Erinnerungskultur im Ostallgäu

Gedenken zur Reichspogromnacht: Redner sehen "erschreckende Parallelen" in der Gegenwart

Reichspogromnach Steinholz Gedenkveranstaltung

DGB-Ortsvorsitzender und Mitveranstalter Paul Meichelböck sprach auf der Gedenkveranstaltung in Steinholz.

Bild: Mathias Wild

DGB-Ortsvorsitzender und Mitveranstalter Paul Meichelböck sprach auf der Gedenkveranstaltung in Steinholz.

Bild: Mathias Wild

In Steinholz gedenken Menschen der Opfer des Nationalsozialismus. Redner prangern Hassreden und Hetze im Internet an.
10.11.2021 | Stand: 18:15 Uhr

Erinnern an das Vergangene – Vergleichen mit der Gegenwart – Bangen um die Zukunft, so lassen sich die Inhalte der diesjährigen Gedenkveranstaltung zur Reichspogromnacht 1938 auf einen Nenner bringen.

Auf Einladung des Ortskartells Kaufbeuren im Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) hatten sich etwa 80 Frauen und Männer an der Gedenkstätte Steinholz/Mauerstetten eingefunden, um der 472 jüdischen Toten zu gedenken, die als Zwangsarbeiter in dem Barackenlager, einem Außenlager des Konzentrationslagers Dachau, in einem unsäglichen Martyrium ermordet wurden.

Hetze, Intoleranz und Fremdenfeindlichkeit

Zum Erinnern und gegen das Vergessen skizzierte Werner Gloning, ehemaliger DGB-Regionalvorsitzender und immer noch aktiver Kreisvorsitzender in Günzburg, ein politisches und gesellschaftliches Szenario der Gegenwart, das sich in seinen Inhalten an den Geschehnissen der 1930er Jahre ausrichtete.

Er sehe „erschreckende Parallelen“, früher die NSDAP, heute die AfD. Vor 1933 habe die NSDAP permanent „Politikgiftgemisch“ versprüht: Hass, Hetze, Intoleranz, Nationalismus, Fremdenfeindlichkeit und Sündenbock-Theorien, die die Juden betrafen. Letztlich verfahre die AfD nach dem gleichen Muster.

Rechtsextremen den Nährboden entziehen

Hier entstehe eine Lawine, die es zu stoppen gelte, sagte Gloning und forderte zum Gegensteuern auf: Aufklären, Bildung verbessern, Nulltoleranz gegen Rechtsextremismus.

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Und die AfD dürfe nicht als normale Partei behandelt werden. „Wir brauchen mehr Gerechtigkeit und soziale Sicherheit für die Menschen, um Rechtsextremen den Nährboden zu entziehen“, erklärte Gloning.

9. November mit dreifacher historischer Bedeutung

„Wer vom Erinnern spricht, arbeitet an der Gegenwart“, bekräftigte zudem der Kaufbeurer Stadtrat Martin Valdez-Stauber. Die Maxime müsse die Erkenntnis sein, dass so etwas nie wieder passieren dürfe.

Bundestagsabgeordnete Susanne Ferschl (Linke) betonte die dreifache historische Bedeutung des 9. November: 1918 Ausrufung der Republik, 1938 Pogromnacht und 1989 Mauerfall. „Ihr habt keine Schuld, aber Ihr seid schuld, wenn ihr das Vergessen zulasst“, zitierte sie eine Zeitzeugin.

Dabei maß sie der Pogromnacht eine besondere Rolle zu, denn sie sei Auftakt einer bis dahin noch nie da gewesenen, systematischen Vernichtung in der Menschheitsgeschichte geworden.

Soziale Netzwerke würden Hass fördern

DGB-Ortsvorsitzender Paul Meichelböck, der als Organisator in Kooperation mit mehreren städtischen Einrichtungen die Veranstaltung moderierte, gab den Sozialen Netzwerken die Mitschuld an der Entwicklung. Sie würden Hass und Hetze fördern und seien eine willkommene Plattform für rechtsextremes Gedankengut, getragen von der AfD.

Die Gedenkveranstaltung sei auch wichtig, um sich gegen Unmenschlichkeit und Unrecht zu wehren und sich für Menschenrechte für Alle einzusetzen. Als besondere Gäste nahmen die DGB-Regionalvorsitzende Silke Klos-Töllinger und SPD-Kreisrat Paul Wengert teil.