Requiem für einen Vogel

Der Hahn ist tot: Immenstädter Wirt setzt seinem Haustier ein Denkmal

Franz Braun vor dem Denkmal für „Anton Caruso“.

Franz Braun vor dem Denkmal für „Anton Caruso“.

Bild: Franz Summerer

Franz Braun vor dem Denkmal für „Anton Caruso“.

Bild: Franz Summerer

Gockel „Anton Caruso“ sollte bei Franz Braun ein fried- und freudvolles Leben führen. Doch dem macht ein Nachbar ein Ende. Der Wirt hält die Erinnerung wach.
16.07.2022 | Stand: 09:22 Uhr

Es ist eine traurige Geschichte und doch steckt sie voller Humor. Ein Humor, der den Bühler Gastronom Franz Braun auszeichnet. Er setzte seinem geliebten Hahn „Anton Caruso“ am Großen Alpsee ein Denkmal. Der musste schließlich in der Fremde sein Leben lassen, weil einem Nachbarn sein Krähen missfiel. Um das Kunstwerk einzuweihen, lud er Freunde und Nachbarn zur Gedenkfeier. Und sie kamen zuhauf. Das Denkmal samt Bronzeplastik wurde enthüllt, es sang ein Chor, ein Schweizer Professor dichtete und ein Bildband erinnert an lustige Stunden im Garten hinter dem Gasthaus zum Alpsee.

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Doch der Reihe nach: „Wir hatten schon immer Tiere“, sagt Braun, der die Wirtschaft in Immenstadt-Bühl von seinen Eltern geerbt hat. Seit 120 Jahren ist das Gasthaus bereits in Familienbesitz, früher mit einem kleinen Bauernhof. Weil er während des Corona-Stillstands viel Zeit hatte, baute er neben dem Schafstall einen Hühnerstall. Ende April 2021 holte er vier Hühner und einen Hahn aus Tettnang. Sie sollten sich in dem großen Garten am Gasthaus wohl fühlen und für Eierspeise sorgen.

"Anton Caruso": Daher kommt der kuriose Name

„Als wir gegen 19 Uhr in den Hof einbogen, läuteten gerade die Kirchenglocken zur Abendmesse“, erzählt der 63-Jährige. Er deutete das als Zeichen und gab dem Hahn zunächst den Namen „Anton“, in Anlehnung an Bühls Ruhestandsgeistlichen Anton Simon. Anderntags krähte der Gockel in der Früh so schön, dass ihm Braun den Zusatz „Caruso“ verlieh.

Doch der Gesang des Federviehs entzückte nicht alle. Einer der Nachbarn, der vor einigen Jahren zugezogen war, beschwerte sich, nachdem er frühmorgens von Kikeriki geweckt wurde. „Der hat sich furchtbar aufgeregt“, erinnert sich Braun. Der Gastronom baute daraufhin eine Zeitschaltuhr an der Hühnerklappe ein. „Danach konnten Caruso und seine Damen erst nach 8 Uhr ins Freie.“ Der Hahn meldete sich also erst viel später zu Wort. Doch auch das beruhigte den Nachbarn nicht. „Es wurde sogar noch schlimmer. Jetzt drohte er mit dem Rechtsanwalt“, schüttelt der 63-Jährige den Kopf. Früher sei das Krähen eines Hahns auf dem Land gang und gäbe gewesen. „Da regte sich keiner auf. Aber heute wird gleich bei jeder Kleinigkeit mit Anzeige gedroht.“ (Lesen Sie auch: Greifvogel fällt Joggerin am Rottachsee an)

Hahn wohnt jetzt in Buchenberg - doch dort gefällt es ihm nicht

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Braun erkundigte sich bei einem befreundeten Anwalt nach der Rechtslage, aber der machte ihm kaum Aussichten auf Erfolg. Und weil er keinen Ärger haben wollte, gab er schweren Herzens seinen geliebten Caruso an Bekannte ab, die ebenfalls Hühner besaßen. Nach nur vier Monaten am Alpsee musste der Hahn noch Buchenberg umsiedeln. Doch da schien es ihm nicht recht zu gefallen. Er versuchte immer wieder, sich aus dem Staub zu machen, und die neuen Besitzer mussten ihn im ganzen Dorf suchen. Entnervt setzten sie – nach der Zustimmung von Franz Braun – dem Gockelleben ein Ende.

Doch das unrühmliche Ableben seines Carusos ließ den Bühler nicht los. Seit Hahn und Hühnerschar angekommen waren, hatte der gelernte Koch und Künstler ein Skizzenbuch mit vielen Zeichnungen und jede Menge Notizen angefertigt. Das blätterte Braun noch einmal durch und es wurde ihm klar, „es braucht eine Erinnerung an Caruso, ein Denkmal“.

Aus Wachs eine Bronzefigur gefertigt

So ließ er einen Gedenkstein anfertigen und machte aus Wachs eine Form für eine Bronzefigur, die er von einer Kunstgießerei in Elchingen gießen ließ. Als die geliefert wurde, lud er zum „Gockelfest“ – und 60 Leute kamen in den großen Garten. Der bekannte Sänger Michael Hanel sang mit dem Chor „Ars Choralis“ eine Moritat auf das kurze Leben von Caruso und ein Schweizer Sprachwissenschaftler trug ein Gedicht über zwei Seiten vor. Ein Auszug:

„Mein Kikeriki im Morgenlicht, das seit Jahrtausenden zur Pflicht von allen Hähnen auf der Welt ganz selbstverständlich wird gezählt – nun fehlt in dieser Region mein heller, frischer Ton.“

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