Kunst im Oberallgäu

Ungarische Künstlerin findet in Weitnau den Platz fürs freie Leben

Titko Klettergerüst2015

Übermütiges Spiel: „Klettergerüst“ von Ildikó Titkó. Die aus Ungarn stammende Grafikerin hat in Weitnau eine neue Heimat gefunden und bereichert seither die Allgäuer Kunstszene.

Bild: Ildikó Titkó

Übermütiges Spiel: „Klettergerüst“ von Ildikó Titkó. Die aus Ungarn stammende Grafikerin hat in Weitnau eine neue Heimat gefunden und bereichert seither die Allgäuer Kunstszene.

Bild: Ildikó Titkó

Die Grafikerin Ildikó Titkó hat Ungarn vor fünf Jahren verlassen und in Weitnau eine neue Heimat gefunden. Seither bereichert sie die Kunstszene der Region. Wie?
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Von Gunther le Maire
21.03.2021 | Stand: 15:00 Uhr

Seit einigen Jahren macht eine Künstlerin in der Region auf sich aufmerksam, die aus Ungarn stammt, aber in Weitnau eine neue Heimat gefunden hat: Ildikó Titkó.

2016 übersiedelte sie mit Familie als freischaffende Grafikerin nach Deutschland, weil sie und ihr Mann ein Leben in einem liberalen, demokratischen Land mit europäischen Werten suchten. Da das Allgäu ihnen besonders gefiel, wurden sie in Weitnau sesshaft.

Ildikó Titkó ist Grafikerin, mit Zeichnung, Radierung, Linolschnitt, Lithographie und Serigraphie. Sie zeichnet, virtuos und temperamentvoll, mit Tusche und Faserstift, am liebsten mit Holzkohle und Grubenkreide, zeitgerechte Motive. – wie etwa das „Klettergerüst“ beweist, in dem sich viele spielende Kinder vergnügen. Öl steht nicht an erster Stelle, aber sie schuf sehr lebendige Aquarelle, Straßen und Lichter in leuchtenden Farben. Sie lebt auch von der Gebrauchsgrafik. In Ungarn und Deutschland hat sie eine Reihe von Büchern illustriert. Am liebsten ist ihr das Eintauchen in Stille, in die „kreative Einsamkeit“, um Schönes zu entdecken.

Ihre Arbeiten waren auf vielen Ausstellungen zu sehen: in Rom etwa und Budapest, aber auch in Kempten und München, zuletzt bei der „Südlichen“ in Sonthofen. Ildikó Titkó war Mitglied bei der Nationalen Vereinigung ungarischer Künstler, der Vereinigung ungarischer Graveure und Lithografen und ist seit 2019 Mitglied des Berufsverbandes Bildender Künstler Schwaben/Allgäu. Sie erhielt 2003 den Béla-Kondor-Preis und den Kunstpreis der Winterausstellung von Miskolc, 2015 das Ujbuda- Patronats-Stipendium.

Eine Idee aus ihrer Akademiezeit möchte Ildikó Titkó gerne umsetzen: Warum nur Bilder? Sie wünscht sich zum Beispiel wie Tapeten Darstellungen großer Menschengruppen, passend zur Funktion eines Gebäudes, auch in Kombination mit Porträts bestimmter Personen – auf Papier oder Holz industriell gedruckt. Thema: der in der Masse untergehende Individualmensch. Sie nennt diese Idee, zu der die grafische Drucktechnik Pate stand, „Social Wall Art – Kunsttapeten mit Menschenmuster“.

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In Ungarn, unmittelbar an der Grenze zur Slowakei, ist Ildikó Titkó im Ortsteil Rudabányácska der Stadt Sátoraljauíhely 1978 geboren. Ihre Eltern, bäuerlicher, ungarischer und ruthenischer Herkunft, zogen im selben Jahr nach Kazincbarcika, einer nach 1950 schnell gewachsenen Industriestadt nördlich von Miskolc, wo sie Arbeit fanden. Ildikó Titkó wuchs mit ihrem Bruder in einer typischen sozialistischen Plattenbausiedlung auf, aber sie wusste schon mit sieben Jahren, dass sie „einfach für immer und ewig zeichnen wollte.“ Ihre Eltern förderten das, und so wurde der ortsansässige Istvan Mezey, ein führender Grafiker Ungarns, von klein auf Ildikós Lehrer. In seinem jährlichen Sommercamp lernte sie exzellent die grafischen Techniken, das Tuschezeichnen und die Radierung.

Sie besuchte das 50 Kilometer entfernte Kunstgymnasium in Nyiregyháza, der Geburtsstadt von Gyula Benzúr, einem Akademieprofessor in München, der zusammen mit Johann Georg Grimm aus Bühl studiert hatte. Grimm kam 1887 todkrank von Brasilien zu seinem Bruder nach Wengen/Weitnau, wo heute Ildikó Titkó lebt. Sie legte 1996 das Abitur ab und nahm in Miskolc Grafikunterricht bei Alajos Eszik und Frgyes König, dem Rektor der Universität der bildenden Künste in Budapest, der 1998 den Mihály-Munkáscsy-Preis erhielt. (Munkáscsy, der bekannteste Maler Ungarns, enger Freund von Wilhelm Leibl, studierte ebenfalls mit Grimm in München.)

An der Universität der Schönen Künste in Budapest belegte Titkó von 1989 bis 2003 Grafik bei Robert König und bei Gabor Pásztor und schloss mit dem zweiten Staatexamen für Kunsterziehung an Gymnasien ab. Die Akademie, „ein dunkles, altes Gebäude“ war eine gute Lehranstalt, aber ohne „charismatische Künstler“.

Seit 2000 zeichnete Ildikó Titkó nebenbei für die Budapester Zeitung „Hegyvidek“ Straßen und Gebäude und für verschiedene Verlage Illustrationen, bis 2013. An ihrer Diplomarbeit, einem feinen, zweifarbigen Linolschnitt arbeitete sie ein halbes Jahr. Von 2004 bis 2006 lehrte sie an einer privaten Kunstschule in Nagykovásci bei Budapest und wechselte dann bis 2010 zum Gymnasium in Nyiregyháza, an dem sie früher als Schülerin war.