Kunstgeschichte

Ein Kaufbeurer Schrank voller Geheimnisse

In der Werkstatt des Bayerischen Nationalmuseums wurde der geheimnisvolle Schrank aus Kaufbeuren restauriert und wieder zusammengefügt.

In der Werkstatt des Bayerischen Nationalmuseums wurde der geheimnisvolle Schrank aus Kaufbeuren restauriert und wieder zusammengefügt.

Bild: Matthias Weniger

In der Werkstatt des Bayerischen Nationalmuseums wurde der geheimnisvolle Schrank aus Kaufbeuren restauriert und wieder zusammengefügt.

Bild: Matthias Weniger

Ein im 15. Jahrhundert gefertigtes Möbelstück gibt weiterhin Rätsel auf. Nach intensiven wissenschaftlichen Recherchen gibt es aber zumindest Lösungsansätze.
24.11.2022 | Stand: 11:30 Uhr

Kunstgeschichte kann spannend wie ein Krimi sein – selbst wenn es dabei wohltuend unblutig zugeht. Ein Paradebeispiel dafür ist ein reich bemalter Schrank, der Ende des 15. Jahrhunderts wohl in Kaufbeuren gefertigt wurde und sich im hiesigen Franziskanerinnenkloster befand. In den vergangenen Jahren rückte er wieder in den Blickpunkt der Wissenschaft und offenbarte doch noch nicht alle seine Geheimnisse. Welche Indizien die Experten aber zutage gefördert haben, erläutern sie in zwei Beiträge im neuen Band der Kaufbeurer Schriftenreihe.

Aus Kaufbeuren über Kempten nach München

Nach der zwischenzeitlichen Auflösung des Crescentiaklosters gelangte das Möbelstück in den Besitz der Kemptener Unternehmerfamilie Leichtle, die ihn 1902 dem Bayerischen Nationalmuseum (BNM) schenkte. Dort war der Schrank ausgestellt, wanderte dann aber ins Depot und wurde während des Zweiten Weltkrieges durch einen Wasserschaden stark in Mitleidenschaft gezogen. Der Kaufbeurer Ruhestandspfarrer Karl Rottach wusste von der Existenz des wertvollen Möbelstücks in München, der die – nach heutigem Stand wohl irreführende – Bezeichnung „Kaufbeurer Sakristeischrank“ erhielt. Rottach nahm 2018 Kontakt zu Dr. Matthias Weniger, dem zuständigen Referenten des BNM, und zu Restaurator Stefan Schuster auf. Und siehe da: Die beiden waren damals bereits seit etlichen Monaten mit der Erforschung und Restaurierung des „Sakristeischranks“ befasst.

Vergleichsobjekte bis aus Spanien und Schweden

Eine Kaufbeurer Delegation konnte ihn in der Werkstatt des Museums besichtigen und bot ihre Hilfe bei weiteren Recherchen zum Schrank an, der innen und außen mit qualitätvollen Darstellungen aus dem Leben Jesu, aus dem Marienleben und mit franziskanischen Heiligen bemalt ist. In den beiden Aufsätzen im neuen Schriftenreihen-Band ist nun nachzulesen, wie intensiv Restaurator Schuster Farben, Holz, Gestaltung und Konstruktion analysierte, während Kunsthistoriker Weniger aufwendig zum Zweck des Möbels und zum Urheber der Malereien forschte. Dabei zog er Vergleichsobjekte bis aus Barcelona, Bad Doberan bei Rostock oder von der schwedischen Insel Gotland heran.

Eventuell änderte sich die Nutzung im Verlauf der Jahrhunderte

Doch der Verwendungszweck des Möbels ist nach wie vor unklar. Für einen Sakristeischrank, in dem wertvolle liturgische Geräte aufbewahrt werden, sei er nicht stabil genug gebaut, und es gebe auch keine Spuren von Schlössern oder Riegeln. Die aufwendige Bemalung spreche dagegen, dass der Schrank zum profanen Verstauen etwa von Messgewändern genutzt wurde. Er könnte ein Aufbewahrungsort für geweihte Hostien innerhalb eines abgeschlossenen Bereichs gewesen sein, wie er von anderen Frauenklöstern bekannt ist. Nicht ausgeschlossen ist auch, dass er das Reliquien-Altärchen barg, das sich heute an der südlichen Chorwand der Blasiuskirche befindet. Eventuell änderte sich die Nutzung im Laufe der Jahrhunderte.

Wer hat den Schrank so qualitätvoll bemalt?

Auch welcher Künstler sich hinter dem Notnamen „Meister des Kaufbeurer Sakristeischranks“ verbirgt, ist weiter offen. Die These des Kaufbeurer Historikers Helmut Lausser, dass dieser im Zusammenhang mit der Werkstatt des hiesigen Malers Georg Leminger steht, sei durchaus plausibel, meint Weniger. Er selbst hat dagegen überzeugende Indizien dafür zusammengetragen, dass Mitglieder Kaufbeurer Künstlerfamilie Hopfer an der Bemalung beteiligt waren. Der Krimi ist durch die Ermittlungen von Rottach, Schuster und Weniger also noch nicht zu Ende – aber vielleicht das Dasein des Schranks im Depot. Obwohl das Objekt schwierig in die Dauerausstellung des Nationalmuseums einzufügen sei, ist Weniger dennoch zuversichtlich, dass es dort künftig wieder der Öffentlichkeit präsentiert werden könnte.

Das ist der neue Band der Kaufbeurer Schriftenreihe

Stefan Dieter (Herausgeber): „Der bemalte Kaufbeurer Schrank im Bayerischen Nationalmuseum. Zehn Beiträge zur Geschichte Kaufbeurens vom Mittelalter bis zur Gegenwart“, Bauer-Verlag Thalhofen, 2022. Das Werk hat 312 Seiten, kostet 18 Euro und ist im Buchhandel erhältlich.