Fasching

Fasching im Oberallgäu: Von gebrochenen Tabus und Wettkämpfen zwischen Stadtvierteln

Fasnacht Immenstadt

Einige Narren beim Faschingsumzug in Immenstadt im Jahr 1957. „Nirgends ist der Hang zu Lustbarkeiten größer als in Immenstadt“, schreibt die Augsburger Postzeitung bereits 1865. Tatsächlich hat die Fasnacht in der Stadt eine lange Tradition.

Bild: Stadtarchiv Immenstadt

Einige Narren beim Faschingsumzug in Immenstadt im Jahr 1957. „Nirgends ist der Hang zu Lustbarkeiten größer als in Immenstadt“, schreibt die Augsburger Postzeitung bereits 1865. Tatsächlich hat die Fasnacht in der Stadt eine lange Tradition.

Bild: Stadtarchiv Immenstadt

Das alemannisch-närrische Treiben hat im Oberallgäu eine lange Tradition: Aus einer Zeit, als die Narren den Herrensitz der Grafen von Immenstadt „erstürmen“
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Von Siegbert Eckel
04.02.2021 | Stand: 05:30 Uhr

Heuer fällt – wie so vieles – auch der öffentliche Fasching der Corona-Pandemie zum Opfer. Wir wollen die närrische Zeit aber nicht völlig außen vor lassen. Deshalb rufen wir unsere Leser auf, uns Bilder zu schicken, mit denen wir etwas Fasnachtsatmosphäre ins Blatt bringen. Zur Einstimmung ein Bericht von unserem „Fasnachts-Korrespondenten“ aus Immenstadt, Siegbert Eckel, Mitarbeiter des Stadtarchivs.

„Nirgends ist der Hang zu Lustbarkeiten größer als in Immenstadt. Der Immenstädter ist nur zweimal im Jahr rührig, vierzehn Tage in der Fasnacht und acht Tage im Heuet.“ So charakterisierte die Augsburger Postzeitung 1865 das farbige Treiben in Immenstadt vor dem Aschermittwoch. Es scheint also schon damals allerhand los gewesen zu sein im „Städtle“.

Die Augsburger Postzeitung geht in ihrer Rückschau noch weiter in die Vergangenheit: „Diese Lustigkeit ist noch ein Erbe der alten Herren von Immenstadt, der Grafen Königseck, bei denen eine Maskerade als Gipfelpunkt aller Himmelsfreuden galt.“ Tatsächlich findet sich schon im Jahre 1606 die aus den Heischebrauchtümern des früheren Mittelalters stammende „Erstürmung der Herrensitze“ in Immenstadt: „An d Fasnacht, wie Sy das schlos gestürmet, wie von alters Her Inen Zuo Zerrung (Zehrung, Anm. d. Autors) geben einen Gulden.“ So lautet der Eintrag in der herrschaftlichen Jahresrechnung.

Im Fasching gibt es keine Tabus mehr

Zu dieser Zeit vollzieht sich während der Fasnachtstage also ein regelrechter Autoritätsabbau. Die Narren dürfen für einen beschränkten Zeitraum das Ruder übernehmen. Plötzlich ist vieles erlaubt, was bis dahin verboten war. Darunter fällt wohl auch eine vorübergehende Befreiung von sexuellen Tabus. Nur so ist der gut gemeinte Rat in einem Buch verstehbar: „Ihr Mütter, rückt der Narren Zeit heran, hängt euren Töchtern Schlösser an.“

Ein weiterer Fasnachtsbrauch ist der in Immenstadt bis zum Ende des 18. Jahrhunderts nachzuweisende Markttanz. Sein Ursprung reicht in graue Vorzeit zurück. Der Tanz wird ursprünglich nicht nur während der Fasnachtstage, sondern auch zum Jahreswechsel „von altersher zu Trez und Kurtzweil“ abgehalten. Sogar die jungen Grafen sollen daran teilgenommen haben.

Fasching im Oberallgäu: Wettkampf zwischen den Stadtvierteln

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Um 1800 beginnen dann die Städtler große Fasnachtsumzüge abzuhalten – auch zu politischen Themen, mit denen sie überregionalen Bekanntheitsgrad erreichen. Dabei versuchen die einzelnen Stadtviertel, einander zu übertrumpfen. In späterer Zeit ist das närrische Treiben der Obrigkeit offenbar ein Dorn im Auge. So weist das Bezirksamt Sonthofen alle Gemeinden und Gendarmerie-Stationen am 19. Februar 1925 darauf hin, „dass im Fasching Maskenumzüge und Maskentreiben auf öffentlichen Straßen und Plätzen verboten sind. Gegen Personen, die gleichwohl in Maskenkostümen erscheinen, ist schärfstens vorzugehen.“

Fasnacht oder Fasnet vor Fasching

In diesem Verbot taucht der heute so gerne verwendete Begriff „Fasching“ auf, den das Oberallgäu ursprünglich nicht kannte. Die bajuwarische Beeinflussung geht schließlich soweit, dass der heute noch im Badischen und in Oberschwaben verwendete Begriff der alemannischen „Fasnet“ vollständig verschwindet. So erinnern sich nur noch wenige an die lange Zeit bekannten Fasnachtsversle: „Luschtig isch die Fasenacht, wenn mei Mueddr Kiechle bacht. Wenn se aber koine bacht, no pfeif’ i auf die Fasenacht.“ Oder: „I bi a kloiner Fasnachtbutz, i bi a kloiner Bär.“

Die Bezeichnung „Fasching“ gelangt wohl durch jüngeres österreichisches Kanzleideutsch in die bayerischen Amtsstuben und wird schließlich umgangssprachlich üblich. Auch den Begriff „Karneval“ kennt man im Allgäu ursprünglich nicht, er wird aber schon im 19. Jahrhundert verwendet.

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Kein Faschingsumzug, kein Rathaussturm und kein Ball: Aber wir lassen uns von Corona nicht den Spaß verderben. Wir machen das Beste aus der nervenden Pandemie und bringen jetzt den Fasching in die Zeitung. Dabei setzen wir auf Ihre Hilfe, liebe Leser.

In Ihren Fotoalben schlummern sicher kostümierte Schenkelklopfer. Gefragt sind Fotos Ihrer Kostüme oder von Umzügen und Bällen – egal ob 50 Jahre alt oder brandaktuell, ob kreativ, mutig, klassisch oder modern, ob bunt oder schwarz-weiß. Hauptsache, die Fotos sind fröhlich.

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