Nachruf

Künstler, Heimatforscher, Hobbyarchäologe: Detlef Willand ist tot

Einer der Holzschnitt-Zyklen, die Detlef Willand schuf, trägt den Titel „Ein Totentanz im Gebirge“. Er ist eine rabenschwarze Abrechnung mit Profitgier und Rücksichtslosigkeit.

Einer der Holzschnitt-Zyklen, die Detlef Willand schuf, trägt den Titel „Ein Totentanz im Gebirge“. Er ist eine rabenschwarze Abrechnung mit Profitgier und Rücksichtslosigkeit.

Bild: Charly Höpfl (Archiv)

Einer der Holzschnitt-Zyklen, die Detlef Willand schuf, trägt den Titel „Ein Totentanz im Gebirge“. Er ist eine rabenschwarze Abrechnung mit Profitgier und Rücksichtslosigkeit.

Bild: Charly Höpfl (Archiv)

Der Kleinwalsertaler Holzschneider Detlef Willand hat sich als Romantiker gesehen. Er hinterlässt auch Spuren als Heimatforscher und Hobbyarchäologe.
14.01.2022 | Stand: 19:12 Uhr

Detlef Willand liebte die Etiketten nicht. Aber: „Wenn man denn schon ein Etikett bräuchte, würde ich mich als einen ausgemachten Romantiker bezeichnen, einen Einhornjäger und Sucher der blauen Blume.“ So beschreibt sich der Kleinwalsertaler selbst in seinem Buch „Holzschneiden“, einem Katalog seiner Holzschnitte von 1970 bis 2005. Der ist freilich nicht vollständig, denn es sollte danach noch Wesentliches kommen. Nun aber hat Detlef Willand, der in zentralen Arbeiten das Leben immer wieder als Wanderschaft, als Pilgerschaft, als Suche darstellte, seinen Weg beendet. Am 3. Januar ist er im Alter von 86 Jahren in Hirschegg im Kreise seiner Familie gestorben.

Noch im vergangenen Jahr hat er ein größeres Projekt abgeschlossen, das Buch „Ds Huus“. In ihm erzählt er die Geschichte seines Elternhauses – der „Haldenhöhe“, in dem er wohnte. Diese Geschichte datiert er bis ins Jahr 1584 zurück. Die Abfolge der Besitzer hat er dabei fast lückenlos rekonstruiert und deren Biografien, wo alte Chroniken und Quellen nicht mehr weiterhalfen, „romanhaft“ ergänzt, aber stets im Sinne des Möglichen. Denn es ging ihm darum, „der Seele des Hauses“ nachzuspüren, zu ergründen, was für Menschen es waren, die dort ihre Spuren hinterlassen haben.

"Joseph weint": Holzschnitt aus dem Josephs-Zyklus von Detlef Willand.
"Joseph weint": Holzschnitt aus dem Josephs-Zyklus von Detlef Willand.
Bild: Markus Noichl (Archiv)

Intuition und genaues Hinsehen haben Detlef Willand auch dazu bewogen, auf der Schneiderkürenalpe im Ifengebiet archäologische Ausgrabungen anzuregen. Seiner Aufmerksamkeit, seinem Gespür und nicht zuletzt seinem unermüdlichen persönlichen Einsatz und seiner Hartnäckigkeit war es zu verdanken, dass steinzeitliches Leben im Kleinwalsertal entdeckt, von Wissenschaftlern der Universität Innsbruck erforscht und dokumentiert wurde. In seinem Buch „Die Antworten der Rabenfrau“ schildert er die mühsame Überzeugungsarbeit, die er als Hobby-Archäologe leisten musste, um von den Forschern ernst genommen zu werden, und die philosophischen Schlüsse, die er aus den Funden zog. Zudem skizziert er in diesem Buch einmal mehr seine Grundüberzeugung: Der Mensch lebt inmitten einer beseelten Natur. Wenn er ihrem Raunen lauscht, ihre Zeichen deutet, kann er Erkenntnisse gewinnen. So mahnen denn auch Detlef Willands kunstvolle Bildwerke zum Nachsinnen, zum Überdenken und zum Hineinhören – in sich und die Natur. Sie schöpfen aus alten Mythen, aus Philosophie und Religion.

Die Werke Willands: Streng in der Form, klar im Aufbau

„So einfach uns Detlef Willand als Mensch entgegentritt, so kompliziert und anspruchsvoll sind seine Gedanken“, würdigte ihn einst ein Laudator zum 60. Geburtstag. Ähnliches lässt sich auch über Willands Kunstwerke sagen: Streng in der Form, klar im Aufbau, deutlich in der Bildsprache öffnen sie Räume für die Fantasie, zum Philosophieren, zum Träumen.

Künstler Detlef Willand ist bekannt geworden mit seinen einzigartigen Holzdrucken.
Künstler Detlef Willand ist bekannt geworden mit seinen einzigartigen Holzdrucken.
Bild: Charly Höpfl (Archiv)

Der „große Pilger“ zum Beispiel lenkt auf seinem Weg nach vorne den Blick zurück: „Nach hinten Schauen erklärt Vergangenes und bringt Klarheit. Vieles liegt auf dem Weg, was man nicht erfasst, wenn man nur in eine Richtung blickt und denkt.“ Solche Gedanken erklären, warum Willand sich neben der Archäologie auch auf vielfältige Weise als Heimatforscher betätigte. Er hat dabei Walser Geschichte, Kultur und Sagen – in kunstvoll gestalteten Büchern – dokumentiert und die Bergschau im Hirschegger Walserhaus mitgestaltet. Für diese Verdienste um die Walser Volkskultur wurde er mit dem Ehrenzeichen der Republik Österreich ausgezeichnet.

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Mehr Auszeichnungen erhielt Willand freilich für seine auch international Aufmerksamkeit erregenden Kunstwerke, so etwa bei der 6. Triennale Mondiale D’Estampes in Frankreich. Er wurde zudem mit dem Oberallgäuer Kunstpreis und dem Johann-Georg-Grimm-Preis des Allgäuer Fördervereins für Bildende Kunst bedacht.

Detlef Willand hat in seinem Werdegang als Künstler etliche Stationen durchlaufen

Detlef Willand wurde 1935 im Heidenheim geboren und wuchs im Kleinwalsertal auf. Er absolvierte eine Ausbildung zum Holzbildhauer in Garmisch-Partenkirchen, arbeitete als Restaurator bei der Wiederherstellung des Cuvilliés-Theaters in München mit und eröffnete 1961 eine erste eigene Werkstatt im Kleinwalsertal. Seit 1968 widmet er sich dem Holzschnitt, in dem er zu einem eigenen, unverwechselbaren Stil gefunden hat. Daneben entstanden Radierungen und Zeichnungen, vor allem im fortschreitenden Alter, als die aufwendige Technik des Holzschnitts für ihn immer mühsamer wurde.

Einer der letzten Zyklen, der auf diesem zentralen Arbeitsgebiet der Holzschnitte entstanden ist, trägt den Titel „Ein Totentanz im Gebirge“. Er ist eine rabenschwarze Abrechnung mit Profitgier und Rücksichtslosigkeit am Beispiel eines Tourismus, in dem die „Plattmacher“ den Ton angeben. Er hält einer Wirtschaft und Gesellschaft den Spiegel vor, die ihre Ideale verloren hat.

Dem Ideal der Schönheit strebte er zeit seines Lebens nach

Ein Ideal, dem Detlef Willand zeit seines Lebens nachstrebte, war jenes der Schönheit. In dem Bewusstsein, dabei seine Grenzen zu kennen. „Was wir in der Natur sehen, ist immer schön“, sagte er einmal und schloss: „Diese Schönheit können wir sowieso nicht erreichen.“ Für solch unerreichbare und zugleich magisch faszinierende Schönheit findet sich in Detlef Willands Werk immer wieder ein Symbol, ein Tier, das es nur in der Fantasie der Menschen gibt: das Einhorn. In dem Menschen, der es in den Bildwerken zu erjagen sucht, sah sich Detlef Willand selbst.