Heimatgeschichte

„Es war keine Liebesheirat“: Zeitzeugen über die Gebietsreform vor 50 Jahren

Gerd Bischoff schrieb über die Gemeindegebietsreform in Immenstadt ein Buch: „Die Jahrhunderthochzeit zu Immenstadt“.

Gerd Bischoff schrieb über die Gemeindegebietsreform in Immenstadt ein Buch: „Die Jahrhunderthochzeit zu Immenstadt“.

Bild: Günter Jansen

Gerd Bischoff schrieb über die Gemeindegebietsreform in Immenstadt ein Buch: „Die Jahrhunderthochzeit zu Immenstadt“.

Bild: Günter Jansen

Nicht alle im Oberallgäuer waren von der Gebietsreform begeistert. Zeitzeugen Gerd Bischoff und Toni Vogler erinnern sich – auch an so manche Anekdote .
01.07.2022 | Stand: 19:00 Uhr

Oberallgäu Die Zeitzeugen sind sich einig: Die Gemeindegebietsreform vor 50 Jahren war dringend notwendig. Auch wenn viel Engagement und Überzeugungsarbeit notwendig waren und die Verantwortlichen sich mitunter Ärger einhandelten. Zwei von ihnen haben wir befragt: Toni Vogler, von Anbeginn an Kreisrat im Oberallgäu, und Gerd Bischoff, 1972 geschäftsführender Beamter in Immenstadt. Drei Jahre lang sei er unter der Woche kaum einen Abend zuhause gewesen, erinnert sich Bischoff. Und dankt seiner Frau, dass sie das damals ertragen habe (siehe auch Allgäu-Rundschau).

Toni Vogler fällt die erste gemeinsame Kreistagssitzung nach der Vereinigung der Landkreise Sonthofen und Kempten zum Großkreis Oberallgäu ein: „Die Sitzung sollte um 9 Uhr in Altusried beginnen, aber der Kreistag war erst 20 Minuten nach 9 beschlussfähig.“ Will heißen: Mehr als die Hälfte der Räte, von denen die allermeisten aus dem südlichen Oberallgäu stammten, kamen zu spät zur Sitzung – auch Vogler („aber nicht als letzter“): „Wir haben damals den langen Weg bis in den hohen Norden des neuen Landkreises unterschätzt.“ Schließlich gab es noch keine ausgebaute B19. Ob manche Räte aus dem tiefen Süden überhaupt zum ersten Mal in Altusried waren, will Vogler aber nicht bestätigen.

Süd-Räte überstimmen "Nord-Lichter"

Was er aber weiß: „Es war keine Liebesheirat.“ Vor allem die Räte aus dem früheren Kemptener Kreis seien nicht begeistert gewesen. Da 1972 von 60 Kreisräten nur 15 aus dem Norden kamen, befürchteten sie, ihr Gebiet könnte benachteiligt werden. Doch dem war nicht so, versichert Vogler. Zwar überstimmten die Süd-Räte die „Nordlichter“ bei der Wahl des Kreissitzes und machten Sonthofen zum Sitz und nicht Kempten. Doch ansonsten habe man in der ersten gemeinsamen Kreistagsperiode darauf geachtet, den Norden nicht zu benachteiligen. „Später haben wir uns dann als Einheit verstanden“, sagt der Fischinger, der dem Kreistag 48 Jahre lang angehörte. Und nach der zweiten Periode ab 1978 war die Zahl der Räte sowieso fast ausgeglichen.

„Die Gebietsreform hat sich unstrittig bewährt“, sagt der 82-Jährige heute. Die größere Verwaltungseinheit statt zwei kleiner koste weniger und sei leistungsfähiger. Viele Projekte im Straßenbau, beim Hochwasserschutz oder im Tourismus wurden so leichter vorangebracht. Vor allem aber im Krankenhauswesen sei Großes geleistet worden – „im Verbund mit Kempten“, sagt Vogler: Oberstdorf, Hindelang, Sonthofen, Immenstadt, Oberstaufen – fünf Allgemeinkliniken auf so engem Raum, „das hatte keine Zukunft“. So wurden Hindelang und Oberstaufen aufgegeben sowie Oberstdorf und Sonthofen in Schwerpunkt-Kliniken umgewandelt.

Enorme Vorteile für größere Kommunen

Gerd Bischoff (79) sieht ebenfalls die enormen Vorteile für größere Kommunen. Immenstadt war eine der Städte, die am meisten von der Reform profitierten. Sechs Gemeinden sollten zur Stadt kommen: Bühl, Rauhenzell, Stein und die drei Bergstätt-Dörfer Akams, Diepolz und Eckarts. Für Immenstadt „die einmalige Chance“, endlich eine Entwicklungsmöglichkeit zu erhalten. Anfang der 70er Jahre ging die Bevölkerungszahl der Stadt zurück, „weil wir keine Wohngebiete mehr ausweisen konnten“. Das änderte sich mit der Gemeindegebietsreform radikal – das Stadtgebiet stieg mit einem Schlag von 20 auf 80 Quadratkilometer an.

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Doch zuvor mussten Immenstadts Bürgermeister Hubert Rabini und sein Verwaltungs-Chef Bischoff viel Überzeugungsarbeit leisten. Mit allen sechs Gemeinden, „die uns anfangs die kalte Schulter zeigten“, führten die beiden immer wieder Einzelgespräche. Am Ende schloss Immenstadt mit jeder Gemeinde einen eigenen Vertrag. Dabei erwiesen sich die Bürgermeister als geschickte Verhandler und versuchten, möglichst viel für ihre Gemeinde herauszuholen.

Manchen fiel es schwer, die Eingemeindung zu akzeptieren

Dennoch fiel es manchen schwer, die Eingemeindung zu akzeptieren. So erschien der Akamser Bürgermeister Wilhelm Hummel zum Vertrags-Abschluss im schwarzen Anzug – wie zur Beerdigung. Als Bischoff später das neue Gymnasium der Stadt besuchte und die Schüler zu ihrer Herkunft befragte, fiel ihm auf, dass Schüler aus Stein sich nicht meldeten, als er nach den Immenstädtern fragte. Da bemerkte einer von ihnen selbstbewusst: „Mir sind vo Stoi und it vom Städtle.“ Bischoff freute sich über diese Antwort, die zeigte, „dass die Ortsteile ihre Eigenständigkeit bewahrt hatten“.

Die vielen Verhandlungen waren zwar langwierig und hart, machten Bischoff aber auch bekannt in den Gemeinden. Schließlich wählten ihn die Bürger 1978 zu ihrem langjährigen Bürgermeister.

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