Insolvenzen im Allgäu

Immer mehr Menschen im Allgäu sind zahlungsunfähig - So lassen sich Schulden vermeiden

Mehr Ausgaben als Einnahmen: Die Zahl der Privatinsolvenzen im Allgäu ist stark angestiegen. Das liegt auch an der Coronakrise – allerdings nicht nur. Aktuell kommen noch hohe Energiekosten hinzu.

Mehr Ausgaben als Einnahmen: Die Zahl der Privatinsolvenzen im Allgäu ist stark angestiegen. Das liegt auch an der Coronakrise – allerdings nicht nur. Aktuell kommen noch hohe Energiekosten hinzu.

Bild: Matthias Becker (Symbolbild)

Mehr Ausgaben als Einnahmen: Die Zahl der Privatinsolvenzen im Allgäu ist stark angestiegen. Das liegt auch an der Coronakrise – allerdings nicht nur. Aktuell kommen noch hohe Energiekosten hinzu.

Bild: Matthias Becker (Symbolbild)

Menschen im Allgäu sind immer häufiger zahlungsunfähig. Doch woran liegt das – und warum sind trotz Pandemie viel weniger Unternehmen betroffen als befürchtet?
10.03.2022 | Stand: 18:45 Uhr

Insolvenz – wenige Begriffe sind in Deutschland so negativ besetzt wie die Zahlungsunfähigkeit. Gleichzeitig steigt die Zahl der Betroffenen im Allgäu sprunghaft an. So wurden am Amtsgericht Kempten, das bei Insolvenzen auch für Kaufbeuren, Lindau und Sonthofen zuständig ist, 193 Anträge für eine Privatinsolvenz im Jahr 2020 gestellt. 2021 explodierte diese Zahl geradezu auf 374. Ein ähnliches Bild bot sich am Memminger Amtsgericht. Während dort 37 Anträge auf Verbraucherinsolvenz im Jahr 2020 gestellt wurden, waren es 139 im vergangenen Jahr.

Eine Ursache des Anstiegs dürfte auch in einer Gesetzesänderung liegen. Seit Ende 2020 könne die Befreiung von der Restschuld bei einer Verbraucherinsolvenz bereits nach drei Jahren und nicht wie zuvor nach sechs Jahren erteilt werden, sagt der Sprecher des Kemptener Amtsgerichts, Robert Kriwanek. Oder anders ausgedrückt: „Verbraucher können bereits nach spätestens drei Jahren der Insolvenz entkommen.“ Die genauen Gründe für die finanziellen Probleme kennt man am Amtsgericht zwar nicht, doch auch die Pandemie spielt offenbar eine Rolle. „Im Gerichtsalltag ist sichtbar, dass die Coronakrise manche Menschen in wirtschaftliche Probleme stürzt“, sagt Robert Kriwanek.

Allgäuer Rentner häufig betroffen

Das bestätigt Daniela Herschmann von der Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas in Kaufbeuren: „Gerade Rentner sind betroffen.“ Da sei manchem der Nebenverdienst zur ohnehin schon schmalen Rente weggebrochen. Als Grund für die aktuelle Entwicklung nennt sie auch, dass wegen der Kurzarbeit bei vielen die Einnahmen geschrumpft seien. Und einige hätten ihre Arbeit ganz verloren. Hinzu kämen nun die hohen Energiekosten: „Wir hatten gerade eine Frau hier zur Beratung, die von Kaufbeuren nach Augsburg mit dem Auto zur Arbeit fahren muss – und jetzt nicht mehr weiß, wie sie die Tankrechnung bezahlen soll.“

Knapp 500 sogenannte Budget-Beratungen machte allein die Caritas Kaufbeuren im vergangenen Jahr – und damit mehr als doppelt so viele wie 2020. Darunter waren auch mehrere jüngere Leute, sagt Herschmann. Viele hätten sich zum Online-Shopping verleiten lassen und auch noch auf Kredit eingekauft: „Oft für Dinge, die sie sich nicht leisten können und eigentlich auch gar nicht bräuchten“, sagt Herschmann.

Mehr Insolvenzen bedeuten mehr Arbeit für Gerichte

Die Schulden könnten schnell bei einigen tausend Euro liegen und in seltenen Fällen sogar bei über einer Million. „Wir versuchen, individuelle Wege aus der Verschuldung zu finden“, sagt Herschmann. Aber manchmal komme es zu einer Privatinsolvenz mit einigen Einschränkungen und Auflagen. Dazu zählt vor allem, dass die Person einer Vollzeitarbeit nachgehen muss oder sich im Falle einer Arbeitslosigkeit um eine solche bemüht.

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Mehr Insolvenzen bedeuten auch mehr Arbeit für die Gerichte, die in dieser Hinsicht generell „sehr stark belastet“ seien, sagt Richter Kriwanek. „Aber wir schaffen das, weil wir gute, engagierte Mitarbeiter haben.“

In Gastronomie und Tourismus "ist es wirklich knapp"

Bei Firmeninsolvenzen stellt sich die Entwicklung anders dar. Hier gab es im Jahr 2020 in Kempten 214 Anträge, ein Jahr später waren es 213. Lediglich in Memmingen stieg deren Zahl im selben Zeitraum von 53 auf 100 an. Das liegt auch daran, dass viele Firmen die Coronakrise besser überstanden haben als zunächst erwartet. Die zu Beginn der Pandemie befürchtete Insolvenzwelle sei ausgeblieben, bestätigt Heide Becker von der Industrie- und Handelskammer (IHK) Schwaben. Staatliche Überbrückungshilfen und Kurzarbeitergeld hätten Wirkung gezeigt und viele Unternehmen seien zu Beginn der Krise finanziell gut aufgestellt gewesen.

Trotzdem gebe es regelmäßig Nachfragen, wann staatliches Geld ausgezahlt wird. „Bei vielen Betrieben in der Gastronomie und im Tourismus ist es wirklich knapp, die warten zum Teil auf die Überbrückungshilfen.“ Sie rechne derzeit aber nicht mehr mit steigenden Insolvenzen wegen der Pandemie.

So lassen sich Schulden vermeiden

Was kann man tun, damit es erst gar nicht zu einer hohen Verschuldung kommt? Die Schuldner- und Insolvenzberatung der Caritas hat Tipps:

  • Überblick verschaffen: Frühzeitig kümmern ist wichtig. Dabei hilft, sich einen Überblick über die Einnahmen und Ausgaben zu verschaffen – mit einem Haushaltsbuch, in dem alles eingetragen wird. Dafür gibt es auch Apps fürs Handy.
  • Maßnahmen: Spontane Käufe meiden und lieber noch einmal darüber schlafen. Auch ein regelmäßiger Blick aufs Konto hilft. Prüfen, welche Ausgaben wirklich nötig sind – zum Beispiel bei Versicherungen. Bei Lebensmitteln nach Angeboten schauen.
  • Wenn Schulden auflaufen: Unangenehme Briefe nicht weglegen, sondern Kontakt aufnehmen und nach Lösungen suchen – zum Beispiel Stundungen vereinbaren. Und eine Schuldnerberatung nutzen, wie sie unter anderem die Caritas kostenlos anbietet. Eventuell läuft es auch auf eine Privatinsolvenz hinaus, die drei Jahre dauert. Danach sind die Betroffenen schuldenfrei, wenn sie die Vorgaben erfüllen.

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