Corona-Lockerungen

Oberallgäuer Kulturanbieter verzweifeln an "Bürokratie in Berlin"

Freunde der Musik

„Es ist so kompliziert und so vertrackt“: Karl Gogl, Vorsitzender der „Freunde der Musik“, hier als Dirigent in Fischen, verzweifelt an der "Bürokratie in Berlin".

Bild: Günter Jansen

„Es ist so kompliziert und so vertrackt“: Karl Gogl, Vorsitzender der „Freunde der Musik“, hier als Dirigent in Fischen, verzweifelt an der "Bürokratie in Berlin".

Bild: Günter Jansen

Kulturveranstalter im Oberallgäu kritisieren die Regeln zum Lockdown-Ausstieg: Sie seien zu kompliziert. Was die Beschlüsse für die Macher vor Ort bedeuten.
07.03.2021 | Stand: 05:30 Uhr

„Ich verzweifle an der Bürokratie in Berlin“, sagt Dr. Karl Gogl. Der Vorsitzende der Sonthofer Gesellschaft „Freunde der Musik“, die Meisterkonzerte in Sonthofen und Fischen veranstaltet, meint damit die neuesten Entscheidungen der Regierung zu Lockerungen im Lockdown: Museen können in der Corona-Pandemie wieder ab 8. März öffnen, Theater, Konzerthäuser und Kinos frühestens ab dem 22. März. Voraussetzung ist allerdings ein spezieller Inzidenzwert, der erfasst, wie viele Menschen pro 100 000 Einwohner sich mit dem Sars-Cov2-Virus infiziert haben. Auch andere Kulturanbieter im Oberallgäu kritisieren die jüngsten Beschlüsse der Regierung.

Gogl: Auch "Freunde der Musik" trifft Veranstaltungsverbot

Dr. Karl Gogl ist selbst Arzt. Im Herbst konnte er zwei Konzertprogramme unter strengen Hygienemaßnahmen verwirklichen. Dann traf auch die „Freunde der Musik“ das staatlich verordnete Veranstaltungsverbot. Dabei glaubt Karl Gogl nicht, dass die Konzerte des Vereins für die Besucher ein erhöhtes Infektionsrisiko darstellen – zumal in den „idealen“ räumlichen Bedingungen im Fischinger Kurhaus Fiskina. Das haben für ihn die Veranstaltungen im Herbst bewiesen.

Nachdem das Hygiene-Konzept erprobt worden sei, kritisiert Karl Gogl, komme nun eine neue Komponente durch die Regierungsbeschlüsse ins Spiel: der Inzidenzwert. Liege der über 50, müssten Besucher einen Corona-Test vorlegen, liege er über 100, müsste die Veranstaltung abgesagt werden.

Corona macht Kulturleben unplanbar

„Es ist so kompliziert und so vertrackt“, sagt Karl Gogl. Wer kann vorab wissen, welcher Inzidenzwert am Veranstaltungstag herrscht? Wie sollen so Künstler und Veranstalter ein Konzert planen können? Durch die schnelle Verbreitung der Virusmutanten rechnet der Arzt eher mit steigenden als mit sinkenden Zahlen. Zudem sieht Karl Gogl die Selbsttests kritisch. Wer solle überprüfen, ob der Test korrekt durchgeführt wurde? Der Arzt meint, man hätte in der Corona-Pandemie viel differenzierter vorgehen müssen. Dennoch versuche der Verein, das Konzert mit dem Trio Messina am 17. April in Fischen – wie geplant – zu veranstalten.

Die Kulturgemeinschaft Oberallgäu, die professionelle Theatervorstellungen in Immenstadt und Sonthofen präsentiert, hat für den 26. März die Komödie „Der tollste Tag oder Figaros Hochzeit“ auf den Spielplan im Hofgarten gesetzt. Geschäftsführer Hartmut Happel würde die Aufführung versuchen, wenn der Inzidenzwert unter 50 liege und Besuchs-Bedingungen wie im Herbst herrschen würden: 200 Zuschauer im Saal, sichergestellte Nachverfolgung der Kontakte. Das könne man leisten. Mit dem Theaterensemble habe er vereinbart, relativ kurzfristig absagen zu dürfen, erklärt Hartmut Happel. Kritisch sieht er die Auflage mit den tagesaktuellen Schnelltests: „Ich glaube nicht, dass die Abonnenten das mitmachen.“ Zudem sei unklar, wo er Tests beschaffen könne.

Allgäuer Kulturschaffende wünschen sich klare Richtlinien

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Die Bühne im Immenstädter Hofgarten soll erneuert werden

„Nicht Fisch und nicht Fleisch“ sind für Albert Seitz, den Veranstalter des „Immenstädter Sommers“, die neuen Lockerungen für die Kulturschaffenden und Kulturanbieter. Für seine Reihe, die Konzerte und Kabarett mit bekannten Künstlern in größeren Allgäuer Sälen präsentiert, bringen sie „null“. Er benötige eine hohe Zuschauerzahl, damit eine solche Veranstaltung gesamtwirtschaftlich sinnvoll sein. Denn sie verursache vor allem rund um den Auftritt enorme Kosten, die erst einmal erwirtschaftet werden müssen: die Saalmiete, die Technik für Ton und Licht, das Sicherheitskonzept, die Werbung, … „An den Künstlern liegen die hohen Kosten nicht.“ Lisa Eckart, die im April im Hofgarten auftreten sollte, würde auch vor 200 Zuschauern spielen, sagt Albert Seitz. Doch er rechne nicht damit, dass bis dahin 600 Plätze im Hofgarten besetzt werden dürfen. Deshalb habe er alle Veranstaltungen, die bis Juni in einem Saal geplant waren, bereits auf einen späteren Termin verlegt.

Von Ende Juni bis Mitte August sind dann Open-Airs im Immenstädter Klostergarten geplant. Dazu wolle er das Areal überdachen lassen, sagt Albert Seitz. Frühestens ab September hält er einen einigermaßen geregelten Spielbetrieb im Saal wieder für möglich. Einen kleinen Trost spenden die neuen Lockerungen Albert Seitz aber doch: „Die Tür ist wieder offen, die ein Jahr vernagelt war.“ Die Politik nehme die Kultur zumindest wieder wahr, wenn sie auch deren Stellenwert unterschätze. „Der Schritt hin zur Kultur ist für mich der ganz entscheidende Schritt hin zur Normalität“, sagt Albert Seitz. Es gehe dabei gar nicht um die Künstler, sondern es gehe vor allem darum, wie Menschen ihre Freizeit gestalten können: ob sie ein Kino besuchen, in der Blaskapelle musizieren, auf einer Laienbühne spielen dürfen …

Sonthofer Kultur-Werkstatt: Anfang wird nicht einfach

„Der Anfang wird nicht einfach sein“, prognostiziert Monika Bestle, die Leiterin der Sonthofer Kultur-Werkstatt. Aber, fügt sie an: „Ich bin dabei.“ Vorausgesetzt freilich, dass keine neuen großen technischen Auflagen auf sie zukommen. Diese könne sie sich einfach nicht mehr leisten – nach der monatelangen Schließung des Hauses: „Nach der Länge des Lockdowns ist die Luft dafür einfach raus.“ Eine Veranstaltung müsse jetzt zumindest die Kosten tragen. Noch sei aber alles „viel zu schwammig“, die Bedingungen unklar, unter denen wieder geöffnet werden könne.

Das Programm für März hat Monika Bestle bereits abgesagt und die Veranstaltungen verlegt. Als erste im April ist am 10. ein Kabarett mit Uli Boettcher und Brian Lausund geplant. Daran will Monika Bestle auch festhalten. Vorausgesetzt die Auflagen seien so, dass der Abend „für Künstler und Besucher ein Vergnügen ist“, fügt die Werkstatt-Leiterin an. „Sonst bleibt man lieber daheim.“

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