Kommentar zum Lehrermangel

Ein Oberallgäuer kann nicht Lehrer werden, weil das Kultusministerium auf Bürokratie beharrt

Der Lehrermangel trifft besonders Grund- und Mittelschulen. Lösungen gibt es derzeit noch nicht.

Der Lehrermangel trifft besonders Grund- und Mittelschulen. Lösungen gibt es derzeit noch nicht.

Bild: Caroline SeidSeidel-Dißmannel, dpa

Der Lehrermangel trifft besonders Grund- und Mittelschulen. Lösungen gibt es derzeit noch nicht.

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Auch im Oberallgäu fehlt das Personal an Schulen. Trotzdem haben Teamlehrkräfte keine Chance. Unser Autor findet: Bürokratie steht dem Fortschritt im Weg.
07.08.2022 | Stand: 13:34 Uhr

Wo sind all die Fachkräfte hin? Diese Frage treibt derzeit nicht nur Arbeitgeber um. Auch in der Bevölkerung wird heftig diskutiert, warum das Handwerk, die Pflege, die Gastronomie und sogar IT-Unternehmen nicht mehr genügend Personal finden – geschweige denn Fachpersonal. Nicht weniger von diesem Fachkräftemangel sind die Schulen betroffen. 30.000 Lehrerinnen und Lehrer fehlen deutschlandweit laut dem Bildungsbericht der Kultusminister-Konferenz bis Ende des Jahrzehnts. Experten halten diese Prognosen allerdings für sehr optimistisch – es ist gar die Rede von über 80.000 Lehrern.

Besonders die Grund- und Mittelschulen kämpfen schon seit Jahren damit, genügend Personal zu akquirieren. Bayerns Kultusminister Michael Piazolo verweist darauf, dass im Landeshaushalt grundsätzlich genug Geld für neue Stellen zur Verfügung stehe, die Stellen aber nicht besetzt werden könnten. Wenn genügend Geld da ist, wäre es doch einer Überlegung wert, das Gehalt von Grund- und Mittelschullehrern mit dem eines Gymnasiallehrers gleichzusetzen. Das wäre nicht nur eine Anerkennung für die Arbeit der Lehrkräfte, sondern würde den Beruf auch wieder attraktiver machen.

Teamlehrkräfte können ein Teil der Lösung sein

Bietet sich zudem irgendwo die Chance, sofort an qualifizierte Lehrer zu kommen, nimmt man diese doch mit Handkuss, oder? Etwa Teamlehrkräfte, die während der Corona-Pandemie eingesprungen sind und „den Laden mit am Laufen gehalten haben“. Fehlanzeige. Das Kultusministerium (KM) will am liebsten nur Lehramtsstudenten zum Referendariat zulassen. Und das ist ein großer Fehler. Nehmen wir nur mal Vincent Frey als Beispiel. Er war an der Mittelschule Sonthofen als Teamlehrkraft eingesprungen. Anstatt nur die schwangere Lehrerin, die von zuhause aus arbeitet, zu unterstützen, bereitete er selbst den Unterricht vor, schrieb Proben und stellte Zeugnisse aus – die Aufgaben eines Lehrers eben. (Lesen Sie auch: "Das ist erschreckend": Lehrermangel an Allgäuer Mittelschulen spitzt sich zu)

Er leistete einen derart guten Job, dass nicht einmal die Eltern oder Schüler merkten, dass er kein „richtiger“ Lehrer war. Vom Rektor und den Kollegen gab es nur Lob. Auch mehrere Empfehlungsschreiben folgten. Und der Dank? Vincent Frey darf nicht das Referendariat machen, er muss von Null starten und noch einmal studieren. Und das nur, weil er keinen Universitätsabschluss, sondern „nur“ einen Hochschulabschluss hat. Das ist absurd. Wieso wird so jemand, der seinen Traumberuf gefunden und gezeigt hat, dass er unterrichten kann, fallengelassen? Weil das KM weiter auf seine sturen, bürokratischen Strukturen beharrt. Die Entscheider sind zu weit von der Realität in den Klassenzimmern entfernt.

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In Krisenzeiten muss man auch einmal zu unkonventionellen Mitteln greifen

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Natürlich ist es wichtig, dass Lehrkräfte gut ausgebildet sind. Niemand will, dass die Ausbildung der Kinder dadurch leidet, weil der Lehrer unqualifiziert ist. Doch in der jetzigen Lage ist es nicht die Zeit, wählerisch zu sein. In Krisenzeiten muss man auch einmal zu unkonventionellen Mitteln greifen. Das muss auch das KM endlich verstehen. Es muss auf seine Schulräte und Schulleiterinnen vor Ort hören, die am besten wissen, wer geeignet ist und wer nicht. Immer nur Einjahresverträge anzubieten, ist der falsche Weg. Diese Menschen brauchen Planungssicherheit. Im Referendariat können sie sich noch einmal beweisen und dann muss unabhängigvom Alter eine langfristige Beschäftigung in Aussicht stehen. Sonst verschärft sich die Lage noch einmal.

Schulamtsleiter Herbert Rotter geht derzeit zwar davon aus, dass die Klassen in der Region im nächsten Schuljahr gut versorgt werden können. Doch das Schulamt musste in den Nebenfächern – etwa Werken und Gestalten sowie differenzierter Sport – bereits wertvolle Stunden kürzen. Zudem könne die Lage nach den Ferien ganz anders aussehen, scheiden aller Wahrscheinlichkeit nach erneut viele Lehrerinnen wegen Schwangerschaft aus – und keiner kann heute sagen, wie sich die Corona-Lage entwickelt. Dann könnte es mehr als nur Kürzungen geben. Der schlimmstmögliche Fall wäre, wenn ganze Klassen heimgeschickt werden.

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