So wüteten die Nationalsozialisten im Allgäu

Oberstaufen erinnert erschütternd an ein in Auschwitz ermordetes Mädchen

Geliebte Gabi

Viele Fotos und Gegenstände aus Gabis Welt illustrieren in der Ausstellung „Geliebte Gabi“ in Oberstaufen die unbeschwerte Zeit des Kindes in Stiefenhofen.

Bild: Markus Noichl

Viele Fotos und Gegenstände aus Gabis Welt illustrieren in der Ausstellung „Geliebte Gabi“ in Oberstaufen die unbeschwerte Zeit des Kindes in Stiefenhofen.

Bild: Markus Noichl

Die Oberstaufner Ausstellung „Geliebte Gabi. Ein Mädchen aus dem Allgäu – ermordet in Auschwitz“ kontrastiert eine idyllische Kindheit mit dem Nazi-Terror.
23.10.2021 | Stand: 17:00 Uhr

Die dunkelste Seite deutscher Geschichte bekommt ein Gesicht. Das Gesicht eines fröhlichen Mädchens. „Geliebte Gabi. Ein Mädchen aus dem Allgäu – ermordet in Auschwitz“. Diese berührende Ausstellung, vom Kaufbeurer Filmemacher Leo Hiemer zusammengetragen und von Regina Gropper vom Stadtmuseum Memmingen kuratiert, ist nun im Dietrich-Bonhoeffer-Gemeindehaus der evangelischen Kirche in Oberstaufen zu sehen.

Aus einer wohlhabenden jüdischen Familie

Gabis Mutter Lotte entstammt der wohlhabenden jüdischen Familie Schwarz aus Augsburg. In Liechtenstein, wo Lotte als Atemlehrerin tätig war, wurde sie schwanger. Den Namen des Vaters verrät sie nicht. Dass sie sich und Gabi taufen lässt und in Kardinal Faulhaber einen einflussreichen Mentor hat, rettet beide nicht vor dem KZ. In erschütterndem Kontrast dazu beleuchtet die Ausstellung jene idyllischen fünf Jahre, die Gabi in Stiefenhofen auf dem Aichele-Hof ihrer Pflegeeltern verbringt.

Die "Hof-Fotografin"

Wie entstand dieser Kontakt? Eine Schwester der Pflegemutter arbeitete als Köchin bei der Familie Schwarz. Diese Zeit dokumentieren nicht nur Fotos (samt Kamera, mit der diese geschossen wurden), sondern viele weitere Gegenstände aus Gabis Welt: gestrickte Pantöffelchen, Skier, eine Puppenwiege, Gabis Heugabel, ihr Nachttopf, das „Sitzerle“ ... Die passenden Fotos, auf denen Gabi mit diesen Sachen hantiert, sind alle zu sehen. Anna, die älteste Aichele-Tochter, fotografiert leidenschaftlich, nennt sich scherzhaft „Hof-Fotografin“.

"Gell Mama, du betest für mich"

Alle paar Wochen kommt Lotte zu Besuch, bringt Spielsachen und Kleider, von denen andere Kinder in Stiefenhofen nur träumen können. Man sieht Gabi nicht nur mit dem Hofhund Frischle, sondern mit Kühen, Kälbern, Schafen, Ziegen. Sie füttert die Hühner, sogar einen Truthahn gibt es. Gabi spielt mit anderen Kindern. Eine Welt wie aus dem Bilderbuch. Doch dann kommt der Befehl, Gabi abzugeben. Zu sehen ist das Familienbild, das Gabi mitgegeben wurde. „Zum Andenken an Papa, Mama, Anna und Resi“ steht auf der Rückseite. Beim Abschied sagt Gabi: „Gell Mama, du betest für mich und ich bete für euch.“ Pflegevater und der Lehrer fahren noch nach München, wohin Gabi gebracht wurde – alles vergebens. Sie dürfen Gabi nur kurz durchs Schlüsselloch beim Spielen beobachten.

Das Foto für die "Judenkartei"

Das Foto für die "Judenkartei"Am schönsten hergerichtet, mit weißer Schleife in den Haaren, ist Gabi übrigens makabererweise auf dem Foto für die „Judenkartei“. Ab 1939 müssen sich jüdische Bürger nicht nur dafür melden, sondern auch die Zweitnamen Israel (Männer) und Sara (Frauen) tragen, damit man sie sofort identifizieren kann. Wer das nicht tut, dem droht sofortiges Gefängnis. Dieses ist das einzige nicht mit der eigenen Kamera gemachte Foto, sondern extra beim Oberstaufner Fotografen.

Der Brief eines Feriengasts

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Von der heilen Welt auf dem Aichele-Hof zeugt auch ein Brief, den eine Frau aus Göggingen an Leo Hiemer schrieb, die 1942 in den Ferien dort war und mit Gabi in einem Zimmer wohnte. Auch von ihr und Gabi gibt es ein Foto.

Öffnungszeiten und Rahmenprogramm:

Zur Eröffnung am Sonntag, 24. Oktober, sowie an den nächsten Sonntagen findet jeweils um 10 Uhr in der Heilig-Geist-Kirche ein Gottesdienst zum Thema statt.

Öffnungszeiten der Ausstellung im Gemeindehaus: (mit Ausstellungscafé) bis 14. November. Sonntags jeweils von 11 bis 18 Uhr (Oktober) oder 11 bis 16 Uhr (November), mittwochs jeweils von 16 bis 20 Uhr, donnerstags bis samstags jeweils von 13 bis 18 Uhr. Geöffnet auch Montag, 1. November, von 13 bis 18 Uhr.

Leo Hiemer führt durch die Ausstellung am 24. und 30. Oktober sowie am 14. November jeweils um 14.30 Uhr. Weitere Führungen ab 18 Uhr sind jeweils donnerstags und freitags geplant. Ansonsten besteht montags und dienstags die Möglichkeit zu einer Führung nach Anmeldung.

Leo Hiemer spricht am Dienstag, 9. November, um 19.30 über „Johann Seelos – Ortsgruppenleiter und Bürgermeister von Stiefenhofen während des Dritten Reichs.“

Leo Hiemer liest am Samstag, 13. November, um 19.30 aus seinem Buch „Gabi“.

Der Film „Leni... muss fort“ von Leo Hiemer wird am Mittwoch, 3. November, ab 19.30 Uhr gezeigt.

Die Wanderausstellung "Geliebte Gabi".

Der Filmemacher und Autor Leo Hiemer.

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