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"Magische Momente": Wie Selina Jörg das letzte Rennen ihrer Karriere erlebt hat

Tränen der Freude – und des Abschieds. Zum Ende ihrer hochdekorierten Karriere ließ es Selina Jörg (rechts) am Götschen noch einmal krachen. Nach dem letzten Zieleinlauf fielen ihr Cheyenne Loch (links) und Ramona Hofmeister in die Arme.

Tränen der Freude – und des Abschieds. Zum Ende ihrer hochdekorierten Karriere ließ es Selina Jörg (rechts) am Götschen noch einmal krachen. Nach dem letzten Zieleinlauf fielen ihr Cheyenne Loch (links) und Ramona Hofmeister in die Arme.

Bild: dpa

Tränen der Freude – und des Abschieds. Zum Ende ihrer hochdekorierten Karriere ließ es Selina Jörg (rechts) am Götschen noch einmal krachen. Nach dem letzten Zieleinlauf fielen ihr Cheyenne Loch (links) und Ramona Hofmeister in die Arme.

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Selina Jörg erinnert sich an das märchenhafte Karriereende beim Weltcup-Finale am Götschen. Welcher Augenblick die 33-Jährige für immer begleiten wird.
31.03.2021 | Stand: 20:05 Uhr

Es war ihre Bühne. Ein letztes Mal. Minutenlang stand Selina Jörg im Zieleinlauf, das Brett unter ihrem Kinn eingeklemmt, die Augen hinter der königsblau verspiegelten Skibrille versteckt. Was die Fernsehbilder nicht zeigten: Ihren Blick hatte die 33-jährige Snowboarderin auf die Piste am Götschen gerichtet – wo alles begann und alles endete. Und während sich die Weltcup-Siegerin im Parallelslalom, die Schweizerin Julie Zogg, auf die ersten Interviews vorbereitete, tummelten sich doch alle Kameras um Jörg. „Ich habe mir die Strecke angesehen, da haben mich die Emotionen übermannt, alle Dämme sind gebrochen“, sagt Jörg. „Ich habe nicht bemerkt, dass die ganze Welt auf mich schaut. Es war mein Moment.“

Ihr Moment, dem ein märchenhaftes Ende einer hochdekorierten Wintersport-Karriere vorausging. Die zweifache Weltmeisterin und dreifache WM-Medaillengewinnerin, Olympische Silbermedaillengewinnerin, Junioren-Weltmeisterin, dreifache Weltcupsiegerin und siebenfache deutsche Meisterin hätte das letzte Kapitel ihrer Laufbahn „kaum traumhafter erfinden können“. In Berchtesgaden, dort, wohin Selina Jörg einst mit 14 Jahren zog, um den Traum vom Profi-Geschäft innerhalb von nur fünf Jahren zu verwirklichen, endete nun die 19 Jahre lange Reise. Dass diese mit dem zweiten Rang beim letzten Einzel- und mit Platz drei im Teamweltcup auch noch eine sportliche Abrundung erfahren hat, passt ins Bild. „Es fühlt sich unwirklich an, dass es vorbei ist. Dass ich im letzten Rennen auf dem Podest stehen durfte, ist ein perfekter Abschluss“, sagte Jörg im Ziel.

Selina Jörgs Freudentränen im Ziel

Gesamtweltcup-Siegerin und Lokalmatadorin Ramona Hofmeister war die Erste, die Jörg mit einer energischen Umarmung aus deren minutenlangem Tagtraum im Zielraum gerissen hat. Die langjährige Zimmerkollegin Cheyenne Loch, die in Berchtesgaden ebenfalls ihr letztes Karriererennen bestritt, gesellte sich Sekunden später dazu – bei dem Trio mischten sich Freudentränen und Tränen der Trauer. „Es ist überwältigend, wenn sich in einem Moment alles noch einmal vor deinem Auge abspielt. Da kann man nicht anders, als alles loszulassen“, sagt Jörg.

Bei den beiden letzten Rennen ihrer Karriere raste Selina Jörg am Götschen zu Rang zwei im Einzelweltcup und auf Platz drei im Teamwettkampf.
Bei den beiden letzten Rennen ihrer Karriere raste Selina Jörg am Götschen zu Rang zwei im Einzelweltcup und auf Platz drei im Teamwettkampf.
Bild: Sven Hoppe

Wenige Augenblicke zuvor hatte sie ein letztes Mal noch losgelassen. Ein letztes Mal hatte sie sich ins Starthaus begeben, einmal noch von den Griffen abgestoßen, war ein letztes Mal noch den Hang hinuntergejagt, mit dem sie so viele Erinnerungen verbinden – auch eine von sieben deutschen Meisterschaften. „Ich wusste, es ist das letzte Rennen. Ich habe so laut wie nie das Piepsen vor dem Start gehört“, beschreibt Jörg. „In dem Moment hat es aufgehört zu schneien, die Sonne kam. Es war magisch. Bei der Fahrt habe ich das erste Mal in meiner Karriere bewusst Menschen an der Strecke gesehen.“

Weggefährten überraschen die Weltmeisterin an der Strecke

Weggefährten waren an den Götschen gekommen, überraschten Jörg teils als Helfer an der Piste, um der 33-Jährigen einen würdevollen Abschied zu bereiten. Und die Reaktionen waren überwältigend: Blumen, Leinwände mit Rennfotos der Oberallgäuerin, sogar Autogrammkartenwünsche der Konkurrenten mischten sich unter die Abschiedsgeschenke.

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"Zuerst freue ich mich auf meine Familie"

Das scharfe Kontrastprogramm erlebte sie schon tags darauf. Zuhause in Burgberg angekommen, widmete sich die 33-Jährige an ihrem ersten Tag als Sportrentnerin „nach dem verdienten Ausschlafen“ ihrem neuen Alltag: Aufräumen der Küche, die „einem Floristikladen ähnelt“, Abarbeiten von Papierkram, der über die Wintersaison liegen geblieben ist, und Ausfüllen der letzten Autogrammkarten.

Dass sie alsbald in ein Loch fallen werde, glaubt Deutschlands erfolgreichste Snowboarderin aller Zeiten nicht. „Ich brauche den Sport und das wird Teil meines Lebens bleiben. Nur suche ich mir jetzt aus, was ich machen kann“, sagt Jörg. „Aber zuerst freue ich mich auf meine Familie, auf meine Freunde – darauf, die Menschen zu sehen, für die ich bisher nicht die Zeit hatte.“