Abschied

Pfarrer des Kleinwalsertals wechselt nach Augsburg: „Noch einmal etwas wagen“

„Zu schaffen macht mir der allmähliche Sinkflug unserer Kirche“: Franz Witzel versuchte, als Pfarrer in der Kreuzkirche in Hirschegg dem Phänomen mit innovativen Antworten zu begegnen. Am 1. Oktober tritt er eine neue Stelle an.

„Zu schaffen macht mir der allmähliche Sinkflug unserer Kirche“: Franz Witzel versuchte, als Pfarrer in der Kreuzkirche in Hirschegg dem Phänomen mit innovativen Antworten zu begegnen. Am 1. Oktober tritt er eine neue Stelle an.

Bild: Günter Jansen

„Zu schaffen macht mir der allmähliche Sinkflug unserer Kirche“: Franz Witzel versuchte, als Pfarrer in der Kreuzkirche in Hirschegg dem Phänomen mit innovativen Antworten zu begegnen. Am 1. Oktober tritt er eine neue Stelle an.

Bild: Günter Jansen

Der evangelische Pfarrer Frank Witzel verlässt das Kleinwalsertal und übernimmt eine Pfarrstelle in Augsburg. Was er gegen den "Sinkflug" der Kirche unternimmt.
25.07.2021 | Stand: 06:00 Uhr

Der evangelische Pfarrer Frank Witzel (58) wird zum 1. Oktober das Tal verlassen. Er übernimmt in Augsburg eine Pfarrstelle an St. Thomas. Der gebürtige Stuttgarter hatte die Pfarrstelle im Tal am 1. März 2013 angetreten. Zuvor war er am Evangelischen Forum „Annahof“ in Augsburg tätig. Über seinen Abschied sprach er mit Veronika Krull.

Sie hatten eigentlich im Tal bleiben wollen. Warum jetzt doch der Wechsel?

Frank Witzel: Ich wurde von verschiedenen Menschen, die mich kennen, unabhängig voneinander gefragt, ob ich nach St. Thomas kommen wolle. Dies ist eine große lebendige Stadtgemeinde mit diakonischen Schwerpunkten und vielen diversen und multikulturellen Vernetzungen. Ich kannte die Gemeinde auch schon vorher, habe dort bereits Gottesdienste gehalten und weiß, dass sie schon lange unbesetzt ist. Sie ist auch ganz praktisch herausfordernd, weil sie meines Wissens mehr Gemeindeglieder hat als Fischen, Oberstdorf und Kleinwalsertal zusammen. Zudem gibt es noch eine Kindertagesstätte und ein innovatives Konfi-Camp. Sie organisiert sich als Basisgemeinde, in der sehr viele Ehrenamtliche engagiert sind. Es findet dort auch nur das statt, was ehrenamtlich getragen werden kann, weil die hauptamtlichen Kräfte bei Weitem nicht ausreichen würden für alle Angebote und Initiativen. St. Thomas war und ist für mich Modell und Vorbild. Im Laufe allmählicher innerer Prozesse gewann ich die Überzeugung, dass ich im wohl letzten Abschnitt meiner Berufsbiografie noch einmal etwas wagen sollte …

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Was nehmen Sie aus den gut acht Jahren im Kleinwalsertal mit?

Witzel: Die Liebe zum Kleinwalsertal wird mir bestimmt bleiben. Vielleicht gibt es auch Möglichkeiten, mit der Kreuzkirche und dem kirchlichen Auftrag hier verbunden bleiben zu können. Ich erlebe dies seit ein paar Jahren mit meinem Kollegen im Ruhestand, Pfarrer Ekkehard Purrer. Er war hier als junger Pfarrer. Nun kommt er ins Tal als Gästeseelsorger und „alter Hase“, wie er es ausdrückt. Ich finde solche Kontinuitäten sehr schön und verstehe mich sehr gut und freundschaftlich mit meinem älteren Amtsbruder.

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Was bedauern Sie am meisten?

Witzel: Zu schaffen macht mir der allmähliche Sinkflug unserer Kirche. Ich habe ihn schon seit Jahrzehnten von verschiedenen Positionen aus beobachtet und analysiert. Ich versuchte, innovative Antworten auf diese Schwierigkeiten nicht nur zu finden, sondern auch zu geben. Die Vergeblichkeit oder mangelnde Nachhaltigkeit der Impulse macht mir wirklich etwas aus, weil die Kirche und die „Kommunikation des Evangeliums“ ein wesentlicher Teil meines Lebens und meiner Identität sind.

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Sie haben der Kirchengemeinde viele Impulse gegeben. Auf welche sind Sie besonders stolz?

Witzel: Ich bin auf gar nichts stolz. Ich freue mich über das, was gelingt, und nehme es als Geschenk. Gerade im Hinblick auf gelingende Gottesdienste, die große Reichweite der Motorradfahrer-Seelsorge und die Intensität und Lösungsorientierung der Seelsorge im traumatherapeutischen Kontext bin ich selbst ein Beschenkter. Alle Beteiligten sind Teile eines Prozesses des Guten. Gutes wächst durch Gutes. Und ich bin froh, dass ich ein Teil davon sein durfte und hoffentlich noch sein darf – an anderen Orten.

Wie sahen ursprünglich Ihre weiteren Pläne im Tal aus?

Witzel: Nach der Vollendung der barrierefreien und energetischen Ertüchtigung der Kreuzkirche hätte ich versucht, Gottesdienste zu entwickeln, die für alle Generationen taugen. Mich macht es eher traurig, dass das zentrale Format Gottesdienst zielgruppenorientiert ist und fast nur Traditionalisten im vorgerückten Alter erreicht. Ich möchte auch Kinder und junge Erwachsene dabei haben. Das Volk Gottes ist generationenübergreifend und bunt. Darum sollen hier auch spielende Kinder, stillende Mütter, gehandicapte Erwachsene genauso Platz finden wie alle anderen auch. Das braucht auch Abstimmungen zwischen liturgischer Form, musikalischer Ausgestaltung und baulich-architektonischen Möglichkeiten. Ich glaube, die Kreuzkirche entwickelt sich dorthin und versöhnt dabei verschiedene Impulse aus ihrer Anfangszeit, nämlich die von Pfarrer Gabriel und Vikarin Schröder. Er wollte einen liturgisch-festlichen Kultraum und sie einen funktions- und sozialfähigen Begegnungs- und Kommunikationsraum. Beides braucht eine Kirche ineinander, nicht nebeneinander, nicht jeweils zu 50 Prozent als eine Art Kompromiss, sondern diese beiden Pole ganz und gar. Dies könnte nun Wirklichkeit in der Kreuzkirche werden und ein Vorbild geben.

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Wird es denn eine Abschiedsfeier geben?

Witzel: Wie und wann Abschied gefeiert wird, weiß ich, ehrlich gesagt, noch gar nicht. Unter Corona-Bedingungen ist ja alles anders. Aber irgendeine Form wird sich sicherlich finden, wahrscheinlich im Rahmen eines Gottesdienstes. Aber wichtiger als Abschiede ist mir das Bewusstsein, dass wir kirchliche Netzwerke überregional lebendig halten sollten. Dies ist meines Erachtens ohnehin die Zukunft unserer Kirche: weniger Kirche vor Ort, weil wir das gar nicht mehr bezahlen können, hin zu kirchlichen Orten, die gabenorientiert in einem Netzwerk mit anderen ihre Berufung einbringen.

Wie weit bleiben Sie dem Tal verbunden?

Witzel: Meine Partnerin wird ja noch ein paar Monate aus beruflichen Gründen im Tal bleiben. Ich hoffe, wir werden eine differenzierte Wochenendbeziehung im Kleinwalsertal führen können. Sonntags halte ich Gottesdienst, aber von Augsburg ist es auch nicht weit weg. Ich hoffe, wir alle verstehen uns auch in Zukunft als Teil eines Netzwerks des Guten, das im Hinblick auf das Kleinwalsertal wunderschön ist.

Gibt es schon einen Nachfolger?

Witzel: Bis jetzt ist kein Nachfolger benannt worden. Die Stelle soll aber auch wieder im Rahmen des neuen Landesstellenplanes besetzt werden.

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