Corona TV Kaufbeuren

Die Leichtigkeit beim Turnen geht verloren

TV Kaufbeuren Turnen

Turnen beim TCK, wenn es die Auflagen zulassen: Jasmin Kaiser bei einer Vorübung am Reck für eine Konterbewegung am Stufenbarren. Katharina Burkhardt (hinten) am Sprungtisch bei einem Handstandüberschlag mit Drehung.

Bild: Heidi Blaschek

Turnen beim TCK, wenn es die Auflagen zulassen: Jasmin Kaiser bei einer Vorübung am Reck für eine Konterbewegung am Stufenbarren. Katharina Burkhardt (hinten) am Sprungtisch bei einem Handstandüberschlag mit Drehung.

Bild: Heidi Blaschek

Der TV Kaufbeuren hatte in den vergangenen zwei Jahren nur einen Regional-Wettkampf. Dennoch gibt es Motivation und neuen Nachwuchs – doch Trainer sind Mangelware.

30.12.2021 | Stand: 11:30 Uhr

Die gute Nachricht für den TV 1858 Kaufbeuren: Von dem Verein kommen heuer eine deutsche Pokalsiegerin, eine deutsche Vizemeisterin sowie ein Allgäuer Meister und zwei Vizemeisterinnen im Turnen. Die schlechten Nachrichten für die Abteilung: Es gab dieses Jahr nur einen Wettkampf auf regionaler Ebene, Übungsleiter hören mangels Praxis auf und das Training muss fortwährend improvisiert werden: „Unser Problem ist, dass kaum zu kompensierende Trainingsdefizit. Andere Sportarten mit sechs bis acht Wochenstunden zählen als Leistungssport. Aber selbst die Turnmädchen aus Kempten in der 3. Bundesliga sind nur Breitensportlerinnen“, erzählt Turn-Trainerin Heidi Blaschek.

Die Motivation ist da - die Möglichkeiten kaum

Die Turnerinnen des TVK trainieren normal bis zu drei Mal pro Woche an ihren Geräten. „Ein alleiniges Krafttraining kann dies in keinem Fall ersetzen“, sagt Blaschek. Durch die Lockdowns oder Auflagen kamen sie jedoch gar nicht oder selten zum Trainieren – auch weil der Aufwand, jedes Mal die Geräte aufzustellen zu zeitaufwendig ist. Dabei sei die Motivation der Turnerinnen so groß, dass sie – wenn sie endlich durften – bis zu fünf Mal wöchentlich trainieren kamen, erzählt Blaschek. Für die Kinder gelte das sowieso: „Die braucht man nicht motivieren, zumindest im Breiten- und Gesundheitssportbereich nicht. Da stehen noch etwa 15 bis 20 Kinder auf unserer Warteliste. Mein Problem ist eher, neue Übungsleiter zu finden“, berichtet Abteilungsleiterin Ute Mayr.

Trainer springen ab

Zwar sei das auch vor Corona schon schwer gewesen, doch aufgrund der Pandemie seien einige Trainer abgesprungen: „Wir machen das alle ehrenamtlich. Auch ich hatte Wochen, in denen ich zusätzlich zu meinem Teilzeitjob, Familie und Haushalt noch Montag bis Freitag in der Turnhalle stand. Das braucht keiner jede Woche. Und so hat der eine oder andere Übungsleiter die Gelegenheit ergriffen und aufgehört. Verständlich, das Ehrenamt wird leider selten entsprechend gewürdigt“, erklärt die Abteilungsleiterin weiter.

Da seien die virtuellen Ausweichmöglichkeiten nur begrenzt hilfreich – auch wenn der TVK mit jedem Lockdown sein Angebot ausweitete. „Mit vier unterschiedlichen Gruppen fand wöchentlich durchgehend zweimal pro Woche für jede Gruppe Zoom-Krafttraining statt“, berichtet Blaschek. Aber für Kinder sei das ein dürftiger Ersatz: „In unseren Stunden wird gesprungen, gehangelt, balanciert, geklettert – so etwas lässt sich online nicht machen“, erklärt Mayr.

Die Tränen der Kinder

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Und die Lockerungen zwischendurch sorgten eher für Dramen als für Entspannung, berichtet Blaschek: „Zwischen Feierabend und Turnstunde schreibst du seit Corona manchmal 50 WhatsApp oder erklärst telefonisch einem weinenden Kind, dass es nachher nicht in die Turnhalle kommen darf, und es bitte selber ein bisschen Krafttraining zu Hause machen soll. Einen Tag später rufst du dort wieder an, dass das Kind nächstes Training doch wieder kommen darf. Auch wenn dann wieder alles gut ist, der miese Nachgeschmack bleibt. Alle diese Tränen müssen wir ehrenamtliche Trainer auffangen.“ Blaschek betont, dass Covid-19 eine sehr ernst zu nehmende Krankheit sei. „Aber was nervt, sind die teilweise sehr kurzfristigen Anweisungen und zu erfüllenden Auflagen.“

Auf regionaler Ebene nur ein Wettkampf in zwei Jahren

Da falle es auch nicht mehr so ins Gewicht, dass die Leistungsturner kaum am Start waren: „Seit Beginn der Pandemie, also seit fast zwei Jahren, gab es für die TVK-Turnerinnen nur einen einzigen Wettkampf auf regionaler Ebene. Dieser war heuer im Oktober 2021“, erzählt Blaschek. Die Kaufbeurerinnen holten einen Allgäuer Meister- und zwei Vizemeistertitel – und waren damit für die Schwäbische qualifiziert, die aber abgesagt wurde. „Bis zu dem Termin wäre er wegen der hohen Inzidenzen sowieso ausgefallen.“

Die 48-jährige Desiree Girgenti trat zudem bei der deutschen Seniorenmeisterschaft an und holte dort die Bronzemedaille sowie mit der bayerischen Mannschaft den deutschen Pokalsieg. „Alle anderen Wettkämpfe wurden ersatzlos gestrichen, nur im Kaderbereich auf Deutschlandebene war noch Bewegung. Aber in diesen Innercircle kommt man als Normaloverein nicht. Die Bezirks- und Landesligen-Aufstellung entspricht noch heute dem Stand von Januar 2020. Und das, obwohl manche dieser Liga-Mannschaften gar nicht mehr existent sind“, berichtet Blaschek, die 2020 eine höhere Kampfrichter-Lizenz für die Bezirksliga erwarb. Damals wollte der TVK um den Aufstieg kämpfen. Doch das wurde ebenso Makulatur wie die Lizenz von Blaschek.

Bescheiden, aber trotzdem noch enthusiastisch

Dennoch sei die Abteilung gut aufgestellt: Es gebe eine relativ hohe Impfquote, nur zwei Abgänge und sechs Kinder wurden sogar neu aufgenommen, erzählt die Trainerin. Trotzdem geben sich die Turnerinnen notgedrungen bescheiden: „Wir sind einfach nur froh und dankbar, dass wir überhaupt zum jetzigen Zeitpunkt noch trainieren dürfen. Egal unter welchen Bedingungen – wir sind bereit, alle Auflagen zu erfüllen, nur um weiter in die Turnhallen zu dürfen“, erklärt Blaschek. Zumal die Trainerinnen mit den meisten Kindern schon seit Jahren zusammenarbeiten: „Wir alle bringen jede Menge Enthusiasmus gepaart mit einer Portion Verrücktheit mit, ohne die der wundervoll ästhetische Sport nicht funktioniert. Keiner ahnt annähernd, welcher Aufwand hinter dieser Leichtigkeit steckt“, sagt Blaschek.

Doch diese Selbstverständlichkeit im TVK gehe leider derzeit verloren, meint Abteilungsleiterin Mayr: „Ideen gäbe es viele, ohne ausreichend Personal nur leider sehr schwer zu verwirklichen.“ Und Blaschek fügt an: „Einen weiteren Lockdown mit Trainingsrückschritt können wir nicht mehr auffangen.“