Allgäuer Trailrunning-Ass ist zurück

Nach dem Absturz des Shootingstars: So schaffte Läufer Johannes Klein das Comeback

Johannes Klein

Johannes Klein wurde 2021 beim prestigeträchtigen Limone Skyrace in Italien über 23 Kilometer und 2055 Höhenmeter Gesamtwertungs-Vierter, war bester deutscher Starter und triumphierte in seiner Altersklasse M30 in der Zeit von 2:30:17 Stunden.

Bild: Skyrace Media

Johannes Klein wurde 2021 beim prestigeträchtigen Limone Skyrace in Italien über 23 Kilometer und 2055 Höhenmeter Gesamtwertungs-Vierter, war bester deutscher Starter und triumphierte in seiner Altersklasse M30 in der Zeit von 2:30:17 Stunden.

Bild: Skyrace Media

2016 hat Johannes Klein (30) die Trailrunning-Szene aufgemischt, ehe ihn Verletzungen ausbremsten. Heute will der Oberstdorfer international angreifen.
06.01.2022 | Stand: 18:33 Uhr

Sein Feuer hat immer gebrannt. „Man geht durch ein Tief, aber die Verletzungen haben mich nicht aus der Bahn geworfen. Das Glas war immer halb voll“, sagt Johannes Klein. 2016 hatte sich der 30-jährige Oberstdorfer nach einem rasanten Aufstieg in der Trailrunning-Szene einen Namen gemacht und mit sportlichen Extremen für Schlagzeilen gesorgt.

Ein privater Oberstdorf-Marathon über 48 Kilometer, dreimal an einem Tag auf die Zugspitze oder in sieben Stunden auf den Mont Blanc: Je extremer, desto besser. Bis heute ist Klein Rekordhalter über die Ultra-Distanz beim Sonthofer Allgäu-Panorama-Marathon (6:09:11 Stunden aus dem Jahr 2017). Zur Einordnung dieser unfassbaren Zeit: Der Zweitplatzierte in dieser ewigen Bestenliste des beliebtesten Marathons Bayerns ist der Rettenberger Christian Stork mit 6:24:47 Stunden aus dem Jahr 2009. Um den eigenen hohen Ansprüchen gerecht zu werden, trainierte Klein auch lange getreu dem Motto „je mehr, desto besser“. Das rächte sich.

Jojo Klein: Ermüdungsbruch nach Überbelastung

Denn die bittere Erkenntnis, dass das ein Fehler war, folgte unverzüglich: „Ein Ermüdungsbruch sagt alles. Da habe ich die Quittung für die Überbelastung bekommen“, sagt der 30-Jährige selbstkritisch. Nach den Erfolgen im Allgäu waren seine Ansprüche gestiegen. Klein wollte sich professionalisieren, sich vermehrt auf internationale Wettbewerbe konzentrieren und sich in der Leistungsdichte der internationalen Rennen beweisen. Die Zwangspause sorgte dafür, dass es wettkampftechnisch in den vergangenen vier Jahren zwar „unplanmäßig ruhig“ war um Johannes Klein. Läuferische Highlights hatte er aber durchaus. Beim Matterhorn-Ultra in Zermatt wurde er 2018 im „Skyrace“ Fünfter, 2019 sicherte er sich beim „Skyrace“ in Limone am Gardasee den zweiten Rang und heuer landete er trotz stärker besetzten Starterfelds beim selben Wettkampf in Limone auf Platz vier.

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Dazwischen lag „ein Durchhänger-Jahr“, in dem es den Oberstdorfer „ziemlich gewickelt“ hat. Mehrere „Stressfaktoren“ führten zu Verletzungen und machten die sportlichen Pläne von Jojo Klein zunichte. Aufgeben kam für ihn jedoch nicht in Frage. Aber umdenken. „Die Verletzungen haben mich gezwungen, aus dem Hamsterrad auszubrechen und andere Wege zu gehen“, sagt er. Klein hat seine Lehren aus dem Verletzungstief gezogen.

Umbruch im Herbst 2020

Mit dem Umdenken kam der Umbruch. Seit Herbst 2020 trainiert Johannes Klein unter dem Füssener Personal-Trainer Michael Arend und freut sich über minutiöse und professionellere Trainingspläne. Sein neuer Coach werde öfter als „Schleifer“ bezeichnet, sagt Klein, ergänzt aber sogleich, dass das für ihn genau das Richtige sei. „Ich bin Michi dankbar, denn ich brauche einen roten Faden. Das gibt mir Kraft, Ruhe und Zufriedenheit und schützt mich vor Übertraining.“ Das neue Training sieht er als Arbeit und betont, wie „brutal“ die Intervalle seien. „Aber genau das treibt mich an“, sagt Klein. Während er das Laufen früher als „Droge“ bezeichnet hat, lernte er mit der Zeit auch Alternativen zu schätzen.

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Einheiten auf Spinning-Bike oder Crosstrainer gehören mittlerweile ebenso zu seinem Alltag, wie die Spaziergänge mit seinem Hund. „All das sind Kleinigkeiten, die mir aber viel geben“, sagt Klein. Obwohl er schon erste Früchte des Trainings bemerkt und, wie er im Sommer festgestellt hat, „leistungstechnisch einen absoluten Sprung nach vorne gemacht“ hat, weiß Klein, dass „Verbesserung eine langfristige Geschichte ist. Ich will es heute nicht mehr übertreiben.“ Schließlich hat er große Ziele.

Neuer Fokus auf den Skyraces

Der Fokus von Johannes Klein liegt nicht mehr auf einzelnen Rennen, doch hat er eine bestimmte Wettbewerbsart in den Fokus genommen: die erwähnten „Skyraces“ – um die 20 bis 30 Kilometer lang, über viele Höhenmeter und technisch anspruchsvoll. Beispielsweise das Extreme-Rennen des Matterhorn-Ultras, für das man sich qualifizieren muss. „Auf 22 Kilometern werden in leblosem Gelände 2800 Höhenmeter gemacht. Technischer geht’s nicht mehr. Man überwindet Gletscherscharten und es ist teils lebensgefährlich, aber darin liegt der Reiz“, sagt der Oberstdorfer.

Er sei fasziniert von dem Mut der Veranstalter, die sich trauen, ein solches Rennen zu realisieren. Ihm selbst kommt am Matterhorn zugute, dass er im abwechslungsreichen Gelände der Allgäuer Berge gelernt hat, über Hindernisse zu gehen. Darin sieht der 30-Jährige seine Stärke. Insgesamt peilt er zwar die großen Rennen an, will sich aber auf die Alpen konzentrieren und nicht zu sehr in die Ferne schweifen.

Doch die größte Herausforderung liegt für Klein nicht nur im anspruchsvollen Gelände. Durch Rennen, die hundertprozentige Konzentration erfordern, hat er gelernt, den Fokus auf den Moment zu schärfen – das kommt ihm auch im alltäglichen Leben zugute.

„Gesundheit, oberstes Ziel“

„Das hilft auch, um im Leben die richtigen Entscheidungen zu treffen. Heute weiß ich: Gesund zu bleiben, ist das oberste Ziel“, sagt Klein. „Wenn ich adäquat durchtrainieren kann, will ich mich aber ins Abenteuer stürzen.“ Rückhalt erhält der Ausdauersportler dabei nicht nur von seinem Vater und seiner Tante, sondern auch von der SVG Oberstdorf, für die er in der Wintersaison unter anderem für die Akkreditierungen der Journalisten tätig ist. Zudem stehen ihm Sportmediziner Florian Porzig und Orthopäde Martin Beuckmann mit Ratschlägen zur Seite. Das nimmt Klein gerne an.