Gesellschaft

Hirschegger Pfarrer sagt: "Sündenböcke sind überflüssig"

Christus am Kreuz, flankiert von zwei Engeln: Die Skulpturen in der Hirschegger Kreuzkirche überhöhen das Karfreitagsgeschehen, das Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth.

Christus am Kreuz, flankiert von zwei Engeln: Die Skulpturen in der Hirschegger Kreuzkirche überhöhen das Karfreitagsgeschehen, das Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth.

Bild: Günter Jansen

Christus am Kreuz, flankiert von zwei Engeln: Die Skulpturen in der Hirschegger Kreuzkirche überhöhen das Karfreitagsgeschehen, das Leiden und Sterben des Jesus von Nazareth.

Bild: Günter Jansen

Für Frank Witzel aus Hirschegg hat sich mit dem Kreuzestod Jesu die Suche nach Opfern erübrigt, denen man Schuld aufladen kann. Was das in der Krise bedeutet.
02.04.2021 | Stand: 18:03 Uhr

Hirschegg/Kleinwalsertal „Kreuzige ihn! Kreuzige ihn!“ Die Zuhörer beim Prozess Jesu scheinen ihr Opfer gefunden zu haben. Die aufgeheizte Stimmung, welche die Geschichte vom Leiden und Sterben Jesu in der Bibel schildert, gleicht jener, die aufgestachelte Menschen immer wieder verbreiten – sei es vor 2000 Jahren vor dem römischen Statthalter in Jerusalem oder sei es bei der Erstürmung des Kapitols durch Anhänger eines abgewählten US-Präsidenten zu Beginn dieses Jahres.

„In Stresszeiten wie Corona ist das soziale Bedürfnis, Sündenböcke zu finden, sehr groß“, sagt Frank Witzel. Auch der Karfreitag sei stark mit dem Opfergedanken aufgeladen. Jesus werde auf Bildern oder in Skulpturen vielfach als Opferlamm dargestellt. Doch Gott benötige keine Opfer, sagt der Pfarrer der evangelischen Kreuzkirche in Hirschegg. Die Zeit der Sündenböcke sei aus theologischer Sicht durch den Tod Jesu am Kreuz vorbei. Nur in der Realität sieht es anders aus.

"Jeder Dorftratsch funktioniert so"

Das weiß Frank Witzel, der nicht nur als Seelsorger, sondern auch als Traumatherapeut Menschen betreut. Er kennt den unbewussten Trieb des Menschen genau: „Wir suchen automatisch Sündenböcke, um uns selbst und die Gemeinschaft, in der wir leben, zu entlasten.“ Und der Pfarrer fügt hinzu: „Jeder Dorftratsch funktioniert so, jede Schulklasse.“ Sündenböcke werden gesucht, um Aggressionen um- und abzulenken.

Verschwörungstheoretiker entlasten sich zum Beispiel, in dem sie verbreiten, einflussreiche Menschen hätten diese oder jene Krise in eigennütziger Absicht verursacht. Auch die politische Auseinandersetzung sei oft von der Sündenbock-Suche geprägt. Man versuche, dem gegnerischen Lager ein Fehlverhalten anzuhängen. Ein Eingestehen der eigenen Schwachheit, der eigenen Orientierungslosigkeit finde man selten. Stattdessen werde die eigene Hilflosigkeit sofort umgemünzt in eine Aggression: „Die anderen haben das nicht richtig gemacht.“ Wer diese anderen sind, ergebe sich manchmal durch Zufall. Wichtig sei lediglich, dass ein Sündenbock gefunden werde, auf den draufgehauen werden könne.

"Das instinkt-reduzierte Wesen"

„In Krisenzeiten zeigt sich dieses Verhalten verstärkt“, sagt Frank Witzel. Der Mensch sei ein „instinkt-reduziertes Wesen“. „Deshalb halten sich bei ihm Aggressionen länger, weil er nicht weiß, wann Aggressionen unangemessen sind.“ Um diese zu lenken, habe der Mensch Religionen und den Opferritus erfunden, sagt Frank Witzel. „Die Opferung des Sündenbocks ist im Prinzip der Anfang der Kultur“, spitzt der Pfarrer zu.

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Im Laufe der Kulturgeschichte sei dann das Menschen- durch das Tieropfer ersetzt worden. Diese Entwicklung spiegele auch eine Geschichte im „Alten Testament“ in der Bibel wider: Abraham will seinen Sohn Isaak opfern, aber Gott verzichtet auf dieses Opfer. Stattdessen findet Abraham einen Widder als Opfertier. Auch das Bild des Sündenbocks geht auf das Alte Testament zurück: Aaron vollzieht im Auftrag Gottes ein Ritual: Er sammelt in seinen Händen die Sünden der Menschen und lädt sie auf den Kopf eines Ziegenbockes, der dann mit den Sünden in die Wüste geschickt wird.

"Gott braucht keine Opfer"

Durch Jesus und sein Sterben am Kreuz, das eine liebende Hingabe bis zum Tod offenbare, werde dieses Ritual zur Versöhnung mit Gott überflüssig, sagt Frank Witzel. Der evangelische Theologe deutet die Grundaussage des christlichen Glaubens so: „Gott braucht keine Opfer, weil er den Menschen vorbehaltlos und bedingungslos liebt, ihm vergibt und ihm das ewige Leben schenkt.“ Am Beispiel Gottes könne der Mensch lernen, auf Opfer zu verzichten.

Jesu Tod am Kreuz interpretieren manche Menschen als Sühneopfer, durch das die Erbsünde, die Adam im Paradies an Gott begangen habe, getilgt werde. Auch die Kirche pflege dieses Bild. Der Opferbegriff spiegele sich ebenso in der Eucharistiefeier der katholischen Kirche wider wie auf evangelischer Seite in der Karfreitagsfrömmigkeit. Zugleich spiele der Opfergedanke beim Spenden eine Rolle. Doch Gott brauche Sühneopfer nicht, sagt Witzel. Das Neue Testament sage: Schluss damit. „Jesus ist für uns gestorben.“ Im Glauben an Gott gelte: „Es gibt keinen Anlass, eine existenzielle oder metaphysische Angst zu haben.“ Der Mensch sei frei: zu fühlen, zu denken und wahrzunehmen.

"Das braucht die Welt"

Wenn wir in diesem Sinne frei sind, dann sei auch ein neues Leben möglich, sagt Frank Witzel und konkretisiert: „Wir könnten die Aggressionspotenziale aus der Bewältigung unseres politischen und gesellschaftlichen Alltags herausnehmen und ganz entspannt den Weg der besten Lösung suchen. Wir könnten unsere Energie und Intelligenz, unseren Mut und unsere Kraft – anstatt in die Suche nach Sündenböcken – in die Suche nach Lösungen stecken.“ Und der Pfarrer fügt an: „Das braucht die Welt, finde ich.“

Die Weltpolitik sei von dem Denken geprägt, dass ständig irgendwelche Feinde existieren. Doch wenn man einmal den Gedanken beiseitelasse, wer Freund und wer Feind ist, und das Geld statt in Waffen in Friedensprojekte investiere, ließen sich Probleme leichter und günstiger lösen.