Fossil aus Pforzen

Forscher entdecken im Ostallgäu eine bislang unbekannte Otterart

Der Vishnu-Otter aus der Hammerschmiede ähnelt dem heutigen Fischotter (Foto).

Der Vishnu-Otter aus der Hammerschmiede ähnelt dem heutigen Fischotter (Foto).

Bild: Walter Bieri, dpa

Der Vishnu-Otter aus der Hammerschmiede ähnelt dem heutigen Fischotter (Foto).

Bild: Walter Bieri, dpa

Von Indien aus machte sich der Vishnu-Otter auf den Weg nach Europa. Die neue Art aus dem Allgäu haben die Wissenschaftler nach einem Gott benannt.
25.09.2021 | Stand: 05:00 Uhr

Menschenaffe Udo ist sicherlich der bekannteste Fund aus der Hammerschmiede, einer Tongrube am Ortsrand von Pforzen. Doch bei weitem nicht der Einzige – im Gegenteil.

Über 20 000 Fossilien wurden dort bereits geborgen, darunter allein Relikte von 134 verschiedenen Wirbeltierarten. Jeden Monat stellt die Paläontologin Madelaine Böhme, Udos Entdeckerin, in der AZ-Serie „Fossil des Monats“ einen der spannendsten Funde vor:

„Jede sechste Raubtierart lebt heute im Wasser. Entweder im Meer, wie die Robben, oder im Süßwasser, wie die Otter. Die Stammesgeschichte der 13 derzeit lebenden Otterarten ist vergleichsweise unerforscht und jeder neue fossile Fund bringt Licht ins Dunkel ihrer Evolution. So ist es auch bei einer wissenschaftlich neu beschriebenen Art aus der Hammerschmiede.

Sie zählt zur Gattung der Vishnu-Otter (Vishnuonyx) und erhielt von uns den Namen Neptuns, des römischen Gottes der Flüsse: Vishnuonyx neptuni oder Neptuns Vishnu-Otter.

Erstmals am Fuße des Himalayas gefunden

Diese Otter sind Raubtiere von mittlerer Größe und einem Gewicht von zehn bis 15 Kilogramm. Erstmals gefunden wurden sie in Sedimenten am Fuße des Himalayas. Sie lebten vor 14 bis 12,5 Millionen Jahren in den großen Flüssen Südasiens.

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Jüngere Funde zeigen, dass Vishnu-Otter vor etwa zwölf Millionen Jahren Ostafrika erreichten. Durch die 11,4 Millionen Jahre alten Funde aus dem Allgäu ist nun nachgewiesen, dass sie auch Europa besiedelten – möglicherweise breiteten sie sich von Indien in die gesamte Alte Welt aus.

Wie alle Otterartigen ist auch der Vishnu-Otter auf Wasser angewiesen, über Land kann er keine weiten Strecken zurücklegen.

Dass er sich über 6000 Kilometer und drei Kontinente hinweg ausbreitete, ermöglichten die Meeresverbindungen in der damaligen Zeit. Die kompakte Landmasse Eurasiens existierte noch nicht.

Stattdessen erstreckte sich vom Aralsee bis nach Wien ein Binnenmeer. Im Gebiet des Südkaukasus hatte es eine schmale, nur kurzzeitig offene Verbindung zum Persischen Golf und Indischen Ozean.

Über die Ur-Mindel zur Hammerschmiede bei Pforzen

Wir vermuten, dass Neptuns Vishnu-Otter vor zwölf Millionen Jahren von Indien aus dieser Verbindung folgte. Über das Donaudelta, welches sich damals nahe Wien befand, erreichte er die Ur-Donau und die Ur-Mindel an der Hammerschmiede bei Pforzen.

Die von uns geborgenen Kiefer und Zähne lassen feinste anatomische Details erkennen. Die spitzen Höcker, die Scherblätter und die kleinen Mahlbereiche, legen eine fischbasierte Ernährung nahe.

Ökologisch ähnelt Neptuns Vishnu-Otter daher mehr dem heimischen Fischotter als den Krusten- und Schalentiere bevorzugenden heutigen Seeottern des Pazifiks oder den Fingerottern Afrikas und Asiens.

An Fischen mangelte es der Ur-Mindel nicht, den Wels und den Donau-Lachs haben wir ja bereits in dieser Reihe kennengelernt.

Nicht das einzige Fluss-Raubtier der Grabung

Der Fischreichtum der Hammerschmiede war offensichtlich so groß, dass er noch vielen anderen wasserlebenden Säugetieren Nahrung bot. Denn Neptuns Vishnu-Otter ist nicht das einzige Fluss-Raubtier unserer Grabung, doch darüber wird erst künftige Forschung berichten können.“