Da scheiden sich die Geister

Nawalny oder Putin: Was Russen im Oberallgäu und in Kempten dazu sagen

Polizisten halten einen Demonstranten bei einem Protest in Moskau fest. Nach der Inhaftierung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny gingen in ganz Russland Zehntausende auf die Straßen.

Polizisten halten einen Demonstranten bei einem Protest in Moskau fest. Nach der Inhaftierung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny gingen in ganz Russland Zehntausende auf die Straßen.

Bild: Denis Kaminev (dpa)

Polizisten halten einen Demonstranten bei einem Protest in Moskau fest. Nach der Inhaftierung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny gingen in ganz Russland Zehntausende auf die Straßen.

Bild: Denis Kaminev (dpa)

Wie stehen Russen, die im Oberallgäu und in Kempten leben, zu den aktuellen Geschehnissen rund um den Kreml-Kritiker Alexej Nawalny?
25.02.2021 | Stand: 05:30 Uhr

Die einen setzen große Hoffnungen in ihn, die anderen halten gar nichts von seiner Person. Alexej Nawalny hat in Russland und indirekt auch in Europa für einige Unruhen gesorgt. Doch was sagen eigentlich diejenigen, die aus Russland kommen und nun hier leben, über die aktuellen Geschehnisse? Unsere Redaktion hat mit Russen, die im Oberallgäu leben, gesprochen und sie um ihre Einschätzungen gebeten. Einige Personen wollten sich gar nicht äußern und zwei der vier Gesprächspartner sagten nur unter der Bedingung der Anonymität zu.

"Nawalny ist ein Symbol für Veränderung"

Eine davon ist eine 34-jährige Frau, die 2012 nach Deutschland kam und nun im südlichen Oberallgäu lebt. Regelmäßig fliegt sie nach Russland, um Freunde und Familie zu besuchen. Sie befürchtet, dass ihr die Einreise verwehrt oder zumindest erschwert werden könnte, wenn die Behörden mitbekämen, dass sie sich kritisch gegenüber der Regierung geäußert hat. Denn sie sagt: „Wir haben keine Meinungsfreiheit“ und „Russland ist keine Demokratie“. Dazu reiche ein Blick auf die Gewalt gegen die Demonstranten. Zu Nawalny sagt sie, dass sie ihn nicht gut kenne. „Aber ich bin stolz, dass wir jemanden wie ihn haben. Er ist ein Symbol für Veränderung.“ Wladimir Putin hingegen kann sie nichts Positives abgewinnen. „Sonst wäre ich in Russland geblieben“, sagt die 34-Jährige. Gerne würde sie für längere Zeit dorthin zurückkehren. Sie könne sich aber nicht überwinden. Zu groß scheint für sie die Ungerechtigkeit im Land zu sein.

Nawalnys Film um Putins Palast "erwiesenermaßen eine Inszenierung"

Eine andere Position vertritt Dr. Tatjana Weber aus Maria-Rain. Die 66-Jährige ist zwar keine Russin, hat aber 15 Jahre dort gearbeitet und hat heute noch Kontakt mit Freunden von damals. Sie blickt „mit großer Sorge“ auf die Proteste. Ihre russischen Freunde bezeichneten die Geschehnisse als „großes Theater“ und meinten damit, „dass es so hochgejubelt wird, als wäre Nawalny der Konkurrent von Putin“. Das Video um Putins Palast sei „erwiesenermaßen eine Inszenierung“. Darin warf Nawalny Putin vor, einen milliardenschweren, durch Bestechungsgelder finanzierten Palast am Schwarzen Meer zu besitzen. Außerdem sei Nawalny ein „Rechtsradikaler“, der politisch noch nichts geleistet habe. Putin hingegen habe den Menschen nach den Jelzin-Jahren wieder Mut gemacht. „Der wirtschaftliche Aufschwung ist Putins Verdienst“, sagt sie. Das wüssten viele Russen zu schätzen. Weber ist überzeugt, dass Russland einen demokratisch gewählten Präsidenten hat. Deshalb verbiete sich „die Einmischung des Westens“. Angesichts der „Verunglimpfung Russlands durch deutsche Politiker und Medien“ empfinde sie „Demut, dass dieses Land uns Hilfe mit dem Corona-Impfstoff Sputnik V in Aussicht stellt.“

"Nawalnys Intellekt überzeugt mich nicht"

Moderater ist die Einstellung einer Oberallgäuer Künstlerin mit russisch-ukrainischen Wurzeln. Sie kam vor 20 Jahren nach Deutschland und möchte ebenfalls anonym bleiben. Was ihr an Nawalny aufstößt, ist vor allem die Rhetorik. Die müsse bei ihm, der Jura studiert hat und Anwalt ist, besser sein. Auch die Darbietung in dem Film um Putins Palast findet sie „inkompetent“. Nawalnys Intellekt überzeuge sie nicht. Sie kenne auch niemanden, der voll und ganz hinter ihm stehe. „Er war rechtsextrem“, sagt die Künstlerin, „und ich glaube nicht, dass ein Mensch einfach so eine Kehrtwende macht.“ Putin hingegen sei „der klügste und gebildetste Präsident, den Russland je hatte“. Für wen würde sie sich entscheiden, wenn sie morgen wählen könnte? „Putin. Er ist alternativlos.“

(Lesen Sie auch: Berufung gescheitert - Alexej Nawalny muss dreieinhalb Jahre in russisches Straflager)

"Nawalny hat gegen Putin keine Chance"

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Keinen der beiden würde Michael Buscholl aus Kempten wählen. Der 45-jährige Unternehmer wurde in Krasnodar geboren und lebt seit 1993 in Deutschland. An Nawalny schätzt er, dass er eine Veränderung bringe. Denn die brauche Russland. „Aber die Menschen haben wenig Vertrauen in ihn“, sagt Buscholl. Man kenne seine Hintergründe nicht gut. „Woher kommt das Geld für seine Kampagne?“, fragt Buscholl. In seinem Video habe Nawalny nichts Neues erzählt. „Er fasst zusammen, was im Netz schon jahrelang bekannt war“, sagt der Unternehmer. Das Land sei zwar in den vergangenen Jahren unter Putin zum Stillstand gekommen, „mit seiner Macht, mit seinem Wissen und mit seinen Möglichkeiten hat er zu wenig erreicht.“ Trotzdem: „Nawalny hat gegen Putin keine Chance.“

(Lesen Sie auch: EU bringt im Fall Nawalny weitere Russland-Sanktionen auf den Weg)