Ehepaar kämpft heute noch mit Folgen

Rauhenzeller kämpft noch heute mit den Folgen - Als Claudius Janner beim Pfingsthochwasser 1999 fast alles verlor

Die Fluten der Iller nahmen Barbara und Claudius Janner 1999 viel. Unter anderem ihr Bungalow in Rauhenzell bei Immenstadt wurde massiv beschädigt.

Die Fluten der Iller nahmen Barbara und Claudius Janner 1999 viel. Unter anderem ihr Bungalow in Rauhenzell bei Immenstadt wurde massiv beschädigt.

Bild: Claudius Janner

Die Fluten der Iller nahmen Barbara und Claudius Janner 1999 viel. Unter anderem ihr Bungalow in Rauhenzell bei Immenstadt wurde massiv beschädigt.

Bild: Claudius Janner

Er ist ein Hochwasser-Opfer: Claudius Janner aus Rauhenzell bei Immenstadt verlor beim Pfingsthochwasser 1999 viel. Noch heute hat er mit den Folgen zu kämpfen.
20.07.2021 | Stand: 17:18 Uhr

Die Bilder vom Hochwasser am Wochenende "spülen die Erinnerungen wieder hoch". Erinnerungen an Wassermassen, die sein Haus zerstören, Hab und Gut vernichten, an Hilflosigkeit und Angst. Und sie machen ihn wütend. Claudius Janner verlor viel beim Pfingsthochwasser von 1999, dass in der Nacht zum 22. Mai auch Rauhenzell bei Immenstadt traf. Das Haus wurde von den Fluten der Iller, die etwa 200 Meter entfernt liegt, stark beschädigt. Sein Arbeitsplatz, der im selben Haus untergebracht war, ebenfalls. Als Grafik-Designer hatte er teure Geräte, "Computer, Drucker, Kopierer, alles abgesoffen." Die Logopädie-Praxis seiner Frau ebenfalls, auch sie war im Wohnhaus untergebracht.

Durch starken Regen und Schneeschmelze entstand damals ein Jahrhunderthochwasser, das in Baden-Württemberg, Bayern, Vorarlberg und Tirol wütete.

"Viele Leute fragen sich, ob Wasser wirklich so viel anrichten kann. Es ist ja nur Wasser." Claudius Janner weiß, dass es unbändige Kraft hat. Er erzählt von vergleichsweise kleinen Beispielen: etwa einem schweren Kopierer, der meterweit durch die Räume gedrückt wurde, einem großen Kühlschrank, ebenfalls viele Meter von seinem eigentlichen Standort verschoben. Alles habe kreuz und quer in dem Haus gelegen.

"Wenn es heute drei Tage am Stück regnet, schlafen wir schlecht"

Derzeit ist der 68-Jährige in der Toskana. Von dort hat er die Geschehnisse in Bayern, Nordrhein-Westfalen und Rheinland Pfalz verfolgt. "Es ist eine Katastrophe. Mehr als 110 Tote und die vielen Vermissten, das ist unvorstellbar. Ich hätte nie gedacht, dass so etwas in Deutschland möglich ist." Es habe noch eine andere Dimension als das Pfingsthochwasser im Allgäu. Dennoch war es damals für ihn und seine Frau Barbara so schlimm, dass sie noch heute damit zu kämpfen haben. Nicht nur psychisch - "Wenn es heute drei Tage am Stück regnet, schlafen wir schlecht." Auch finanziell: 300.000 Euro hat ihn das Hochwasser gekostet. Seine Lebensversicherung habe er dafür auflösen müssen. Mit 68 Jahren arbeitet Claudius in seinem Kommunikationsbüro. "Und zwar noch so lange, wie ich kann.“ Seine Frau Barbara arbeitet über ihr Rentenalter hinaus als Diplom-Logopädin solange sie als Therapeutin gefragt ist. In der Toskana macht Claudius Janner nicht nur Urlaub, sondern arbeitet von dort aus jeden Tag auch einige Stunden. "Unsere Existenz wurde massiv beschädigt."

Aus dem Archiv: Das Pfingsthochwasser 1999 überspülte Rauhenzell bei Immenstadt
Aus dem Archiv: Das Pfingsthochwasser 1999 überspülte Rauhenzell bei Immenstadt
Bild: Ulrich Weigel

Eine Elementarversicherung, die auch vor Hochwasser schützt, hatte er damals nicht. Auch viele seiner Nachbarn hätten damals keine Elementarversicherung gehabt. "Damals war es so, als würde heute jemand sagen, wir brauchen eine Versicherung gegen eine Heuschrecken-Plage. Es war einfach unvorstellbar, dass das Wasser in diesem Tal so hoch steigen wird." Das Haus hatte sein Vater 1963 gebaut und sich dabei an die damals üblichen Hochwasserlinien gehalten, die die Iller bis dahin erreicht hatte. "Er hat es 20 Zentimeter höher gebaut und gesagt, so reicht das."

Er zahlt noch immer an den Krediten

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Heute zahlt Claudius Janner an den Krediten, die er damals bekommen hat, um seine Existenz nicht vollends zu verlieren. Freunde hatten zwar finanziell geholfen. "Sonst hätten wir es nicht geschafft." Von Stadt und Landkreis habe es einige Tausend Euro als Soforthilfe gegeben. Doch vom Land oder vom Bund habe er mehr Hilfe erwartet. "Es sind Kredite, es ist kein geschenktes Geld."

Sein Haus gehörte zu den am heftigsten getroffenen Gebäuden in Rauhenzell, sagt Janner. Es liege tief im Tal. 1,65 Meter hoch habe das Wasser in dem Bungalow gestanden. Noch heute sei in einigen Holztüren die Wasserlinie zu erkennen. Doch nicht nur Möbel und Geräte wurden zerstört. Auch der gespeicherte Inhalt der Computer, also die Ergebnisse von Janners Arbeit, von aktuellen Projekten, ging verloren und konnte im Nachhinein auch von Experten nicht mehr gerettet werden. Claudius Janner musste neue Geräte kaufen. So zahlte er doppelte Leasingraten: einmal für die Geräte, die das Wasser zerstört hatte, und für die neuen Geräte, die er für seine Arbeit anschaffen musste. Von 150 Quadratmetern seien nur 50 fürs Wohnen gewesen, der Rest zählte als Arbeitsfläche. "Und so haben wir beides verloren: Wohnung und Arbeitsplatz."

Das Haus wurde gerettet. "Aber das war mehr als eine Sanierung.“ Das Haus musste vom Schlamm befreit werden, Putz musste runter, Elektroleitungen mussten neu gelegt und Estrich erneuert werden. "Die raumhohe Sechs-Meter-Glasfront war zerdeppert", auch sie musste ersetzt werden. 160.000 Euro hat es damals gekostet, das Haus zu retten. Und 140.000 Euro mussten die Janners in neue Arbeitseinrichtung stecken.

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Beim ersten Aufräumen half eine Offizierseinheit aus der Kaserne Sonthofen. Allerdings inoffiziell, in der Freizeit. Denn in den ersten Tagen habe die Bundeswehr nicht eingesetzt werden dürfen. So halfen die Soldaten viele Abende und Nächte zusammen mit den Janners mit Pickel und Schaufel bei den Abriss- und Aufräumarbeiten im Haus. Auch andere Menschen kamen, allerdings nicht, um zu helfen. "Plötzlich stehen 30 gaffende Leute in deiner abgesoffenen Bude.“ Der Katastrophentourismus lockte etliche auch nach Rauhenzell - bis die Dörfer gesperrt wurden, vor allem für Gaffer.

In dem Haus zu wohnen, war nicht möglich. Wasser und Schlamm hatten es unbewohnbar gemacht. Durch großzügige Unterstützung bekamen die Janner Wohn- und Arbeitsräume kostenfrei zur Verfügung gestellt. Eine Ferienwohnung bei der Familie Haltmayr-Oberbauer in Wagneritz, einen Praxisraum in der Innenstadt von Michael Fuchs und ein Grafik-Büro von der Firma Eberl in der Salzstraße. Erst kurz vor Weihnachten 1999, also knapp sieben Monate nach der Katastrophe, war das Haus in Rauhenzell fertig, konnte das Ehepaar wieder einziehen.

"Zugeschaut, wie unsere Hütte vollläuft"

An die Hochwassernacht selbst erinnert sich Claudius Janner sehr gut. Als sie am 21. Mai 1999 gegen 23 Uhr nach Hause kamen, stand das Wasser bereits einen Meter hoch in ihrem Bungalow. Auf die Schnelle seien sie im Nachbarhaus im ersten Stock untergekommen. "Da schwamm eine Flasche Wein aus dem Keller hoch. Die haben wir getrunken. Und dabei zugeschaut, wie unsere Hütte vollläuft."

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Bald seien sie per Schlauchboot evakuiert worden. Denn selbst in den oberen Stockwerken sei es nicht mehr sicher gewesen. "Die Fließgeschwindigkeit zwischen den Häusern war zu hoch, und es war nicht sicher, ob das die Häuser aushalten." Ein Nachbar habe sich geweigert, sein Haus zu verlassen. Da habe ihm ein Polizist, beide kannten sich gut, gedroht: "Entweder du kommst so mit oder ich muss dich in Handschellen mitnehmen." Im Gasthaus seien alle versorgt worden. "Wir waren voller Schlamm."

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"Unvorstellbar, wie ignorant die Politik ist"

Je länger der 68-Jährige am Telefon auch über das aktuelle Hochwasser spricht, desto mehr steigt seine Wut. "So viele Tote und Vermisste. Ein Inferno. Es ist kaum nachzuvollziehen. Bilder, die man eigentlich aus anderen Ländern kennt. Es ist unvorstellbar, wie ignorant die Politik ist." In 20 Jahren hätten die Menschen nichts dazugelernt. "Wir treiben den Klimawandel unbeirrt fort." Jetzt, im Jahr der Bundestagswahl, "tun alle so, als würden sie etwas verändern wollen, aber das sind sowieso nur hohle Versprechungen", sagt Claudius Janner.

"Ein SUV mit 400 PS hat bisher 2,5 Tonnen gewogen. Als E-Auto wiegt er 3,5 Tonnen, weil er so viele Batterien schleppen muss. Das ist doch kein Konzept für die Zukunft." Und dann die Tempo-Regulierung auf den Autobahnen bis 130 Kilometer pro Stunde: "Warum kann man so was nicht in Deutschland umsetzen? Sind unsere Europäischen Nachbarn alle blöd? Was soll denn das? Es gibt keine Vernunft, sondern eine Autoindustrie-Freundlichkeit der Politik."

Artensterben, steigender Meeresspiegel - "Wir zerstören alles in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Es muss andere Konzepte geben", sagt Claudius Janner. Die Initiative Fridays for Future habe "verdammt recht". Die jungen Leute müssten der Politik auf die Finger klopfen und ihr Recht auf ein Leben in der Zukunft massiv einfordern.

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