Kulturgemeinschaft Oberallgäu

Landestheater zeigt in Oberstdorf Schiller-Klassiker mit blutvoller Leidenschaft

Tiefgründige Hommage an Schiller: „Die Jungfrau von Orleans“ in der Inszenierung von Kathrin Mädler mit (von links) Franziska Roth, David Lau, Tobias Loth, Klaus Philipp.

Tiefgründige Hommage an Schiller: „Die Jungfrau von Orleans“ in der Inszenierung von Kathrin Mädler mit (von links) Franziska Roth, David Lau, Tobias Loth, Klaus Philipp.

Bild: Forster/LTS

Tiefgründige Hommage an Schiller: „Die Jungfrau von Orleans“ in der Inszenierung von Kathrin Mädler mit (von links) Franziska Roth, David Lau, Tobias Loth, Klaus Philipp.

Bild: Forster/LTS

Das Landestheater Schwaben holt in Oberstdorf Friedrich Schillers „Jungfrau von Orleans“ ungekünstelt in die Jetztzeit. Was die Inszenierung auszeichnet.
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Von Christoph Pfister
24.11.2021 | Stand: 15:00 Uhr

„Ein Mädchen bringt mir den Sieg“! Karl VII. vermag es kaum zu fassen, dass Frankreich von der Okkupation der Engländer befreit, seine Krönung endlich möglich ist. Das „Mädchen“, heilig gesprochen, in seiner Heimat noch immer verehrt, lebt seit 220 Jahren sein tragisches Mysterium verschleißfrei auf den Theaterbühnen. Auch wenn Friedrich Schiller zunächst Zweifel hatte, ob die „Jungfrau von Orleans“ das Publikum „verzaubern“ kann, reizt der berühmte Klassiker Programmgestalter wie Theatermacherinnen.

Aktuelle Fragen

Intendantin Kathrin Mädler gelingt mit ihrem Landestheater Schwaben eine abstrahierte, packende Reportage, die aktuelle Fragen ebenso wie den Zeitgeist aufreißt, Wirkung und Wichtigkeit von Schillers Sprache ins Zentrum rückt. Mit einer schlanken, verdichtenden Inszenierung das Äquivalent setzt.

Dramatische Schärfe

Kaum ein Bühnenautor kann mit Worten solch dramatische Schärfe, (Ausdrucks-)Kraft schaffen, plastische Bilder zeichnen. Bisweilen komplex geschichtet, mit dichterischer Freiheit ausgestaltet. Da ist von den Akteuren Klarheit, ja Sprechkultur gefordert. Mit der kann das Quintett bis auf punktuelle Ausnahmen begeistern, hält, so gut es eben geht, gegen die akustischen Untiefen im Oberstdorf-Haus an. Die Konzentration des Geschehens in eine Abfolge von wirkmächtigen Tableaus, das komprimierte Spiel von nur fünf Akteuren lenkt die Sinne auf Text und stringenten Handlungsablauf, legt Charaktere bloß, ebenso wie die Sinnlosigkeit von Krieg, die Egoismen machtgieriger Männer.

Universelles Bühnenbild

Stimmig dazu das universelle Bühnenbild: Karge Weide wie Schlachtfeld, gänzlich glanzloser Königshof. Kongenial gewandelt, akzentuiert durch Bühnennebel und (Gegen-)Licht, eindrucksstark verstärkt durch „Programmmusik“ Die ebenfalls von Mareike Delaquis Porschka kreierte, farblos-schlichte, Männlichkeit schon plump aufzeigende Kostümierung macht jeden Rollentausch mit, wenngleich singuläre Insignien die skizzierten Figuren hilfreich verstärkt hätten. Müssen doch die vier Schauspieler Landmann wie Offizier mimen, Krieger wie Könige. David Lau, Tobias Loth, Klaus Philipp und Tim Weckenbrock zeichnen mit Verve die Protagonisten funktionsgerecht, typisierend, eigenständig. Detailfein in Gestik und Charakterzug, mal überzeichnet wie den naiven, kleingeistigen König Karl, dann gezielt gedrosselt, um emotionale Momente maximal expressiv werden zu lassen.

Stark in allen Facetten

Franziska Roth lässt das Bauernkind seine gottgegebene (?) Mission vehement wie mutig erfüllen, ihr Schicksal erdulden. Überzeugend, stark in allen Facetten und Lagen, mit – im doppelten Wortsinn – blutvoller Leidenschaft, ausgereift. Immer präsent in allen ihren höchst differenten Positionen. Im unschuldigen Weiß, das sein Blutbad erhält, in Erhabenheit gegen Schmerz, Versuchung und Widrigkeiten einer Männerwelt, die ihre Bewunderung für Jeanne d’Arc schlagartig verliert, als die Schlacht geschlagen ist. Gottes Auftrag wird bekanntlich ihr Todesurteil.

Geistige Tiefflieger

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Kathrin Mädler holt mit Anne Verena Freybott als Dramaturgin und ihrem engagierten Team Schillers Drama völlig ungekünstelt immer wieder in die Jetztzeit: Zu mutigen Frauen in neuen Gesellschaftsrollen, in neues Selbstverständnis, Sehnsucht nach Helden, ins Lechzen nach Macht, zu geistigen Tieffliegern an den Schalthebeln. Ohne polternde Soldateska, ohne Massenszenen, ohne Schaulauf der Grausamkeiten.

Tiefgründige Hommage an Schiller. Gesamtkunstwerk. Mit Statement, Rätseln, zeitloser Realität. Würdig des preisgekrönten Landestheaters.

Das Landestheater Schwaben in Memmingen.

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