Klassik im Oberallgäu

Was Klassik mit Politik verbindet, zeigt ein Jugendorchester in Immenstadt

Jugendsymphonieorchester

Sie erzählen von „Helden“ und zeigen dabei selbst eine herausragende Leistung: Die Musiker des Schwäbischen Jugendsinfonieorchesters beim Auftritt in Immenstadt.

Bild: Dominik Berchtold

Sie erzählen von „Helden“ und zeigen dabei selbst eine herausragende Leistung: Die Musiker des Schwäbischen Jugendsinfonieorchesters beim Auftritt in Immenstadt.

Bild: Dominik Berchtold

Das Schwäbische Jugendsinfonieorchester beweist bei einem Konzert in Immenstadt seine Klasse. Es erzählt vom Siegen und von Politkern, die scheiteren.
21.09.2021 | Stand: 15:00 Uhr

Der Wahlkampf um das Kanzleramt tritt in die heiße Endphase ein, und auch das Schwäbische Jugendsinfonieorchester nimmt sich beim Konzert in Immenstadt zweier Politiker an. Es erzählt in der Hofgarten-Stadthalle vom Scheitern des einen und enthüllt den bloßen Schein des anderen. Doch die Musikerinnen und Musiker zeigen auch einen Weg zum Siegen auf, den Weg, der durch die Nacht zum Licht führt. Mit einem Werk, das schon die Zeitgenossen rühmten: Ludwig van Beethovens fünfter Sinfonie in c-Moll.

Eine neue Qualität

Das 1808 in Wien uraufgeführte Stück verleiht der klassischen Form eine neue Qualität: Die musikalische Entwicklung aller Sätze strebt zum Finale hin: Es löst die lastenden, bedrückenden Gedanken auf, die sich im ersten und dritten Satz aufgestaut haben. Musikalisch durchbricht im vierten Satz die Sonne die Gewitterwolken und taucht die Welt in ein warmes, alles überstrahlendes Licht. Ein Mensch scheint seine trüben Gedanken, seine psychologischen Krisen überwunden zu haben, und blickt optimistisch in die Zukunft. Vielleicht liefert solche Selbstfindung die Grundlage für „Helden“. So jedenfalls nennen die jungen Musiker ihr Programm, mit dem sie unter der Leitung von Carolin Nordmeyer in Immenstadt lautstarken Beifall ernten.

Aufmüpfige Wortmeldungen

Hoch motiviert und konzentriert erwecken sie Beethovens Meisterwerk zum Leben. Deutlich von der historisch informierten Aufführungspraxis inspiriert, setzt die Dirigentin dabei nicht nur auf zügige Tempi, sondern auch auf akribische Feinarbeit. Immer wieder melden sich einzelne Instrumente aufmüpfig zu Wort und setzen freche Akzente im weitgespannten Spannungsbogen. Der offenbart ein genaues Gespür für dramatische Steigerungen und für Differenzierung. So lässt der erste Satz mit seinem markanten Eröffnungsmotiv zunächst noch Raum für Licht. Und auch der zweite Satz, das Adagio, kontrastiert einen strengen marschartigen Rhythmus immer wieder mit hoffnungsvollen, liedähnlichen Aufschwüngen. Erst in dritten Satz verdüstert sich die Stimmung zusehends, bis dann die Euphorie im Finale kaum noch Grenzen kennt.

Visionen

Euphorie erlebt auch „Rienzi, der letzte der Tribunen“ in Richard Wagners dritter Oper. Doch dem Politiker, der im alten Rom Visionen für sein Volk entwickelt, ist letztendlich kein Erfolg beschieden. Er geht unter. Ihm hilft auch die Bitte um Gottes Beistand nicht. Das Gebet des Rienzi ist eines der markantesten Motive des Werkes. Und das Schwäbische Jugendsinfonieorchester entfaltet es in makelloser Schönheit in der Ouvertüre, die das Programm eröffnet. Dieses viertelstündige Kompendium der Oper offenbart Richard Wagners Suche im „Rienzi“ nach einem eigenen Stil. Nach ersten Versuchen in der deutschen romantischen und der italienischen komischen Oper erprobt Wagner hier die Möglichkeiten der französischen Grand Opéra mit prunkvollen Aufzügen und großer Staatsaktion. Das Schwäbische Jugendorchester arbeitet dabei klanglich sehr schön die Bezüge zu den musikalischen Vorbildern heraus.

Sprechblasen

Große Staatsaktion strebt auch „Der Tribun“ in Mauricio Kagels gleichnamigem Hörstück an, für das der zeitgenössische Komponist „Zehn Märsche, um den Sieg zu verfehlen“ 1978/79 komponiert hat. Für Blasorchester und Schlagwerk. Die dafür notwendigen Mitglieder des Schwäbischen Jugendsinfonieorchesters stürzen sich mit hörbarer Freude auf eine Auswahl dieser skurrilen Stücke, die mit Hymnus, Zapfenstreich, Staatsbegräbnis und anderem jegliches hohle Pathos aufdecken und ad absurdum führen. Wer nur Sprechblasen von sich gibt, geht als Politiker hier gnadenlos unter. Bloßgestellt von fragmentierten musikalischen Floskeln.

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