Kunst

Immenstadt: Stuckateur-Meister experimentiert mit alten Techniken

„Stucco Veneziano“: Antonio Coppola aus Immenstadt experimentiert mit alten Handwerkstechniken wie etwa dem „Kunstmarmor“.

„Stucco Veneziano“: Antonio Coppola aus Immenstadt experimentiert mit alten Handwerkstechniken wie etwa dem „Kunstmarmor“.

Bild: Markus Noichl

„Stucco Veneziano“: Antonio Coppola aus Immenstadt experimentiert mit alten Handwerkstechniken wie etwa dem „Kunstmarmor“.

Bild: Markus Noichl

Stuckateur-Meister Antonio Coppola experimentiert in Immenstadt mit alten Handwerkstechniken. Warum Stucco Veneziano aus der Renaissance dabei wichtig ist.
05.11.2020 | Stand: 12:15 Uhr

Alte Handwerkstechniken neu entdecken für unsere Zeit – das praktiziert Antonio Coppola aus Immenstadt. Etwa mit dem „Stucco Veneziano“, dem „flüssigen Marmor“. Mit fünf Jahren kam der heute 30-jährige Stuckateur-Meister mit seiner Familie aus Neapel ins Allgäu. Bereits sein Opa und sein Vater arbeiteten im gleichen Metier. Und so hatte schon der zehnjährige Antonio die Kelle in der Hand, verputzte und spachtelte.

Das Prinzip des Stucco ist uralt und wurde schon von den Römern verwendet. Kalk wird mit Marmormehl gemischt, in mehreren Schichten aufgetragen, abgeschliffen und schließlich mit Wachs oder Öl versiegelt. In der Renaissance wurde diese Technik wiederentdeckt und verfeinert. Diese Oberflächen sind nicht nur sehr langlebig, sondern auch robust, unempfindlich gegen Feuchtigkeit und Schimmel. Darum erlebte der Stucco gerade in Venedig seine Blüte. Während er in Italien auch in repräsentativen Villen und Privathäusern angewendet wurde und wird, kennt man ihn in Deutschland in erster Linie aus dem „Kunstmarmor“ der Säulen in Barockkirchen.

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"Ich hatte auch meine wilde Zeit"

Diese glänzend-sakrale, „himmlische“ Anwendung ist aber nur eine Seite des Stucco. Antonio Coppola arbeitet und experimentiert leidenschaftlich, wie sich natürlich wirkende Effekte erzielen lassen, passend für Küchen, Bäder, wo auch immer. Gespielt wird mit der Stärke der Körnung, mit dem Zusatz von Glimmer und vielen anderen Faktoren. Seine Lehre absolvierte Antonio Coppola als Schwabens Bester. Wichtig war ihm aber auch, die Welt und andere Kulturen kennenzulernen. Indien, Thailand, China und Russland sind Stationen. „Ich hatte auch meine wilde Zeit“, lacht Antonio Coppola, der zwischendurch auch als Barkeeper arbeitete.

Trödeln allerdings war nie seine Sache. Mit 27 bestand er die Stuckateur-Meisterprüfung. Doch seine Tage nur „historisch“ mit der Renovierung alter Kirchen und Schlösser zu verbringen, dazu hatte er keine Lust. Und entwickelt darum mit Leidenschaft eigene Ansätze, um seine Handwerkskunst für heutige „normale“ Häuser in der Gegenwart attraktiv zu machen. Es muss ja kein ganzes Zimmer sein oder die komplette Wand. Viele Bauherren brachte Antonio schon mit einer kleinen Fläche zum Staunen, die auf wenigen Quadratmetern Impulse an Kreativität und Lebensfreude aussendet. Denn das gefällt Antonio Coppola: sich nicht zu wiederholen, sondern für jeden Platz und Raum eine individuelle Lösung zu finden.

Verwandte aus Italien freuen sich über Ordnung und Sauberkeit

Sieht er sich eigentlich als Künstler oder Handwerker? Diese Frage sei typisch deutsch, lacht Antonio Coppola. Denn in Italien seien diese beiden Welten nicht getrennt, was ja schon das Wort „artista“ für Handwerker zeigt. Außerdem hätten auch in Deutschland früher die Handwerker mehr Stolz und Einfallsreichtum gehabt, hätten ihren eigenen Stil entwickelt, noch Zeit und Muße gehabt. Das sehe man ja auch im Allgäu an alten Häusern und ihren liebevollen Details. Dass Fassaden und Räume Geschichten erzählen, die Fantasie beflügeln, ist ihm wichtig und sein Ziel. Und was gefällt ihm in Deutschland? „Dass die Deutschen Dinge zu Ende bringen.“ Seine Verwandten aus Italien seien bei Besuchen entzückt über die Ordnung und Sauberkeit, „dass hier nichts auf dem Boden herumliegt“.

Dass Prinzipien aber nicht nur im Äußeren wichtig sind, sondern auch im Innenleben, das weiß Antonio Coppola als praktizierender Buddhist. Letztlich gehe es immer um die Balance zwischen den Polen, etwa Ordnung und Chaos, Individualität und Gemeinschaft. Die Perspektive auch mal zu ändern, zwischen den Extremen zu spielen und zu tanzen, das mache es schön und spannend – in der Kunst wie im Leben.