Oberstdorfer Musiksommer

Feine Zutaten für den Hexenkessel: Jazz in neuer Qualität auf der Kanzelwand

Jazz-Kammermusik, die das Publikum begeistert: Harald Rüschenbaum und seine Band bieten auf der Kanzelwand eine meisterhafte Synthese aus Komposition und Improvisation.

Jazz-Kammermusik, die das Publikum begeistert: Harald Rüschenbaum und seine Band bieten auf der Kanzelwand eine meisterhafte Synthese aus Komposition und Improvisation.

Bild: Markus Noichl

Jazz-Kammermusik, die das Publikum begeistert: Harald Rüschenbaum und seine Band bieten auf der Kanzelwand eine meisterhafte Synthese aus Komposition und Improvisation.

Bild: Markus Noichl

Harald Rüschenbaum und seine Band präsentieren beim Konzert auf der Kanzelwand fesselnde Kreationen. Sie veredeln Jazz durch anspruchsvolle Improvisationen.
13.08.2022 | Stand: 17:00 Uhr

Kontrastprogramm beim Oberstdorfer Musiksommer: War das Gipfel-Konzert auf dem Fellhorn ein Bergpanorama-Augenschmaus, so sah man an der Kanzelwand im dichten Nebel kaum die Hand vor Augen. Aber auch das hatte seine Mystik. Und die Musik war vom Feinsten. Harald Rüschenbaum servierte mit seinem Quintett „Klangland“ fesselnde Kreationen, die mit der Schublade „Jazz“ nur notdürftig beschrieben sind.

An vorderster Front der Musik-Entwicklung

Mit vier jungen, erstklassigen Musikern arbeitet der Schlagzeuger Rüschenbaum an vorderster Front der Musik-Entwicklung. Die Harmonien und Grooves sind vom Jazz. Aber die Architektur dieser Musik, Aufbau und Dramaturgie, sind so anspruchsvoll und differenziert, wie das bisher der Klassik vorbehalten war. Doch die neue Generation der Jazzer improvisiert nicht mehr munter drauflos. Hier vereinen sich Komposition und Improvisation auf Augenhöhe.

Die Kunst der konzentrierten Aussage

Bereits in jungen Jahren beherrschen diese Musiker die Kunst der reduzierten, konzentrierten Aussage. Diesen Persönlichkeiten hört man zu, weil sie etwas zu sagen haben. Jazz-Kammermusik jenseits aller Kategorien, der die Zukunft gehört. Und die das Publikum begeisterte, egal ob Kenner oder Laien. Egal, ob diese Musiker Jazz-Klassiker von John Scofield, Wayne Shorter oder Keith Jarrett (Spiral Dance) aufgriffen oder eigene Stücke: Da wurde mit allen Kunstgriffen gearbeitet, die Musik spannend macht. Mit extremen Lautstärke-Kontrasten. Mit Crescendi aus einem Guss. Mit raffinierten Rhythmus-Wechseln, man möchte von Rhythmus-Evolutionen sprechen. Von Rüschenbaum wurde das sprachpfiffig angekündigt: „Wir werden die Zeit wenden.“

Viele Überraschungen

Der Überraschungen waren viele. Jonas Brinckmann würde man als Buchhalter einordnen, nicht aber als Bläser eines so sonoren, ja geilen Bariton-Saxofons. Sein Gegenüber als Frontliner war Philipp Weiss, der dem Moog-Sythesizer, in Daniel-Düsentrieb-Manier tastend und schraubend, expressive Sounds entlockte, wie sie ansonsten nur ein Blasinstrument hervorbringt. Das Rückgrat dieser Band sind Peter Cudek an Kontra- und E-Bass sowie Mentor Rüschenbaum am Schlagzeug. Eine Art Bindeglied zwischen diesen Abteilungen ist Maruan Sakas am E-Piano. Wie viel diese seit vier Jahren bestehende Band schon geübt hat, ahnt man, wenn man staunend ihre Präzision erlebt. Raffinierte rhythmische Breaks genauso aus einem Guss wie Crescendi oder dynamische Kontraste, die im Jazz bisher so nicht angekommen waren. Meist untermalt Rüschenbaum diesen akustischen Hexenkessel sensibel mit den Besen. Ab und zu sorgt er aber auch mit den Stöcken für Schubkraft.

Alle Pole des Lebens vereint

Ein Konzert, das alle Pole des Lebens meisterhaft vereinte: Komposition und Improvisation, Lust und Schmerz, Expression und Innerlichkeit. Ein Musterbeispiel, was entstehen kann, wenn Generationen zusammenfinden, Kompetenz und Erfahrung sich mit dem Sturm und Drang der Jugend verbinden.

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