Wald und Wild

Oberallgäuer Berufsjäger schwärmt von Naturschauspielen

Berufsjäger

Zwei von 23 Berufsjägern im Oberallgäu (von links): Peter Riesenegger und Bernhard Pissarski an einer Fütterung. 

Bild: Ulrich Weigel

Zwei von 23 Berufsjägern im Oberallgäu (von links): Peter Riesenegger und Bernhard Pissarski an einer Fütterung. 

Bild: Ulrich Weigel

Bernhard Pissarski sieht sich als Hüter und Beschützer des Wildes, es gehe nicht nur ums Jagen. Er sagt: "Ein Berufsjäger ist für das Wild da."

15.06.2020 | Stand: 09:43 Uhr

Das Schönste an seinem Beruf? Peter Riesenegger überlegt nicht lang: „Man bekommt Naturschauspiele zu Gesicht, die man als normaler Mensch kaum sehen wird.“ Wie etwa den Fuchs, der erst von einem Adler gefangen wird, ihm dann aber doch entkommt. Ähnlich Kollege Bernhard Pissarski: „Ich habe viel Zeit, mich mit der Natur zu beschäftigen.“ Beide sind Berufsjäger, Riesenegger an der Seealpe (Oberstdorf), Pissarski im Hintersteiner Tal (Bad Hindelang).

Berufsjäger – sind das die, die den ganzen Tag mit der Flinte schussbereit durch den Wald pirschen? Nein. Das Gewehr ist ein Arbeitsgerät neben vielen anderen von der Schaufel bis zum Traktor. Die Jagd habe nur etwa 25 Prozent Anteil, sagt Pissarski. Und dass es Stunden dauern kann, bis überhaupt ein Schuss fällt. Wichtiges Utensil ist das Fernglas. Selbst im Auto liegt es griffbereit, weil oft schon bei der Fahrt ins Revier auffällt, wenn was nicht stimmt. Ein Hirsch an einer unüblichen Stelle kann Hinweis auf Störungen vieler Art sein wie Wildcamper oder Wanderer abseits der Wege.

„Ein Berufsjäger ist für das Wild da“, betont Pissarski. Viel Zeit wende er auf, um die Lebensräume der Tiere zu verbessern, sieht sich als ihr Beschützer und Hüter. Es geht darum, Einstandsbereiche, Ruhezonen und Äsungsflächen zu schaffen. Letztere gehören auch gemäht, damit nicht Unkraut Wiesen überwuchert. In höheren Lagen werden für Gämsen Verbissgehölze gepflanzt, also Weichhölzer, an denen die Tiere gern knabbern. Und Jäger bringen dem Wild Salz, um einem Mineralstoff-Mangel vorzubeugen. Dazu kommen im Winter Fütterungen.

Wichtiges Werkzeug ist die Sprache: Berufsjäger vermitteln zwischen Bedürfnissen des Wildes und Ansprüchen anderer Gruppen wie Grundeigentümer, Forst, Naturschutz und Freizeitnutzer. Manche Jäger beginnen die Aufklärungsarbeit schon im Kindergarten. Andere sprechen Skifahrer und Tourengeher im Revier an oder bieten Führungen. Denn vielfach ist es wohl nur Unwissenheit, wenn Erholungssuchende Wild aufscheuchen.

Gerne im Rudel unterwegs 

Das sensible Rotwild beispielsweise ist gern im Rudel unterwegs, das dann bei Störungen komplett flüchtet. So können Wanderer und Pilzsucher abseits der Wege Tiere aufschrecken und unbeabsichtigt einen tödlichen Sturz (Fallwild) auslösen. Riesenegger kennt das Problem auch bei ortsunkundigen Gleitschirmfliegern.

Sogar direkt neben der Autobahn äsen Rehe entspannt, mag da mancher einwerfen. Das sei kein Widerspruch, wissen Jäger. Denn das Wild lernt, mit bestimmten Störungen umzugehen. Wenn Wanderer einen Weg nie verlassen, könnten sich Tiere dort daran gewöhnen und sich eher zeigen. Das könne man aber mit zwei Störungen kaputtmachen, sagt Riesenegger. Berufsjäger sehen es als Erfolg, wenn sich Tiere tagsüber mehr raus trauen. Deshalb schießen sie meist nur in bestimmten Gebieten und Zeiten. Pissarski schießt 80 Prozent der Tiere am Morgen. Von Gewehren mit Nachtsicht-Zieloptik hält er nichts.

Auch Ansitze bauen

Die Jagd gehört dennoch dazu, weil ein Abschussplan zu erfüllen ist. Es geht darum, Schäden an Bäumen zu verhindern, aber auch um die Tiere selbst. Denn ihr Bestand muss von Sozialstruktur, Alter und Gesundheit her passen. Deshalb ist für Jäger die Beobachtung der Tierbestände eine grundlegende Aufgabe. Dazu kommen die Beurteilung des Waldzustands und die Verhütung von Wildschäden – ob mit Verbissschutzmitteln oder bei Bedarf einer Schwerpunktbejagung. Zu den vielfältigen Aufgaben gehören auch die Vermarktung erlegter Tiere und Revierarbeiten wie der Bau von Ansitzeinrichtungen sowie die Pflege von Pirschwegen und Fütterungen.

Berufsjäger sind auch körperlich und handwerklich gefordert. Die Ausbildung erfolgt in Traunstein. Sie dauert drei Jahre, lässt sich aber auf zwei Jahre verkürzen.