Gericht Kaufbeuren

Ende einer Drogenkarriere - Ausraster wird zum Neubeginn

Amtsgericht Kaufbeuren

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Bild: Mathias Wild

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Suchtkranker Mann wird beim Einbruch in Kaufbeuren ertappt. Dann wütet der 36-Jährige gegen zwei Polizisten. Trotzdem kommt er mit einer Bewährungsstrafe davon.
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Von Barbara Bestle
11.08.2021 | Stand: 14:22 Uhr

Es war ein Ausraster, wie ihn zwei Kaufbeurer Polizeibeamte in ihrer bisherigen Laufbahn noch nicht erlebt hatten: Als sie vor fast genau einem Jahr einen Verdächtigen durchsuchen wollten, der zuvor in ein Kellerabteil eingebrochen war und daraus acht Cannabispflanzen gestohlen hatte, verlor der unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen stehende Mann völlig die Beherrschung. Er tobte und spuckte, stieß Beleidigungen aus, biss einen Polizisten in den Schutzhandschuh und konnte nur mit Mühe gebändigt und auf die Wache gebracht werden. Beide Beamte trugen Abschürfungen davon.

Video der Body-Cam beschämt Angeklagten

Als der 36-Jährige jetzt als Angeklagter vor dem Amtsgericht seinen Auftritt auf einem Video sah, das einer der Polizisten mit seiner Body-Cam aufgenommen hatte, wirkte er entsetzt und beschämt - auch weil er damals mit seinem kleinen Sohn unterwegs war, der im Kinderwagen saß. Der Bub wurde von Nachbarn betreut und seiner Mutter übergeben. Dass der Angeklagte jetzt trotz eines langen Vorstrafenregisters noch mit einer 16-monatigen Bewährungsstrafe davon kam, lag daran, dass er seinem Leben mittlerweile eine entscheidende Wende zum Besseren gegeben hat.

Insbesondere befindet er sich seit April aus eigenem Antrieb in einer Langzeit-Therapie, deren Fortsetzung ihm jetzt ebenso zur Bewährungsauflage gemacht wurde wie Abstinenz-Nachweise durch regelmäßige Drogentests. Angesichts eines „Berges von Schulden“ hielt die Richterin die Verhängung einer Geldauflage für „schwierig“. Stattdessen muss der Angeklagte nach Abschluss seiner Therapie 80 Sozialstunden ableisten.

Eine Reihe von Delikten begangen

Im Einzelnen erging der Schuldspruch aufgrund folgender Delikte: Diebstahl in einem besonders schweren Fall und Beschaffung von Betäubungsmitteln, Tätlicher Angriff auf Polizeibeamte, Körperverletzung und Beleidigung. Wegen des damaligen Zustands des Angeklagten ging eine Sachverständige von einer erheblich eingeschränkten Steuerungsfähigkeit aus. Die Richterin stellte dies zu seinen Gunsten in Rechnung, machte aber auch kein Hehl daraus, dass sie sein damaliges Verhalten für „krass“ hielt. Das Urteil ist rechtskräftig.

Zwei Promille, Heroin und Cannabis im Blut

In der Verhandlung war deutlich geworden, dass die vielen Vorstrafen und die aktuelle Tat des Angeklagten im Zusammenhang mit dessen langer Drogenkarriere standen. Er selbst schilderte vor Gericht, dass er seit 20 Jahren heroinabhängig ist und zuletzt mit Methadon substituiert wurde. Am fraglichen Tag hatte er zusätzlich Cannabis und große Mengen an Alkohol konsumiert. Die Blutprobe ergab einen Wert von über zwei Promille. In diesem Zustand beschloss er dann offenbar, sich an einem Bekannten zu rächen, von dem er sich gekränkt fühlte.

Blanker Hass gegen Polizisten

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Weil er wusste, dass der Mann in einem Kellerabteil Cannabispflanzen aufzog, brach er die Türe auf und nahm acht Pflanzen und diverse Aufzucht-Utensilien mit. Beim Abtransport wurde er von Anwohnern beobachtet, die die Polizei verständigten. Die beiden Beamten, die damals im Einsatz waren, erinnerten sich nun als Zeugen noch lebhaft an den Vorfall, bei dem ihnen seitens des Angeklagten „blanker Hass“ entgegengeschlagen sei. Zudem habe der Mann versucht, Nachbarn aufzuwiegeln und sich als Opfer darzustellen. Der 36-Jährige, der sich bereits schriftlich entschuldigt hat, wirkte während der Aussagen sichtlich betroffen und bat die Polizisten erneut um Verzeihung.

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