstellung und könne heute als Vorbild dienen. Carl Hirnbein wäre wahrscheinlich ein ganz überzeugter Europäer, ein Mann, der sich für freie Grenzen einsetze, sagt Siegfried Zengerle, Vorsitzender des Museumvereins, bei der Eröffnung, die vom Jodlerduo Schöll musikalisch umrahmt wird. Und zweiter Bürgermeister Herbert Waibel sieht Hirnbeins Leben als „europäischen Gegenentwurf“ zu „Ausgrenzung“.

Als „Kosmopolit des 19. Jahrhunderts“ charakterisiert Anna Maria Willer, die Kuratorin der Ausstellung, Carl Hirnbein. Er habe eine kaufmännische Lehre im italienischen Rovereto absolviert, besuchte die Weltausstellung in London, lernte im belgischen Limburg die Weichkäseherstellung kennen und baute sie mit den Brüdern Grosjean im Allgäu auf. Er habe Handelsbeziehungen bis nach New York unterhalten. In Anekdoten werde er als knallharter Geschäftsmann beschrieben.

„Sicherlich war er zeitweise der reichste Mann weit und breit“, erzählt Regisseur Leo Hiemer, der nicht nur einen Film gedreht hat, in dem sich Kabarettist Maxi Schafroth auf die Spuren Hirnbeins begibt und der in Ausschnitten in der Ausstellung zu sehen ist. Leo Hiemer hat auch ein Buch über Hirnbein vorgelegt und darin den politischen Menschen beleuchtet. Auf diese Recherchen stützt sich die Ausstellung.

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Sie schildert Carl Hirnbeins Nähe zu der Demokratiebewegung, die Ende März 1849 zur Paulskirchenverfassung führt. Darin werden erstmals Grundrechte wie der Gleichheitsgrundsatz, Glaubens- und Gewissens-, Meinungs- und Pressefreiheit fixiert. 28 Staaten stimmen zu, Bayern, Preußen und Österreich lehnen die Verfassung ab. Im Allgäu ist die Empörung groß. 10 000 Menschen versammeln sich auf dem Holzmarkt in Kempten. In der Kemptener Zeitung erscheint ein Aufruf zur Selbstbewaffnung. 11 000 Soldaten besetzen daraufhin das Allgäu. Märzvereine, welche die Demokratiebewegung stützen, waren dort wie Pilze aus dem Boden geschossen – etwa in Immenstadt, Kempten, Sonthofen, Oberstdorf. Carl Hirnbein ist Vorstand dreier Märzvereine: in Missen, Weitnau und Wilhams. Sein Gut in Wilhams wird während der Unruhen, die kampflos enden, untersucht und eine Waffe gefunden, eine „polnische Sense“. Carl Hirnbein muss den Treueeid auf König Max II. schwören, hat jedoch als einflussreicher Käsefabrikant keine Nachteile. Nachdem 1853 die Eisenbahn bis Immenstadt fährt, erbaut er auf dem Grünten nach Schweizer Vorbild das erste Berghotel in den Allgäuer Alpen. Es dient nicht nur dem Tourismus, sondern auch als Ort für freien Gedankenaustausch. 1855 wird Carl Hirnbein zum „Königlichen Postexpeditor“ ernannt, der eine Postkutschenlinie als Eisenbahnzubringer ab Weitnau betreibt. Von 1859 bis 1863 sitzt er als Abgeordneter im Bayerischen Landtag. Dort setzt er sich unter anderem für Erleichterungen beim Viehtrieb auf die Alpen ein.

Einen solchen Viehtrieb über die Alpen nach Italien hat er als junger Mann mit seinem Vater begleitet. Denn Allgäuer Rinder und Rosse waren seit dem 16. Jahrhundert in vielen Regionen begehrt. Kinder können in der Ausstellung einen solchen Viehtrieb nachspielen und sich selbst als Hirt verkleiden. Allerdings habe Hirnbein, erzählt Anna Maria Willer, nur einen Viehtrieb begleitet und nicht viele, wie Peter Dörfler in seiner Romantrilogie schreibt, die Carl Hirnbein zum „Notwender“ und „Alpkönig“ verklärt.