Immenstadt

Eichelschweine kümmern sich um uralte Eichen in Immenstadt

In der Kategorie „Produkt“ sind für die Endrunde nominiert: Das Projekt Allgäuer Eichelschwein (Freilandhaltung in einem Wald bei Immenstadt). Allgäuer Eichelschwein Die Sau "Black Mama" hat allerhand zu tun, um ihre vielen Ferkel satt zu bekommen Immenstadts Stadtförster Gerhard Honold (rechts) und Schweinehalter Reinhard Adelgoß freuen sich über viele gesunde Ferkel.

Der Immenstädter Eichenwald und seine Eichelschweine: Stadtförster Gerhard Honold (rechts), Schweinehalter Reinhard Adelgoß und die Sau „Black Mama“ freuen sich über viele gesunde Ferkel.

Bild: Susanne Lorenz-Munkler

Der Immenstädter Eichenwald und seine Eichelschweine: Stadtförster Gerhard Honold (rechts), Schweinehalter Reinhard Adelgoß und die Sau „Black Mama“ freuen sich über viele gesunde Ferkel.

Bild: Susanne Lorenz-Munkler

Der Eichenwald in Immenstadt punktet mit seinen ökologischen und ökonomischen Vorteilen. Eine besondere Art von Schweinen verschafft den Bäumen mehr Luft.

Von Susanne Lorenz-Munkler
09.07.2020 | Stand: 10:17 Uhr

Hoch über den Dächern der Stadt Immenstadt thronen sie: Etwa 150 uralte, prächtige Eichen, die in ihren knapp dreihundert Lebensjahren so einiges erlebt haben: Den Spanischen Erbfolgekrieg, der auch große Verwüstungen übers Allgäu brachte, den Freiheitskampf der Tiroler unter Andreas Hofer, den Ersten Weltkrieg, den Bombenangriff im Zweiten Weltkrieg, große Brände, Lawinen und Hochwasserkatastrophen. Noch immer stehen sie da. Und wie vor Jahrhunderten tummeln sich heute wieder Schweine unter ihren großen Kronen im Immenstädter „Hutewald“.

Immenstadts Stadtförster Gerhard Honold ist mit der Wiederbelebung des historischen Hutewalds seiner Zeit voraus. Die kombinierte Nutzung von Wald und Weide trägt beachtliche Früchte. So ist der Hutewald ökonomisch der ertragreichste Wald der Stadt, die in Vollmastjahren 4 bis 5 Tonnen Eicheln als Saatgut an Baumschulen verkauft. „Das hat uns in 25 Jahren einen gut sechsstelligen Betrag eingebracht“, erzählt Honold.

Zudem überzeugt das Agroforstsystem ökologisch. Denn auf den Offenbodenflächen unter den Bäumen finden viele Vögel, seltene Fledermausarten und Insekten ein Zuhause. Ein Monitoring durch den renommierten Insektenforscher Dr. Heinz Bussler im Auftrag der Regierung von Schwaben hat ergeben, dass es im Immenstädter Hutewald drei bis vier Urwaldreliktarten (700 Jahre alt) gibt, 15 Insektenarten, die auf der roten Liste stehen, und Insekten, die in dieser Region bisher gar nicht entdeckt worden sind.

Das Hutewaldprojekt wird vom Freistaat über das Vertragsnaturschutzprogramm bezuschusst, weil es Garant für eine hohe Artenvielfalt ist. „Das mussten wir hier früher künstlich machen, sprich alle sieben Jahre Unterholz auslichten. Heute simulieren wir die damalige Landwirtschaft und lassen die Schweine das tun“, sagt Honold.

Vor knapp 300 Jahren seien die Stileichen am Kalvarienberg angepflanzt worden, weil sie den Rindern Schatten spenden sollten und den Schweinen Futter liefern, berichtet Honold. Denn Eicheln seien eine hochwertige Nahrung für Hausschweine. Hütebuben hüteten einst die Sauen. Heute sind sie zweifach eingezäunt. Insgesamt 15 Muttersauen mit Nachwuchs, dürfen seit drei Jahren „Unter den Eichen“ nach Herzenslust mit ihren Rüsseln den Waldboden umgraben. Auf dem Speiseplan stehen neben Eicheln auch Bucheckern, Wurzeln, Würmer oder Käfer. Zusätzlich wird Getreideschrot und Gemüse gefüttert.

Besitzer der Tiere ist Reinhard Adelgoß (61) aus Altstätten. Er ist Zahntechniker, Nebenerwerbslandwirt „und vor allem Tierliebhaber“, betont er. Adelgoß rechnet etwa drei Stunden Arbeit täglich an sieben Tagen die Woche und muss der Stadt noch Pacht für die drei Hektar bezahlen. „Das kann man finanziell nur als Hobby einstufen“. Die freilaufenden Schweine beweiden drei Hektar. Etwa 18 Monate dürfen die Tiere im Eichenwald verbringen, bevor sie geschlachtet und verkauft werden. Das Fleisch gilt als Delikatesse. „Es ist geschmacklich einmalig, da diese Tiere Fett in den Muskelfasern einlagern.“ Er schlachte acht Sauen im Jahr. Das seien pro Tier etwa 70 Kilogramm Edelteile, 30 Euro für das Kilo vom Edelteil. „Verdienen tut da keiner daran“, erklärt Adelgoß.

Die Tiere der Rassen Duroc und Iberico-Mangaliza sind wildschweinähnliche Hausschweine „und eignen sich gut für die Freilandhaltung – auch im Winter“, erzählt Adelgoß. „Schweinefleisch aus artgerechter Tierhaltung mit Top Qualität. Das wollte ich im Allgäu umsetzen“. 1917 traf Adelgoß auf Stadtförster Honold, der vor allem die Biodiversität des historischen Agroforstsystems im Auge hatte. Honold: „Hier oben sah es aus wie im Dschungel. Wir wollten aber den Eichenboden offen halten und keine Konkurrenzpflanzen für die uralten Bäume hochkommen lassen.“ Die beiden waren sich schnell einig und der Stadtrat stimmte zu.

Heute ist der Hutewald ein beliebtes Naherholungsgebiet, das „Allgäuer Eichelschwein“ eine gesetzlich geschützte Marke. Vor allem Familien kommen in den Hutewald, um ihre Lieblinge zu beobachten. Die Kinder haben den Tieren auch gleich Namen gegeben: Arnold, Schnitzel, Sonja, Rex, Black Mama und Nußhörnchen „Die Kinder sollen Schweinefleisch nicht nur aus der Kühltheke im Supermarkt kennen“, meint Adelgoß.